Voll­zugs­lo­cke­run­gen trotz Tat­leug­nung

Allein das Leug­nen der Tat durch den Ver­ur­teil­ten recht­fer­tigt nicht das Ver­sa­gen voll­zugs­öff­nen­der Maß­nah­men wie bei­spiels­wei­se einer Aus­füh­rung oder eines Begleit­aus­gan­ges.

Voll­zugs­lo­cke­run­gen trotz Tat­leug­nung

In dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Hamm ent­schie­de­nen Fall ver­büßt der Straf­ge­fan­ge­ne eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe in einer Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt am Nie­der­rhein. Im Juni 2014 hat­te er 15 Jah­re der Frei­heits­stra­fe ver­büßt. Im April die­ses Jah­res schrieb die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt den Voll­zugs­plan für den Betrof­fe­nen fort, ohne Voll­zugs­lo­cke­run­gen – sog. voll­zugs­öff­nen­de Maß­nah­men – zu gewäh­ren und wies zur Begrün­dung dar­auf hin, dass der Betrof­fe­ne zu einer selbst­kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst nicht bereit sei und die der Ver­ur­tei­lung zugrun­de lie­gen­de Tat leug­ne. Flucht- und Miss­brauchs­ge­fahr könn­ten des­we­gen nicht mit aus­rei­chen­der Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den. Eine Per­spek­ti­ve für Locke­run­gen erge­be sich erst dann, wenn beim Betrof­fe­nen eine Ver­än­de­rungs­be­reit­schaft bestehe und er dar­über hin­aus von der bestehen­den Leug­nungs­hal­tung Abstand neh­me. Nach der Bestä­ti­gung der Ent­schei­dung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt durch die zustän­di­ge Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Kle­ve hat der Betrof­fe­ne Rechts­be­schwer­de ein­ge­legt und erhielt nun vor dem Ober­lan­des­ge­richt Hamm Recht:

Das Ober­lan­des­ge­richt hat den Voll­zugs­plan auf­ge­ho­ben, soweit er dem Betrof­fe­nen Voll­zugs­lo­cke­run­gen ver­sagt, und die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ange­wie­sen, die Rege­lun­gen des Voll­zugs­plans über Voll­zugs­lo­cke­run­gen neu fort­zu­schrei­ben. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt habe zwar, so das OLG Hamm, einen Beur­tei­lungs­spiel­raum bei der Prü­fung, ob dem Straf­ge­fan­ge­nen voll­zugs­öff­nen­de Maß­nah­men auf­grund einer Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr zu ver­sa­gen sei­en. Hier­bei müs­se sie aber von einem voll­stän­dig ermit­tel­ten Sach­ver­halt aus­ge­hen und alle für die Abwä­gung rele­van­ten Umstän­de berück­sich­ti­gen. Zu die­sem gehör­ten u.a. die Per­sön­lich­keit des Ver­ur­teil­ten, sein Vor­le­ben, etwai­ge frü­he­re Straf­ta­ten, die Umstän­de und das Gewicht der Tat sowie die Tat­mo­ti­va­ti­on, außer­dem sein Ver­hal­ten und sei­ne Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung im Voll­zug.

Im vor­lie­gen­den Fall las­se die Begrün­dung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt eine über die Berück­sich­ti­gung der Leug­nungs­hal­tung des Betrof­fe­nen hin­aus­ge­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den für die Abwä­gung bedeut­sa­men Umstän­den ver­mis­sen. In Bezug auf das vom Betrof­fe­nen geleug­ne­te Tat­ge­sche­hen sei zudem zu berück­sich­ti­gen, dass die Tat nicht auf einem impul­si­ven Durch­bruch oder einer spon­ta­nen aggres­si­ven Reak­tio­nen her­aus began­gen wor­den sei, son­dern sich in einer kon­sti­tu­ie­rend zuspit­zen­den Situa­ti­on über län­ge­re Zeit mit einer län­ger dau­ern­den Tat­pla­nung und Tat­aus­füh­rung ent­wi­ckelt habe. Aus wel­chem Grund das Leug­nen einer der­ar­ti­gen Tat­aus­füh­rung – ange­sichts bereits bean­stan­dungs­frei erfolg­ter Aus­füh­run­gen des Betrof­fe­nen – eine Flucht- und/​oder Miss­brauchs­ge­fahr begrün­den kön­ne, las­se sich den Erwä­gun­gen der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt nicht ent­neh­men. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt habe daher den feh­ler­haf­ten Teil des Voll­zugs­plans neu fort­zu­schrei­ben.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2015 – 1 Vollz(Ws) 411/​15