Tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung

Spricht der Tatrich­ter einen Ange­klag­ten frei, weil er Zwei­fel an sei­ner Täter­schaft nicht zu über­win­den ver­mag, so ist dies vom Revi­si­ons­ge­richt in der Regel hin­zu­neh­men. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung beschränkt sich dar­auf, ob dem Tatrich­ter Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen müs­sen nur mög­lich sein 1; das Revi­si­ons­ge­richt hat die tatrich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung sogar dann hin­zu­neh­men, wenn eine abwei­chen­de Wür­di­gung der Bewei­se näher­lie­gend gewe­sen wäre 2.

Tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung

Die tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung kann ihrer Natur nach nicht erschöp­fend in dem Sin­ne sein, dass alle irgend­wie denk­ba­ren Gesichts­punk­te und Wür­di­gungs­va­ri­an­ten in den Urteils­grün­den aus­drück­lich abge­han­delt wer­den. Dies ist von Rechts wegen auch nicht zu ver­lan­gen.

Aus ein­zel­nen Lücken kann daher nicht ohne Wei­te­res abge­lei­tet wer­den, der Tatrich­ter habe nach den sons­ti­gen Urteils­fest­stel­lun­gen auf der Hand lie­gen­de Wer­tungs­ge­sichts­punk­te nicht bedacht 3.

Lücken­haft ist eine Beweis­wür­di­gung viel­mehr nament­lich dann, wenn sie wesent­li­che Fest­stel­lun­gen nicht erör­tert. Bei der Prü­fung, ob eine sol­che Lücke vor­liegt, ist es jedoch nicht Sache des Revi­si­ons­ge­richts, Mut­ma­ßun­gen dar­über anzu­stel­len, ob wei­te­re Beweis­mit­tel zur Auf­klä­rung der Tat­vor­wür­fe zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten oder wei­te­re Bewei­se erho­ben und im Urteil ledig­lich nicht gewür­digt wor­den sind.

Schon gar nicht kann das Revi­si­ons­ge­richt auf­grund der­ar­ti­ger Mut­ma­ßun­gen das Urteil auf die Sach­rü­ge hin auf­he­ben. Viel­mehr ist es in sol­chen Fäl­len Sache der Staats­an­walt­schaft, ent­we­der durch Erhe­bung einer Auf­klä­rungs­rü­ge gel­tend zu machen, dass das Land­ge­richt wei­te­re mög­li­che Bewei­se zur Erfor­schung des Sach­ver­halts unter Ver­stoß gegen § 244 Abs. 2 StPO nicht erho­ben hat, oder zu bean­stan­den, dass es hier­zu erho­be­ne Bewei­se nicht in sei­ne Wür­di­gung ein­be­zo­gen und daher zu sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung den Inbe­griff der Haupt­ver­hand­lung nicht aus­ge­schöpft hat 4.

Ein einen Rechts­feh­ler dar­stel­len­den und damit die Sach­rü­ge begrün­den­den Wider­spruch kann nicht allein dar­in lie­gen, dass ein­zel­ne Beweis­mit­tel mit­ein­an­der Unver­ein­ba­res erge­ben haben. Eben­so wenig kann ein Wider­spruch dar­in gese­hen wer­den, dass das Gericht einer Zeu­gen­aus­sa­ge folgt, aber hier­aus nicht die von der Staats­an­walt­schaft gezo­ge­ne Schluss­fol­ge­rung zie­hen will 5.

Bei einem Wider­spruch zwi­schen meh­re­ren Erkennt­nis­quel­len hat das Gericht ohne Rück­sicht auf deren Art und Zahl dar­über zu befin­den, in wel­chen von ihnen die Wahr­heit ihren Aus­druck gefun­den hat. Ste­hen sich Bekun­dun­gen eines – ins­be­son­de­re ein­zi­gen – Zeu­gen und des Ange­klag­ten unver­ein­bar gegen­über, darf das Gericht aller­dings den Bekun­dun­gen die­ses Zeu­gen nicht etwa des­halb, weil er (gege­be­nen­falls) Geschä­dig­ter ist, ein schon im Ansatz aus­schlag­ge­bend höhe­res Gewicht bei­mes­sen als den Anga­ben des Ange­klag­ten. Maß­ge­bend ist der inne­re Wert einer Aus­sa­ge, also deren Glaub­haf­tig­keit 6. Bei deren Prü­fung darf und muss der Tatrich­ter gege­be­nen­falls aber auch berück­sich­ti­gen, ob der Zeu­ge schon ande­re zu Unrecht der Bege­hung von Straf­ta­ten bezich­tigt hat (vgl. § 68a Abs. 2 Satz 2 StPO; BGH, Beschluss vom 12.03.2002 – 1 StR 557/​01, NStZ 2002, 495). Zwar ist in sol­chen Fäl­len eine sorg­fäl­ti­ge Beweis­wür­di­gung gebo­ten; der Tatrich­ter ist aber aus Rechts­grün­den nicht gehin­dert, auch auf­grund sol­cher Umstän­de in Tei­len der Aus­sa­ge des Belas­tungs­zeu­gen zu glau­ben, obwohl er ihr in ande­ren Tei­len nicht folgt 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2015 – 4 StR 183/​15

  1. BVerfG, Beschluss vom 26.06.2008 – 2 BvR 2067/​07, Rn. 43[]
  2. BGH, Urteil vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13 mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 28.10.2010 – 4 StR 285/​10, NStZ-RR 2011, 50; vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13[]
  4. BGH, Urtei­le vom 28.10.2010 – 3 StR 317/​10, NStZ-RR 2011, 88 f.; vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.05.2013 – 3 StR 45/​13, Stra­Fo 2013, 339; vom 04.04.2013 – 3 StR 37/​13, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 64; vom 20.09.2012 – 3 StR 158/​12, NStZ-RR 2013, 89; vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 379/​03, NStZ 2004, 635 f.[]
  7. all­ge­mein hier­zu: BGH, Beschlüs­se vom 03.09.2013 – 1 StR 206/​13; vom 25.10.2010 – 1 StR 369/​10; vom 29.07.2003 – 4 StR 253/​03 jeweils mwN[]