Voll­zugs­lo­cke­run­gen – und das Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­se

Das Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG ver­pflich­tet den Staat, den Straf­voll­zug auf das Ziel aus­zu­rich­ten, dem Inhaf­tier­ten ein zukünf­ti­ges straf­frei­es Leben in Frei­heit zu ermög­li­chen1. Beson­ders bei lang­jäh­rig im Voll­zug befind­li­chen Per­so­nen erfor­dert dies, aktiv den schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen des Frei­heits­ent­zu­ges ent­ge­gen­zu­wir­ken und ihre Lebens­tüch­tig­keit zu erhal­ten und zu fes­ti­gen2.

Voll­zugs­lo­cke­run­gen – und das Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­se

Der Wie­der­ein­glie­de­rung des Straf­ge­fan­ge­nen die­nen unter ande­rem die Vor­schrif­ten über Voll­zugs­lo­cke­run­gen3. Auch einem zu lebens­lan­ger Haft Ver­ur­teil­ten kann daher nicht jeg­li­che Locke­rungs­per­spek­ti­ve mit der Begrün­dung ver­sagt wer­den, eine kon­kre­te Ent­las­sungs­per­spek­ti­ve ste­he noch aus4.

Der Erhal­tung der Lebens­tüch­tig­keit die­nen nicht nur Urlaub und Aus­gän­ge, son­dern auch Aus­füh­run­gen5.

Bei lang­jäh­rig Inhaf­tier­ten kann daher, auch wenn eine kon­kre­te Ent­las­sungs­per­spek­ti­ve sich noch nicht abzeich­net und wei­ter­ge­hen­den Locke­run­gen eine Flucht- oder Miss­brauchs­ge­fahr ent­ge­gen­steht, zumin­dest die Gewäh­rung von Locke­run­gen in Gestalt von Aus­füh­run­gen gebo­ten6 und der damit ver­bun­de­ne per­so­nel­le Auf­wand hin­zu­neh­men sein7.

Dabei greift das Gebot, die Lebens­tüch­tig­keit des Gefan­ge­nen zu erhal­ten, nicht erst dann ein, wenn er bereits Anzei­chen einer haft­be­ding­ten Depri­va­ti­on auf­weist8. Fer­ner hat das Inter­es­se des Gefan­ge­nen, vor den schäd­li­chen Fol­gen aus der lang­jäh­ri­gen Inhaf­tie­rung bewahrt zu wer­den und sei­ne Lebens­tüch­tig­keit im Fal­le der Ent­las­sung aus der Haft zu behal­ten, umso höhe­res Gewicht, je län­ger die Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe bereits andau­ert9.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Janu­ar 2016 – 2 BvR 3030/​14

  1. vgl. BVerfGE 116, 69, 85 f. m.w.N.; stRspr
  2. vgl. BVerfGE 45, 187, 238; 64, 261, 277; 98, 169, 200; 109, 133, 150 f.; BVerfGK 17, 459, 462; 19, 306, 315; 20, 307, 312
  3. vgl. BVerfGE 117, 71, 92
  4. vgl. BVerfGK 9, 231, 237; 17, 459, 462 f.; 19, 306, 315
  5. vgl. BVerfGK 17, 459, 462; 19, 306, 315 f.; 20, 307, 312
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.09.2008 – 2 BvR 719/​08 3
  7. vgl. BVerfGK 17, 459, 462 f.; 19, 306, 316; 20, 307, 313
  8. BVerfGK 19, 157, 165; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14 27
  9. vgl. BVerfGE 64, 261, 272 f.; 70, 297, 315; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14 27