Täu­schung durch Unter­las­sen – Auf­klä­rungs­pflicht auf­grund pflicht­wid­ri­gen Vor­ver­hal­tens

Vor­an­ge­gan­ge­nes gefähr­li­ches Tun (Inge­renz) kann eine Auf­klä­rungs­pflicht nicht nur bei Vor­ver­hal­ten mit objek­ti­vem Täu­schungs­cha­rak­ter begrün­den. Wer­den durch das Vor­ver­hal­ten die­je­ni­gen ver­mö­gens­re­le­van­ten Umstän­de ver­än­dert, deren Fort­be­stehen Grund­la­ge wei­te­rer Ver­mö­gens­ver­fü­gun­gen des Getäusch­ten ist, kann dies eben­falls eine Auf­klä­rungs­pflicht begrün­den, die bei Nicht­er­fül­lung zu einer Täu­schung durch Unter­las­sen führt.

Täu­schung durch Unter­las­sen – Auf­klä­rungs­pflicht auf­grund pflicht­wid­ri­gen Vor­ver­hal­tens

Ein pflicht­wid­ri­ges Vor­ver­hal­ten führt aller­dings nur dann zu einer Garan­ten­stel­lung aus Inge­renz, wenn dadurch die nahe­lie­gen­de Gefahr des Ein­tritts eines kon­kre­ten tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolgs ver­ur­sacht wor­den ist 1. Der durch das Vor­ver­hal­ten her­bei­ge­führ­te Zustand muss so beschaf­fen sein, dass es zum Ein­tritt des tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolgs kommt oder ein bereits ein­ge­tre­te­ner Scha­den ver­tieft wird 2.

Eine auf pflicht­wid­ri­gem Vor­ver­hal­ten beru­hen­de Pflicht zur Auf­klä­rung über ver­mö­gens­re­le­van­te Umstän­de wird auch in Tei­len der Straf­rechts­wis­sen­schaft im Grund­satz akzep­tiert 3, meist aber an über das Vor­ge­nann­te hin­aus­ge­hen­de Vor­aus­set­zun­gen geknüpft 4. Eine aus Inge­renz her­rüh­ren­de Auf­klä­rungs­pflicht erfor­de­re eine zuvor geschaf­fe­ne Irr­tums­ge­fahr 5. Die­se soll in Betracht kom­men, wenn der Täter vor­ge­hend unvor­sätz­lich eine unrich­ti­ge Tat­sa­che behaup­tet hat, nach Erken­nen der Unrich­tig­keit aber die Rich­tig­stel­lung unter­bleibt oder er vor­ge­hend vor­sätz­lich Unrich­ti­ges noch ohne Schä­di­gungs­vor­satz behaup­tet hat, den dadurch bewirk­ten Irr­tum beim Erklä­rungs­emp­fän­ger aber spä­ter nun­mehr mit Schä­di­gungs­vor­satz aus­nutzt 6. Die Auf­klä­rungs­pflicht auf­grund Inge­renz soll, wie betrugs­straf­recht­lich rele­van­te Auf­klä­rungs­pflich­ten über­haupt, auf ein Ver­trau­ens­ele­ment zurück­ge­führt wer­den. Das sei gege­ben, wenn das pflicht­be­grün­den­de Vor­ver­hal­ten "den Cha­rak­ter einer objek­ti­ven Täu­schung in sich trägt" und die Auf­klä­rungs­pflicht gera­de dem Ver­mö­gens­schutz der Opfer dient (Satz­ger aaO § 263 Rn. 102 mwN).

Die­se Vor­aus­set­zun­gen einer auf lnge­renz gestütz­ten Auf­klä­rungs­pflicht sind inso­weit zu eng, als sie rele­van­tes Vor­ver­hal­ten aus­schließ­lich auf sol­ches beschrän­ken, das selbst objek­tiv Täu­schungs­cha­rak­ter auf­weist. Jeden­falls für die hier vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung trägt eine sol­che Restrik­ti­on dem hin­ter den Auf­klä­rungs­pflich­ten zuguns­ten eines Ver­mö­gens­in­ha­bers ste­hen­den Ver­trau­ens­ge­dan­ken nicht aus­rei­chend Rech­nung. Die in der Straf­rechts­wis­sen­schaft erör­ter­ten, im vor­ste­hen­den Absatz dar­ge­stell­ten Kon­stel­la­tio­nen sind dadurch gekenn­zeich­net, dass durch objek­tiv täu­schen­des Ver­hal­ten des (mög­li­chen) Täters der des­halb irren­de Ver­fü­gen­de zu einem unbe­wusst selbst­schä­di­gen­den Ver­hal­ten ver­an­lasst wird. Der Getäusch­te soll durch die nach­träg­li­che Auf­klä­rung über die Unrich­tig­keit der für sei­ne Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on bedeut­sa­men Infor­ma­ti­on in die Lage ver­setzt wer­den, nun­mehr auf infor­mier­ter Grund­la­ge über die wei­te­re Ver­wen­dung sei­nes Ver­mö­gens ent­schei­den zu kön­nen. Die Ver­ant­wor­tung des Täters für die Auf­klä­rung rührt aus der Ver­an­las­sung des ver­mö­gens­re­le­van­ten Irr­tums her. Wegen die­ser Ver­ant­wor­tung für die Ent­ste­hung des Irr­tums darf der Ver­mö­gens­in­ha­ber auf eine nach­träg­li­che Rich­tig­stel­lung sei­tens des zunächst objek­tiv Täu­schen­den ver­trau­en.

Jeden­falls in Fall­ge­stal­tun­gen wie den vor­lie­gen­den mit einer Ent­schei­dung der betrof­fe­nen Ver­mö­gens­in­ha­ber für eine Geld­an­la­ge, bei der über einen lan­gen Zeit­raum peri­odisch wie­der­keh­rend Ein­la­gen in die Anla­ge­form zu erbrin­gen sind, wer­den die für die Anla­ge­ent­schei­dung maß­geb­li­chen Umstän­de, wie etwa die Eig­nung zur Alters­vor­sor­ge und zum lang­fris­ti­gen Ver­mö­gens­auf­bau, aber nicht allein durch vor­aus­ge­hen­des objek­tiv täu­schen­des Ver­hal­ten beein­flusst. Viel­mehr kön­nen sich die für eine Anla­ge­ent­schei­dung erheb­li­chen tat­säch­li­chen Umstän­de auch durch ande­re Ver­hal­tens­wei­sen in rele­van­ter Wei­se ver­än­dern. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs täu­schen die Betrei­ber eines Anla­ge­mo­dells die (spä­te­ren) Anle­ger, wenn in den Emis­si­ons­pro­spek­ten eine siche­re Anla­ge mit erheb­li­chen Ren­di­ten in Aus­sicht gestellt wird, die Betrei­ber aber von Anfang an nicht vor­ha­ben, die­se Zie­le zu errei­chen, son­dern statt­des­sen ent­schlos­sen sind, dem jewei­li­gen Fonds­ver­mö­gen eigen­nüt­zig Kapi­tal in erheb­li­chem Umfang zu ent­zie­hen 7. Es liegt in sol­chen Kon­stel­la­tio­nen eine Täu­schung der Anle­ger über die Art, den Zweck und die Qua­li­tät der Anla­ge­form schlecht­hin vor 8.

Erfolgt eine sol­che Täu­schung durch die Betrei­ber des Anla­ge­mo­dells nicht bereits vor der Anla­ge­ent­schei­dung, son­dern ent­schlie­ßen sich die­se erst nach dem Zeich­nen der Betei­li­gung durch die Anle­ger dazu, dem Fonds­ver­mö­gen Kapi­tal in erheb­li­chem Umfang zu eige­nen Zwe­cken zu ent­zie­hen und heben damit die bis­he­ri­gen Zwe­cke der Anla­ge­form auf, stellt sich für die betrof­fe­nen Anle­ger jeden­falls dann kei­ne ande­re Situa­ti­on als vor der ursprüng­li­chen Anla­ge­ent­schei­dung dar, wenn sie durch die raten­wei­se Erbrin­gung immer wie­der auf der Grund­la­ge ver­meint­lich unver­än­der­ter, für das Ver­blei­ben in der Anla­ge rele­van­ter Umstän­de Ver­mö­gens­ver­fü­gun­gen tref­fen. Die Pflicht zur Ertei­lung von Infor­ma­tio­nen über die in den Ver­un­treu­un­gen zu Las­ten des Fonds­ver­mö­gens lie­gen­den, ver­än­der­ten Umstän­den trifft zumin­dest bei der hier vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung die­je­ni­gen, die die Ver­än­de­rung in ihnen zure­chen­ba­rer Wei­se her­bei­ge­führt haben. Dies ent­spricht der dar­ge­stell­ten Wer­tung bei der Ver­ant­wort­lich­keit für eine Garan­ten­pflicht aus Inge­renz auf­grund objek­tiv täu­schen­den Vor­ver­hal­tens.

Die so aus­ge­lös­te Garan­ten­pflicht zur Auf­klä­rung der Anle­ger trifft alle drei Ange­klag­ten als an den Untreu­e­ta­ten straf­bar Betei­lig­te, soweit sie nicht ohne­hin als Ver­tre­tungs­or­ga­ne der betrof­fe­nen Fonds­ge­sell­schaf­ten einer Auf­klä­rungs­pflicht unter­la­gen.

Soweit es hin­sicht­lich Betrugs durch Unter­las­sen bei auf Inge­renz gestütz­ter Garan­ten­stel­lung und dar­aus resul­tie­ren­der Auf­klä­rungs­pflicht einer nähe­ren Begrün­dung der Gleich­wer­tig­keit von Tun und Unter­las­sen (Moda­li­tä­ten­äqui­va­lenz, § 13 Abs. 1 letz­ter Halbs. StGB) bedarf 9, ist die­se gege­ben. Die Pflicht zur Infor­ma­ti­on der Anle­ger bezog sich gera­de auf sol­che für die Anla­ge­ent­schei­dung bedeut­sa­men Umstän­de, bezüg­lich deren Vor­lie­gen im Zeit­punkt der Zeich­nung der Fonds­an­tei­le eine Täu­schung der Anle­ger durch posi­ti­ves Tun infol­ge unrich­ti­ger Inhal­te in den jewei­li­gen Emis­si­ons­pro­spek­ten (vor allem Eig­nung zur Alters­vor­sor­ge und zum lang­fris­ti­gen Ver­mö­gens­auf­bau) erfolgt wäre.

Die Über­zeu­gung des Land­ge­richts, bei Infor­ma­ti­on der Anle­ger über das dem Ver­mö­gen der Fonds­ge­sell­schaf­ten nach­tei­li­ge Ver­hal­ten ent­we­der durch direk­tes Anschrei­ben unter Rück­griff auf die bei den Gesell­schaf­ten geführ­ten Daten­ban­ken, durch Infor­ma­ti­on über das Inter­net oder durch Straf­an­zei­ge, wären wei­te­re Ver­mö­gens­ver­fü­gun­gen der Anle­ger durch fort­lau­fen­de Ein­zah­lun­gen mit Sicher­heit unter­blie­ben, beruht für den Bun­des­ge­richts­hof eben­falls auf einer rechts­feh­ler­frei­en Beweis­wür­di­gung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. März 2017 – 1 StR 466/​16

  1. BGH, Urtei­le vom 23.09.1997 – 1 StR 430/​97, BGHR StGB § 13 Abs. 1 Garan­ten­stel­lung 14; und vom 17.07.2009 – 5 StR 394/​08, BGHSt 54, 44, 47 Rn. 21; Beschluss vom 19.11.2013 – 4 StR 292/​13, BGHSt 59, 68, 70 Rn. 7; sie­he auch Dannecker/​Dannecker JZ 2010, 981, 982[]
  2. BGH, Urteil vom 03.10.1989 – 1 StR 372/​89, BGHSt 36, 255, 258; Beschluss vom 19.11.2013 – 4 StR 292/​13, BGHSt 59, 68, 70 Rn. 7 mwN[]
  3. etwa Kind­häu­ser in Nomos Kom­men­tar zum StGB, 4. Aufl., § 263 Rn. 155; Per­ron aaO § 263 Rn.20; Satz­ger aaO § 263 Rn. 100 jeweils mwN[]
  4. Hefen­dehl aaO § 263 Rn. 165; Satz­ger aaO § 263 Rn. 101 – 103[]
  5. Kind­häu­ser aaO § 263 Rn. 155; Satz­ger aaO § 263 Rn. 100 aE; Hefen­dehl aaO § 263 Rn. 165; Dannecker/​Dannecker JZ 2010, 981, 985[]
  6. Kind­häu­ser und Satz­ger jeweils aaO; vgl. auch Per­ron aaO § 263 Rn.20[]
  7. sie­he etwa BGH, Urteil vom 07.03.2006 – 1 StR 379/​05, BGHSt 51, 10 ff.; Beschluss vom 18.02.2009 – 1 StR 731/​08, BGHSt 53, 199 ff.; vgl. auch Dan­ne­cker in G/​J/​W, 2. Aufl., § 263 Rn. 305[]
  8. BGH aaO BGHSt 51, 10, 14 Rn. 14[]
  9. dazu näher Maaß, Betrug ver­übt durch Schwei­gen, 1982, S. 32 ff.; Hefen­dehl aaO § 263 Rn. 226; Satz­ger aaO, § 263 Rn. 114[]