Zurück­stel­lung der Straf­voll­stre­ckung – zur Fort­set­zung einer Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung mit Diacetylmorphin

Die Durch­füh­rung einer ambu­lan­ten dia­mor­phin­ge­stütz­ten Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung recht­fer­tigt eine Zurück­stel­lung der Straf­voll­stre­ckung gemäß § 35 BtMG, wenn die Behand­lung auch eine inten­si­ve psy­cho­so­zia­le Beglei­tung umfasst und als Fern­ziel eine voll­stän­di­ge Absti­nenz ange­strebt wird.

Zurück­stel­lung der Straf­voll­stre­ckung – zur Fort­set­zung einer Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung mit Diacetylmorphin

Auch eine ambu­lan­te Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung kann eine zur Reha­bi­li­ta­ti­on geeig­ne­te Maß­nah­me i.S. von § 35 BtMG dar­stel­len. Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass sich die Behand­lung nicht auf die Abga­be des Sub­sti­tu­ti­ons­mit­tels beschränkt, son­dern eine inten­si­ve psy­cho­so­zia­le Beglei­tung umfasst und die gesund­heit­li­che Sta­bi­li­sie­rung sowie die sozia­le und beruf­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung des Pati­en­ten mit dem Fern­ziel der Dro­gen­frei­heit anstrebt1.

Die­se Maß­stä­be gel­ten für die Behand­lung mit her­kömm­li­chen Sub­sti­tu­ti­ons­mit­teln in glei­cher Wei­se wie für die Sub­sti­tu­ti­on mit Dia­mor­phin, also syn­the­ti­schem Hero­in. Die Abga­be von Dia­mor­phin ist auf­grund des im Juli 2009 in Kraft getre­te­nen Geset­zes zur dia­mor­phin­ge­stütz­ten Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung in beson­de­ren, von der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de zuge­las­se­nen Ein­rich­tun­gen zuläs­sig (§ 13 Abs. 3 BtMG, § 5a BtMVV). Mit der Zulas­sung soll­ten eine zusätz­li­che the­ra­peu­ti­sche Opti­on zur Behand­lung schwerst­kran­ker Opio­idab­hän­gi­ger ermög­licht und ver­stärkt die­je­ni­gen Pati­en­ten the­ra­peu­tisch erreicht wer­den, die im Rah­men her­kömm­li­cher Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lun­gen nicht erfolg­reich behan­delt wer­den konn­ten; sie soll­ten durch die­se The­ra­pie­form in höhe­rem Maße als durch die her­kömm­li­che Behand­lung gesund­heit­lich und sozi­al sta­bi­li­siert und von Straf­ta­ten wie ille­ga­lem Dro­gen­kon­sum abge­hal­ten wer­den2. Die seit­dem erwor­be­nen Erfah­run­gen mit dem Ein­satz von Dia­mor­phin zur Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung haben weder nach Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung noch der ärzt­li­chen Behand­ler Zwei­fel dar­an erge­ben, dass die Behand­lung zur Errei­chung die­ser Zie­le tat­säch­lich geeig­net ist3. Es besteht des­halb kein Anlass, an der grund­sätz­li­chen Eig­nung der Dia­mor­phin-Behand­lung zur gesund­heit­li­chen und sozia­len Sta­bi­li­sie­rung eines Abhän­gi­gen zu zwei­feln, zumal § 35 BtMG für unter­schied­li­che The­ra­pie­kon­zep­te offen ist4. In jedem ein­zel­nen Fall unter­liegt die The­ra­pie zudem gemäß § 5a Abs. 4 der Betäu­bungs­mit­tel-Ver­schrei­bungs­ver­ord­nung (BtMVV) einer zwei­jäh­ri­gen Über­prü­fung durch einen exter­nen sucht­me­di­zi­nisch qua­li­fi­zier­ten Arzt.

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Zurückstellung der Strafvollstreckung gem. § 35 BtMG - und der Streitwert

Beson­der­hei­ten bestehen aller­dings inso­weit, als im Rah­men einer dia­mor­phin­ge­stütz­ten Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung zunächst kei­ne Absti­nenz des Abhän­gi­gen von Hero­in erreicht wird, son­dern ihm das Sucht­mit­tel im Gegen­teil wei­ter­hin – in syn­the­ti­scher Form – ver­ab­reicht wird. Den­noch lässt auch die­ses The­ra­pie­kon­zept es zu, die Dro­gen­frei­heit des Betrof­fe­nen der­ge­stalt anzu­stre­ben, dass sie – wie es auch für die ande­ren Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lun­gen maß­geb­lich ist – als Fern­ziel erreicht wer­den soll. Von einer sol­chen Ziel­set­zung der Dia­mor­phin-Behand­lung ist auch grund­sätz­lich aus­zu­ge­hen. Denn gemäß § 5a Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 5 Abs. 2 Satz 1 BtMVV soll im Rah­men der ärzt­li­chen The­ra­pie eine Opio­idab­sti­nenz des Pati­en­ten im Rah­men der dia­mor­phin­ge­stütz­ten Behand­lung eben­so ange­strebt wer­den wie bei her­kömm­li­chen Substitutionsbehandlungen.

Der Zustim­mung steht ins­be­son­de­re nicht ent­ge­gen, dass die ärzt­li­che Stel­lung­nah­me nur über einen dras­ti­schen Rück­gang des Bei­kon­sums ille­ga­ler Dro­gen beim Antrag­stel­ler berich­tet, nicht aber über eine voll­stän­di­ge Auf­ga­be des Bei­kon­sums. Es kann dahin­ste­hen, ob die­se Stel­lung­nah­me die Annah­me eines fort­dau­ern­den Bei­kon­sums recht­fer­tigt oder – wie die spä­te­re ärzt­li­che Stel­lung­nah­me nahe legt – bei ihm über­haupt kei­ne Anhalts­punk­te mehr für einen sol­chen Kon­sum bestehen.

Denn auch Beige­brauch von Dro­gen lässt für sich genom­men weder die Eig­nung der Sub­sti­tu­ti­ons­the­ra­pie zur Reha­bi­li­ta­ti­on des Antrag­stel­lers ent­fal­len, noch begrün­det sie erheb­li­che Zwei­fel an sei­ner The­ra­pie­mo­ti­va­ti­on5. Ein Bei­kon­sum schließt auch nach den Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer zur Durch­füh­rung der sub­sti­tu­ti­ons­ge­stütz­ten Behand­lung Opio­idab­hän­gi­ger einen The­ra­pie­er­folg nicht aus, son­dern soll (nur) bei einem fort­ge­setzt schwer­wie­gen­den Kon­sum psy­cho­tro­per Sub­stan­zen zu einem The­ra­pie­ab­bruch füh­ren (Ziff. 4.2 der Richt­li­nie). Dies steht im Ein­klang mit dem Zweck des § 35 BtMG, auch so genann­ten Risi­ko­pa­ti­en­ten eine The­ra­pie­chan­ce zu eröff­nen, die erst nach einem län­ge­ren Pro­zess auf einen Bei­kon­sum ver­zich­ten kön­nen6. Anlass zu einem Zwei­fel an der The­ra­pie­mo­ti­va­ti­on besteht des­halb vor­nehm­lich dann, wenn wäh­rend der Sub­sti­tu­ti­ons­the­ra­pie der Bei­kon­sum von Dro­gen noch ansteigt7. Dies ist vor­lie­gend nicht der Fall, da der Antrag­stel­ler aus­weis­lich der ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me im Rah­men der bis­he­ri­gen The­ra­pie sei­nen Bei­kon­sum jeden­falls „dras­tisch redu­ziert“ hat und mit der wei­te­ren ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me mit­ge­teilt wird, dass von einer ille­ga­len Beschaf­fung von Sub­stan­zen durch den Antrag­stel­ler nichts bekannt sei.

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Widersprüchliche Feststellungen zur BTM-Abhängigkeit im Strafurteil

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 5. Juli 2021 – 2 VAs 8/​21

  1. OLG Ham­burg, Beschluss vom 31.01.2003, StV 2003, 290; OLG Olden­burg, Beschluss vom 09.10.1995, StVK 1995, 650; OLG Köln, Beschluss vom 15.08.1995, StV 1995, 649; OLG Olden­burg, Beschluss vom 01.02.1994, StVK 1994, 262; Körner/​Patzak/​Volkmer/​Fabricius, BtMG § 35 Rn. 167; Weber, BtMG § 35 Rn. 88; Mün­che­ner Kom­men­tar-StGB/­Korn­probst, BtMG § 35 Rn. 82[]
  2. BT-Drs. 16/​13021, S. 6, 11[]
  3. vgl. BT-Drs.19/9569, S. 2 ff.; Deut­sches Ärz­te­blatt 2020, S. 16–19[]
  4. vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 21.03.2011, NStZ-RR 2011, 259; Körner/​Patzak/​Volkmer/​Fabricius, BtMG § 35 Rn. 155[]
  5. vgl. OLG Ham­burg, Beschluss vom 31.01.2003, StV 2003, 290; Mün­che­ner Kom­men­tar-StGB/­Korn­probst, BtMG § 35 Rn. 81[]
  6. OLG Ham­burg a. a. O.[]
  7. Körner/​Patzak/​Volkmer/​Fabricius, BtMG § 35 Rn. 152; Weber, BtMG § 35 Rn. 82[]

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