Tät­li­cher Angriff auf Voll­stre­ckungs­be­am­te – und der Vor­satz

Seit jeher ver­steht die Recht­spre­chung und – ihr fol­gend – der über­wie­gen­de Teil der Lite­ra­tur unter einem tät­li­chen Angriff jede mit feind­se­li­gem Wil­len unmit­tel­bar auf den Kör­per des Beam­ten zie­len­de Ein­wir­kung, unab­hän­gig von ihrem Erfolg [1].

Tät­li­cher Angriff auf Voll­stre­ckungs­be­am­te – und der Vor­satz

Ziel der Hand­lung muss dabei zwar die Ein­wir­kung auf den Kör­per des Voll­stre­ckungs­be­am­ten sein. Der Vor­satz muss sich aber nicht ein­mal auf eine Kör­per­ver­let­zung bezie­hen [2], son­dern der Angriff kann etwa auch auf eine Frei­heits­be­rau­bung abzie­len [3].

Der Bun­des­ge­richts­hof sieht ent­ge­gen eini­gen Stim­men in der Lite­ra­tur kei­nen Anlass, von die­ser her­kömm­li­chen Begriffs­be­stim­mung abzu­ge­hen.

Mit dem 52. Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Stär­kung des Schut­zes von Voll­stre­ckungs­be­am­ten und Ret­tungs­kräf­ten – vom 23.05.2017 [4] hat der Gesetz­ge­ber die Bege­hungs­wei­se des tät­li­chen Angriffs aus § 113 Abs. 1 StGB her­aus­ge­löst und in § 114 StGB als selb­stän­di­gen Straf­tat­be­stand mit erhöh­tem Straf­rah­men aus­ge­stal­tet. Der neue Straf­tat­be­stand ver­zich­tet auf den Bezug zur Voll­stre­ckungs­hand­lung und soll auch schon tät­li­che Angrif­fe auf Voll­stre­ckungs­be­am­te erfas­sen, die ledig­lich all­ge­mei­ne Dienst­hand­lun­gen wie Strei­fen­fahr­ten oder gän­ge, Befra­gun­gen von Stra­ßen­pas­san­ten, Radar­über­wa­chun­gen, Rei­fen­kon­trol­len, Unfall­auf­nah­men, Beschul­dig­ten­ver­neh­mun­gen und ande­re blo­ße Ermitt­lungs­tä­tig­kei­ten vor­neh­men [5]. Eine Ände­rung der seit über 140 Jah­ren von der Recht­spre­chung in stän­di­ger Übung prak­ti­zier­ten Aus­le­gung die­ses Merk­mals hat der Gesetz­ge­ber damit offen­sicht­lich nicht beab­sich­tigt, son­dern er woll­te ledig­lich die bis­lang in § 113 Abs. 1 StGB gere­gel­te Bege­hungs­form dort „her­aus­lö­sen“ und in den neu­en § 114 Abs. 1 StGB trans­fe­rie­ren [6].

Soweit von Stim­men in der Lite­ra­tur nach der Geset­zes­än­de­rung eine restrik­ti­ve­re Aus­le­gung des tät­li­chen Angriffs als bis­her befür­wor­tet wird [7], ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof dem aus den genann­ten Grün­den nicht zu fol­gen [8]. Dage­gen steht der aus­drück­li­che Wil­le des Gesetz­ge­bers, wie er auch im fort­gel­ten­den Wort­laut der Norm sei­nen Aus­druck gefun­den hat. Ob – wie in der Lite­ra­tur viel­fach ver­tre­ten – sei­ne Ent­schei­dung, den tät­li­chen Angriff auf Voll­stre­ckungs­be­am­te wäh­rend ihrer Dienst­aus­übung mit einer höhe­ren Min­dest­stra­fe als eine voll­ende­te Kör­per­ver­let­zung (§ 223 Abs. 1 StGB) und auch mit einem höhe­ren Straf­rah­men als den Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te nach § 113 Abs. 1 StGB zu sank­tio­nie­ren, kri­mi­nal­po­li­tisch oder sys­te­ma­tisch über­zeu­gend ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof nicht zu bewer­ten [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Juni 2020 – 5 StR 157/​20

  1. RGSt 7, 301; 28, 32, 33 f.; 41, 181; 182; 59, 264, 265; vgl. auch RGSt 56, 353, 355; 58, 110, 111 f.; BGH, Beschluss vom 28.06.2007 – 3 StR 234/​07, NStZ 2007, 701; KG, StV 1988, 437; OLG Hamm, Beschlüs­se vom 12.02.2019 – 4 RVs 9/​19; und vom 10.12.2019 – 4 RVs 88/​19; LKStGB/​Rosenau, 12. Aufl., § 113 Rn. 26; Schönke/​Schröder/​Eser, 30. Aufl., § 114 Rn. 4; Lackner/​Kühl/​Heger, 29. Aufl., § 114 Rn. 2; Münch­Komm-StGB/­Bosch, 3. Aufl., § 113 Rn. 24; Matt/​Renzikowski/​Dietmeier, StGB, 2. Aufl., § 114 Rn. 3[]
  2. vgl. Eser, aaO; OLG Hamm, aaO; vgl. auch BSG, NJW 2003, 164[]
  3. RGSt 28, 32, 33 f.; 41, 181, 182[]
  4. BGBl. I, S. 1226[]
  5. BT-Drs. 18/​11161, S. 12[]
  6. BT-Drs. 18/​11161, S. 9; vgl. auch OLG Hamm, aaO; Kul­h­anek, JR 2018, 551, 554[]
  7. vgl. Magnus, GA 2017, 530, 535; Puschke/​Rienhoff, JZ 2017, 924, 930; Busch/​Singelnstein, NStZ 2018, 510, 513; Scher­maul, JuS 2019, 663, 665; Jäger, JA 2019, 705, 707 f.; BeckOKStGB/​Dallmeyer, Stand 1.05.2020, § 114 Rn. 5[]
  8. eben­so OLG Hamm, aaO; Eser, aaO, § 114 Rn. 4; Kul­h­anek, JR 2018, 551, 554 f.; ders., NStZ-RR 2020, 39, 40[]
  9. vgl. auch BGH, Beschluss vom 09.09.1997 – 1 StR 730/​96, BGHSt 43, 237, 238[]