Ver­sa­gung von Voll­zugs­lo­cke­run­gen bei lang­jäh­rig Inhaf­tier­ten

Das Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG ver­pflich­tet den Staat, den Straf­voll­zug auf das Ziel aus­zu­rich­ten, dem Inhaf­tier­ten ein zukünf­ti­ges straf­frei­es Leben in Frei­heit zu ermög­li­chen [1]. Beson­ders bei lang­jäh­rig im Voll­zug befind­li­chen Per­so­nen erfor­dert dies, aktiv den schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen des Frei­heits­ent­zu­ges ent­ge­gen­zu­wir­ken und ihre Lebens­tüch­tig­keit zu erhal­ten und zu fes­ti­gen [2].

Ver­sa­gung von Voll­zugs­lo­cke­run­gen bei lang­jäh­rig Inhaf­tier­ten

Die Gesetz­ge­ber haben dem­entspre­chend im Straf­voll­zugs­ge­setz eben­so wie im Baye­ri­schen Straf­voll­zugs­ge­setz auch dem Voll­zug der lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ein Behand­lungs- und Reso­zia­li­sie­rungs­kon­zept zugrun­de gelegt [3]. Der Wie­der­ein­glie­de­rung des Gefan­ge­nen die­nen unter ande­rem die Vor­schrif­ten über Voll­zugs­lo­cke­run­gen [4].

Auch einem zu lebens­lan­ger Haft Ver­ur­teil­ten kann daher nicht jeg­li­che Locke­rungs­per­spek­ti­ve mit der Begrün­dung ver­sagt wer­den, eine kon­kre­te Ent­las­sungs­per­spek­ti­ve ste­he noch aus [5]. Der Erhal­tung der Lebens­tüch­tig­keit die­nen nicht nur Urlaub und Aus­gän­ge, son­dern auch Aus­füh­run­gen [6]. Bei lang­jäh­rig Inhaf­tier­ten kann daher, auch wenn eine kon­kre­te Ent­las­sungs­per­spek­ti­ve sich noch nicht abzeich­net und wei­ter­ge­hen­den Locke­run­gen eine Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr ent­ge­gen­steht, zumin­dest die Gewäh­rung von Locke­run­gen in Gestalt von Aus­füh­run­gen gebo­ten [7] und der damit ver­bun­de­ne per­so­nel­le Auf­wand hin­zu­neh­men sein [8]. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt darf es in die­sen Fäl­len nicht bei blo­ßen pau­scha­len Wer­tun­gen oder bei dem abs­trak­ten Hin­weis auf eine Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr bewen­den las­sen. Sie hat viel­mehr im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung nähe­re Anhalts­punk­te dar­zu­le­gen, wel­che geeig­net sind, die Pro­gno­se einer Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr in der Per­son des Gefan­ge­nen zu kon­kre­ti­sie­ren [9]. Das mit jeder Voll­zugs­lo­cke­rung ver­bun­de­ne Risi­ko eines Ent­wei­chens aus der Haft oder eines Miss­brauchs der Maß­nah­me zu Straf­ta­ten muss aus die­sen Grün­den her­aus unver­tret­bar erschei­nen [10].

Ver­sagt die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt eine Voll­zugs­lo­cke­rung, prü­fen die Fach­ge­rich­te im Ver­fah­ren nach §§ 109 ff. StVoll­zG, ob die Voll­zugs­be­hör­de die unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fe der Befürch­tung von Flucht oder Miss­brauch rich­tig aus­ge­legt und ange­wandt hat. Zwar eröff­net der Ver­sa­gungs­grund der Flucht- und Miss­brauchs­ge­fahr als Pro­gno­se­ent­schei­dung der Voll­zugs­be­hör­de einen – ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­den – Beur­tei­lungs­spiel­raum, in des­sen Rah­men sie bei Ach­tung der Grund­rech­te des Gefan­ge­nen meh­re­re Ent­schei­dun­gen tref­fen kann, die glei­cher­ma­ßen recht­lich ver­tret­bar sind [11]. Das Gericht hat dem­entspre­chend den Sach­ver­halt umfas­send auf­zu­klä­ren und dabei fest­zu­stel­len, ob die Voll­zugs­be­hör­de den zugrun­de geleg­ten Sach­ver­halt ins­ge­samt voll­stän­dig ermit­telt und damit eine hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Grund­la­ge für ihre Ent­schei­dung geschaf­fen hat [12]. Legt das Straf­voll­stre­ckungs­ge­richt die­sen Maß­stab sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de, prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ledig­lich, ob das Straf­voll­stre­ckungs­ge­richt der Voll­zugs­be­hör­de einen zu wei­ten Beur­tei­lungs­spiel­raum zuge­bil­ligt und damit Bedeu­tung und Trag­wei­te des ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Reso­zia­li­sie­rungs­an­spruchs ver­kannt hat und ob die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung unter Zugrun­de­le­gung des dar­ge­leg­ten fach­ge­richt­li­chen Maß­stabs schlecht­hin nicht mehr nach­voll­zieh­bar ist und damit den aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz abzu­lei­ten­den Anspruch auf will­kürfreie Ent­schei­dung (Art. 3 Abs. 1 GG) ver­letzt [13].

Bei Aus­füh­run­gen genügt die ein­fa­che Fest­stel­lung einer Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr grund­sätz­lich nicht zur Ableh­nung, denn die hier vor­ge­se­he­ne Beglei­tung des Gefan­ge­nen durch Voll­zugs­be­diens­te­te dient gera­de dem Zweck, einer sol­chen Gefahr ent­ge­gen­zu­wir­ken [14]. Ins­be­son­de­re sind Aus­füh­run­gen kei­ne Behand­lungs­maß­nah­men, deren Gewäh­rung von der vor­he­ri­gen Erstel­lung eines Behand­lungs­kon­zepts oder dem Abschluss einer The­ra­pie abhän­gig gemacht wer­den kön­nen [15].

Sie die­nen viel­mehr dem Zweck, die Lebens­tüch­tig­keit des Gefan­ge­nen zu erhal­ten und den schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen des Frei­heits­ent­zu­ges ent­ge­gen­zu­wir­ken. Voll­zugs­lo­cke­run­gen machen es dem Gefan­ge­nen mög­lich, nach lan­gem Frei­heits­ent­zug wenigs­tens ansatz­wei­se Ori­en­tie­rung für ein nor­ma­les Leben zu suchen und zu fin­den. Je nach dem Erfolg die­ser Ori­en­tie­rungs­su­che stel­len sich die Lebens­ver­hält­nis­se des Gefan­ge­nen güns­ti­ger oder ungüns­ti­ger dar [16]. Dabei greift das Gebot, die Lebens­tüch­tig­keit des Gefan­ge­nen zu erhal­ten, nicht erst dann ein, wenn er bereits Anzei­chen einer haft­be­ding­ten Depra­va­ti­on auf­weist [17]. Fer­ner hat das Inter­es­se des Gefan­ge­nen, vor den schäd­li­chen Fol­gen aus der lang­jäh­ri­gen Inhaf­tie­rung bewahrt zu wer­den und sei­ne Lebens­tüch­tig­keit im Fal­le der Ent­las­sung aus der Haft zu behal­ten, um so höhe­res Gewicht, je län­ger die Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe bereits andau­ert [18].

Die­sen Anfor­de­run­gen hielt im hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Land­ge­richts Regens­burg [19] nicht stand. Wenn das Gericht fest­stellt, die Abwä­gung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt las­se kei­ne Feh­ler erken­nen, so misst es – wie zuvor schon die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt – den Inter­es­sen des Beschwer­de­füh­rers an einer Erhal­tung sei­ner Lebens­tüch­tig­keit und der Ver­mei­dung von Haft­schä­den kein hin­rei­chen­des Gewicht bei. Das Gericht ver­kennt das hohe Gewicht, das dem Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­se und dem Inter­es­se des Beschwer­de­füh­rers, vor den schäd­li­chen Fol­gen der lang­jäh­ri­gen Inhaf­tie­rung bewahrt zu wer­den, nach etwa 22-jäh­ri­ger Haft­ver­bü­ßung zukommt. Es ver­kennt die Pflicht, aktiv den schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen des Frei­heits­ent­zu­ges ent­ge­gen­zu­wir­ken und die Lebens­tüch­tig­keit von Gefan­ge­nen zu erhal­ten und zu fes­ti­gen. Die von der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt vor­ge­nom­me­ne Bewer­tung des Inter­es­ses des Beschwer­de­füh­rers an einer Aus­füh­rung trägt der Funk­ti­on von Aus­füh­run­gen lang­jäh­rig Inhaf­tier­ter nicht aus­rei­chend Rech­nung.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Novem­ber 2019 – 2 BvR 2267/​18

  1. vgl. BVerfGE 116, 69, 85 f. m.w.N.; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 45, 187, 238; 64, 261, 277; 98, 169, 200; 109, 133, 150 f.[]
  3. BVerfGE 117, 71, 91[]
  4. vgl. BVerfG, a.a.O., S. 92[]
  5. vgl. BVerfGK 9, 231, 237; BVerfG, Beschlüs­se vom 05.08.2010 – 2 BvR 729/​08, Rn. 36; und vom 29.02.2012 – 2 BvR 368/​10, Rn. 41[]
  6. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 05.08.2010 – 2 BvR 729/​08, Rn. 32; vom 26.10.2011 – 2 BvR 1539/​09, Rn. 17; und vom 23.05.2013 – 2 BvR 2129/​11, Rn. 15[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.09.2008 – 2 BvR 719/​08, Rn. 3[]
  8. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 29.02.2012 – 2 BvR 368/​10, Rn. 41; und vom 23.05.2013 – 2 BvR 2129/​11, Rn. 16[]
  9. vgl. BVerfGE 64, 261, 277; 70, 297, 312 ff.[]
  10. vgl. BVerfGE 70, 297, 313; BVerfG, Beschluss vom 21.09.2018 – 2 BvR 1649/​17, Rn. 26[]
  11. vgl. BGHSt 30, 320, 324 f.[]
  12. vgl. BVerfGE 70, 297, 308; BVerfG, Beschluss vom 21.09.2018 – 2 BvR 1649/​17, Rn. 28[]
  13. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 01.04.1998 – 2 BvR 1951/​96, Rn. 21; und vom 21.09.2018 – 2 BvR 1649/​17, Rn. 29[]
  14. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 15.05.2018 – 2 BvR 287/​17, Rn. 39; vom 21.09.2018 – 2 BvR 1649/​17, Rn. 32; Beschluss vom 20.06.2012 – 2 BvR 865/​11, Rn. 17[]
  15. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.05.2018 – 2 BvR 287/​17, Rn. 38[]
  16. vgl. BVerfGK 17, 459, 462[]
  17. vgl. BVerfGK 19, 157, 165; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14, Rn. 27[]
  18. vgl. BVerfGE 64, 261, 272 f.; 70, 297, 315 BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14, Rn. 27[]
  19. LG Regens­burg, Beschluss vom 20.07.2018 – SR StVK 995/​17; bestä­tigt von OLG Nürn­berg, Beschluss vom 06.09.2018 – 1 Ws 319/​18[]