Wider­ruf der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung – und die zustän­di­ge Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer

Geht auf­grund der Rechts­kraft des Straf­ur­teils die voll­zo­ge­ne Unter­su­chungs­haft in Straf­haft über, ist ab die­sem Tag die sach­li­che Zustän­dig­keit der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer begrün­det, in deren Bezirk die betref­fen­de Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt liegt 1.

Wider­ruf der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung – und die zustän­di­ge Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer

Der sach­li­chen Zustän­dig­keit der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer steht nicht ent­ge­gen, dass gegen den Ver­ur­teil­ten ab Rechts­kraft der Nach­ver­ur­tei­lung bis zu sei­ner Ver­le­gung in den Maß­re­gel­voll­zug am 24.08.2017 Orga­ni­sa­ti­ons­haft voll­streckt wur­de 2. Denn die Orga­ni­sa­ti­ons­haft ist zunächst schlich­te Straf­haft 3.

Bei der Orga­ni­sa­ti­ons­haft, deren Dau­er regel­mä­ßig zunächst nicht fest­steht, han­delt es sich auch nicht um eine kurz­fris­ti­ge vor­über­ge­hen­de Auf­nah­me, die als sol­che nicht zustän­dig­keits­be­grün­dend wir­ken kann 4.

Die aner­kann­ten Bei­spie­le einer kurz­fris­ti­gen vor­über­ge­hen­den Auf­nah­me wie etwa die Ver­schubung, die Wahr­neh­mung eines Gerichts­ter­mins oder eine ärzt­li­che Unter­su­chung sind mit der typi­scher­wei­se meh­re­re Wochen dau­ern­den und hin­sicht­lich ihres Endes zunächst nicht fixier­ten Orga­ni­sa­ti­ons­haft nicht ver­gleich­bar 5. Zudem ist – für die ver­gleich­ba­re Fra­ge der ört­li­chen Zustän­dig­keit – aner­kannt, dass eine geplan­te spä­te­re Ver­le­gung nach dem Voll­stre­ckungs­plan 6 eine bereits begrün­de­te Zustän­dig­keit der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer nicht besei­tigt.

Die ört­li­che Zustän­dig­keit einer Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer für den Wider­ruf einer Bewäh­rung bestimmt sich gemäß § 462a Abs. 1 Satz 1 StPO danach, in wel­chem Bezirk die Anstalt liegt, in der sich der Ver­ur­teil­te zu dem Zeit­punkt befin­det oder zuletzt befand, zu dem eine erst­ma­li­ge Befas­sung mit der kon­kre­ten Ange­le­gen­heit gege­ben war 7. Eine mit der ers­ten Befas­sung begrün­de­te ört­li­che Zustän­dig­keit wird durch spä­ter ein­ge­tre­te­ne Umstän­de nicht berührt 8.

Befasst im Sin­ne von § 462a Abs. 1 Satz 1 StPO ist ein Gericht mit der Sache schon dann, wenn Tat­sa­chen akten­kun­dig wer­den, die den Wider­ruf der Straf­aus­set­zung recht­fer­ti­gen kön­nen 9.

Dies war im hier ent­schie­de­nen Fall spä­tes­tens mit Ein­tritt der Rechts­kraft der Ver­ur­tei­lung des Land­ge­richts Göt­tin­gen am 29.12 2016 der Fall. Denn ab die­sem Zeit­punkt waren die den Wider­ruf begrün­den­den Umstän­de dem Land­ge­richt Göt­tin­gen und damit auch der dor­ti­gen Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer bekannt. Uner­heb­lich ist dabei, dass die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Göt­tin­gen tat­säch­lich erst durch die Antrag­stel­lung der Staats­an­walt­schaft am 29.08.2017 und damit nach der Ver­le­gung des Ver­ur­teil­ten in die Psych­ia­tri­sche Kli­nik Lüne­burg von dem Sach­ver­halt erfah­ren hat.

Dar­über hin­aus begrün­det auch die Befas­sung des für den Bewäh­rungs­wi­der­ruf ursprüng­lich zustän­di­gen Amts­ge­richts Ostero­de am Harz noch vor dem 24.08.2017 die ört­li­che Zustän­dig­keit der seit dem 29.06.2017 sach­lich zustän­di­gen Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Göt­tin­gen.

Inso­fern bewirkt näm­lich die Befas­sung eines Gerichts, das all­ge­mein für die Ent­schei­dung zustän­dig sein kann, die Zustän­dig­keit der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer, in deren Bezirk die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt liegt 10.

Die Ver­le­gung des Ver­ur­teil­ten in die Psych­ia­tri­sche Kli­nik in Lüne­burg änder­te an der Zustän­dig­keit der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Göt­tin­gen nichts. Ein Zustän­dig­keits­wech­sel von einer Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer zu einer ande­ren tritt nicht ein, solan­ge ers­te­re noch nicht abschlie­ßend über eine Fra­ge befun­den hat, mit der sie befasst war, bevor der Ver­ur­teil­te in eine zum Bezirk der ande­ren Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer gehö­ren­den Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt auf­ge­nom­men wur­de 11. Eine Ent­schei­dung über den Wider­ruf der Straf­aus­set­zung ist bis­her jedoch nicht erfolgt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Dezem­ber 2017 – 2 ARs 541/​17

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 02.12 1977 – 2 ARs 366/​77, BGHSt 27, 302, 303; vom 28.08.1991 – 2 ARs 366/​91, BGHSt 38, 63, 65; vom 16.05.2012 – 2 ARs 159/​12, NStZ 2012, 652, 653; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt; StPO, 60. Aufl., § 462a Rn. 6; SK-StPO/Pa­eff­gen, 4. Aufl., § 462a Rn. 3[]
  2. BGH, Beschluss vom 28.07.2015 – 2 ARs 141/​15 4; OLG Hamm, Beschluss vom 19.02.2009 – 3 Ws 44/​09, NStZ 2010, 295, 296; KK-StPO/Appl, 7. Aufl., StPO § 462a Rn. 9; aA Radtke/​Hohmann/​Baier § 462a Rn. 6; Beck­OK Straf­voll­zug Bund/​Slawik, StPO § 462a Rn. 3[]
  3. Pohlmann/​Jabel/​Wolf, Straf­voll­stre­ckungs­ord­nung, 9. Aufl., 2016 § 462a Rn. 17c[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12 2016 – 2 ARs 5/​16, Stra­Fo 2017, 86[]
  5. OLG Hamm, aaO, S. 296[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.12 2016 – 2 ARs 5/​16, aaO; vom 28.08.1991 – 2 ARs 366/​91, BGHSt 38, 63, 65[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 21.02.2017 – 2 ARs 62/​17, aaO; vom 21.07.2006 – 2 ARs 302/​06, NStZ-RR 2007, 94; KK-StPO/Appl, 7. Aufl., § 462a Rn. 16[]
  8. BGH, Beschlüs­se vom 21.02.2017 – 2 ARs 62/​17, aaO; vom 14.08.1981 – 2 ARs 174/​81, BGHSt 30, 189; Appl aaO Rn. 21[]
  9. st. Rspr.; BGH, Beschlüs­se vom 15.10.1975 – 2 ARs 296/​75, BGHSt 26, 214, 216; vom 11.07.2012 – 2 ARs 164/​12, NStZ-RR 2012, 358[]
  10. st. Rspr.; BGH, Beschlüs­se vom 06.05.1987 – 2 ARs 105/​87, BGHR StPO § 462a Abs. 1 Befasst­sein 3; vom 26.11.2003 – 2 ARs 382/​03 bei Becker, NStZ-RR 2005, 65, 69[]
  11. st. Rspr.; BGH, Beschluss vom 08.12 2016 – 2 ARs 5/​16, Stra­Fo 2017, 86[]