Teil­ein­stel­lung – und die voll­stän­di­ge Aus­schöp­fung der ange­klag­ten Taten

Hat das Gericht hin­sicht­lich sämt­li­cher – gleich­för­mi­ger – nicht wei­ter kon­kre­ti­sier­ba­rer Taten den gesam­ten ange­klag­ten Tat­zeit­raum zu Grun­de gelegt und die­sen mit Ver­ur­tei­lung und Beschluss gemäß § 154 Abs. 2 StPO voll­stän­dig aus­ge­schöpft, blei­ben kei­ner­lei Zwei­fel über den Umfang sowohl der abge­ur­teil­ten als auch der ein­ge­stell­ten Taten.

Teil­ein­stel­lung – und die voll­stän­di­ge Aus­schöp­fung der ange­klag­ten Taten

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wur­de dem Ange­klag­ten nach der unver­än­dert zur Haupt­ver­hand­lung zuge­las­se­nen Ankla­ge­schrift u.a. zur Last gelegt, im Zeit­raum vom 29.06.2011 bis zum 11.09.2011 täg­lich – in 75 Fäl­len – mit der min­der­jäh­ri­gen Geschä­dig­ten gegen deren Wil­len den vagi­na­len Geschlechts­ver­kehr durch­ge­führt zu haben. Das Land­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass es "in min­des­tens 20 Fäl­len" zum vagi­na­len Geschlechts­ver­kehr gegen den Wil­len der Geschä­dig­ten kam. Dabei ist es davon aus­ge­gan­gen, dass es inner­halb des ange­klag­ten Tat­zeit­raums drei­mal wöchent­lich, jeden­falls aber in min­des­tens 20 Fäl­len zu den abge­ur­teil­ten Straf­ta­ten kam. Hin­sicht­lich der wei­te­ren ange­klag­ten 55 Fäl­le hat die Straf­kam­mer das Ver­fah­ren mit in der Haupt­ver­hand­lung ver­kün­de­tem Beschluss gemäß § 154 Abs. 2 StPO ein­ge­stellt, "um auch jedem Rest­zwei­fel im Hin­blick auf die Anzahl der Über­grif­fe Rech­nung zu tra­gen".

Die­se Ver­fah­rens­wei­se ist für den 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs recht­lich nicht zu bean­stan­den; Ent­schei­dun­gen des 4. Straf­se­nats ste­hen nicht ent­ge­gen.

Aus­weis­lich des Beschlus­ses des 4. Straf­se­nats vom 29.07.2008 1 hat­te das land­ge­richt­li­che Urteil kei­nen Bestand, weil sich die ursprüng­lich ange­klag­ten sechs Betäu­bungs­mit­tel­ta­ten bereits hin­sicht­lich der Art und Men­ge der uner­laubt ein­ge­führ­ten Betäu­bungs­mit­tel unter­schie­den und der land­ge­richt­li­che Beschluss gemäß § 154 Abs. 2 StPO – nicht näher kon­kre­ti­sier­te – vier Taten umfass­te. Danach war schon zwei­fel­haft, wel­che der ange­klag­ten (unter­schied­li­chen) Taten ein­ge­stellt und wel­che abge­ur­teilt waren.

Im Beschluss des 4. Straf­se­nats vom 13.04.2011 2 ist ent­schei­dend gewe­sen, dass das Land­ge­richt der Ver­ur­tei­lung einen Tat­zeit­raum zu Grun­de gelegt hat, dem es schon an einem hin­rei­chend bestimm­ten End­zeit­punkt – und für einen Teil der abge­ur­teil­ten Straf­ta­ten zudem an einem Anfangs­zeit­punkt – fehl­te, und der zudem gegen­über dem der Ankla­ge zu Grun­de lie­gen­den Tat­zeit­raum ver­kürzt war, ohne dass die Grün­de für die Ver­kür­zung des Tat­zeit­raums dem Urteil zu ent­neh­men waren.

Ent­spre­chen­des gilt für den Beschluss des 4. Straf­se­nats vom 03.12 2013 3; nach Teil­ein­stel­lung gemäß § 154 Abs. 2 StPO bezog sich auch dort die Ver­ur­tei­lung hin­sicht­lich der übri­gen Fäl­le auf einen gegen­über der Ankla­ge nicht nach­voll­zieh­bar ver­kürz­ten Tat­zeit­raum.

Anders liegt der Fall hier: Das Land­ge­richt hat hin­sicht­lich sämt­li­cher – gleich­för­mi­ger – nicht wei­ter kon­kre­ti­sier­ba­rer Taten den gesam­ten ange­klag­ten Tat­zeit­raum zu Grun­de gelegt und die­sen mit Ver­ur­tei­lung und Beschluss gemäß § 154 Abs. 2 StPO voll­stän­dig aus­ge­schöpft. Somit blei­ben kei­ner­lei Zwei­fel über den Umfang sowohl der abge­ur­teil­ten als auch der ein­ge­stell­ten Taten.

Es ist nicht nach­voll­zieh­bar, an die Unter­scheid­bar­keit von gleich­för­mi­gen Seri­en­ta­ten bei Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen gemäß § 154 Abs. 2 StPO höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len 4 als bei Tat­kon­kre­ti­sie­run­gen in Ankla­ge­schrif­ten 5, im Ver­ur­tei­lungs­fall in den Urteils­grün­den 6 oder bei Ver­ur­tei­lun­gen nebst Teil­frei­sprü­chen, falls die Anzahl der fest­ge­stell­ten Taten die Anzahl der ange­klag­ten Taten unter­schrei­tet 7.

Eine bei gleich­för­mi­gen Seri­en­ta­ten vor­zu­neh­men­de genaue zeit­li­che Ein­gren­zung aller Ein­zel­fäl­le und deren Indi­vi­dua­li­sie­rung und Dif­fe­ren­zie­rung ist schon regel­mä­ßig weder in der Ankla­ge noch in den Urteils­fest­stel­lun­gen mög­lich 8. Die Anzahl der – gege­be­nen­falls nach tatrich­ter­li­cher Schät­zung – fest­ge­stell­ten Taten kann dem­nach nur der Gesamt­zahl der ange­klag­ten Taten gegen­über gestellt und eine Dif­fe­renz – wie hier – ermit­telt wer­den, die dann in der Ein­stel­lungs­ent­schei­dung gemäß § 154 Abs. 2 StPO zum Aus­druck kommt. Eine sol­che Ver­fah­rens­wei­se lässt auch kei­nen Zwei­fel dar­über, in wel­chem Umfang Geset­zes­ver­let­zun­gen nicht wei­ter­ver­folgt wer­den sol­len 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. August 2014 – 2 StR 128/​14

  1. BGH, Beschluss vom 29.07.2008 – 4 StR 210/​08[]
  2. BGH, Beschluss vom 13.04.2011 – 4 StR 7/​11[]
  3. BGH, Beschluss vom 03.12.2013 – 4 StR 461/​13[]
  4. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 07.10.2011 – 1 StR 321/​11, NStZ-RR 2012, 50, 51; Urteil vom 26.10.2006 – 5 StR 290/​06, BGHR StPO § 154 Abs. 5 Wie­der­auf­nah­me 3[]
  5. vgl. dazu BGH, Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 46; Schnei­der in KK-StPO, 7. Aufl., § 200 Rn. 5; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 57. Aufl., § 200 Rn. 9, jeweils mwN[]
  6. vgl. Kuck­ein in KK-StPO, aaO, § 267 Rn. 9a; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, aaO, § 267 Rn. 6a, jeweils mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 10.05.1994 – 5 StR 239/​94, BGHR StPO § 260 Abs. 1 Teil­frei­spruch 10; und vom 13.12 2000 – 5 StR 540/​00, BGHR StPO § 260 Abs. 1 Teil­frei­spruch 13[]
  8. vgl. Schnei­der, aaO mwN[]
  9. vgl. Beul­ke in Löwe/​Rosenberg, StPO, 26. Aufl. § 154a Rn. 8[]