Tele­fon­über­wa­chung aus­län­di­schen Kon­su­lats­per­so­nals

Der Tele­fon­über­wa­chung eines Aus­län­ders, der als Mit­glied des Ver­wal­tungs­per­so­nals eines Kon­su­lats sei­nes Hei­mat­staa­tes in Deutsch­land gemel­det ist (hier: wegen des Ver­dachts einer geheim­dienst­li­chen Agen­ten­tä­tig­keit, § 99 StGB) steht ein Ver­fah­rens- sowie Ver­fol­gungs­hin­der­nis nach § 19 GVG ent­ge­gen.

Tele­fon­über­wa­chung aus­län­di­schen Kon­su­lats­per­so­nals

Der Beschul­dig­te ist als Bediens­te­ter des Ver­wal­tungs­per­so­nals (Art. 1 Abs. 1 Buchst. e, Art.19 WÜK) vom per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich des Art. 43 Abs. 1 WÜK erfasst.

Die ihm zur Last geleg­ten Hand­lun­gen unter­fal­len dem sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift.

Die kon­su­la­ri­sche Immu­ni­tät nach Art. 43 Abs. 1 WÜK erstreckt sich aus­schließ­lich auf Hand­lun­gen, die in Wahr­neh­mung kon­su­la­ri­scher Auf­ga­ben ("in the exer­cise of con­su­lar func­tions") vor­ge­nom­men wor­den sind. Die Abgren­zung zwi­schen einer kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben­wahr­neh­mung im Sin­ne des Art. 5 WÜK und einer sons­ti­gen Tätig­keit kann im Ein­zel­nen schwie­rig sein [1]. Im Zwei­fels­fall kommt es dar­auf an, ob das Han­deln des Kon­suls oder sei­ner Beam­ten mit ihrer dienst­li­chen Betä­ti­gung noch irgend­wie in einem inne­ren Zusam­men­hang steht [2]. Ein sol­cher Zusam­men­hang ist hier gege­ben.

Der Gene­ral­bun­des­an­walt ver­däch­tigt den Beschul­dig­ten, gezielt Infor­ma­tio­nen über Ange­hö­ri­ge des eige­nen Staa­tes, ins­be­son­de­re zu sol­chen, die mit einer bestimm­ten (mög­li­cher­wei­se ter­ro­ris­ti­schen) Orga­ni­sa­ti­on zusam­men­ar­bei­te­ten, besorgt zu haben. Eine sol­che Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung kann zur Wahr­neh­mung der Inter­es­sen des Ent­sen­de­staa­tes sowie sei­ner Ange­hö­ri­gen im Emp­fangs­staat erfor­der­lich sein, die zu den kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben gehört (Art. 5 Buchst. a WÜK). Eine nähe­re Kennt­nis über die Akti­vi­tä­ten etwai­ger ter­ro­ris­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen, die sich gegen den Ent­sen­de­staat wen­den, liegt mög­li­cher­wei­se nicht allein im Inter­es­se des Ent­sen­de­staa­tes selbst, son­dern auch im Inter­es­se sei­ner Ange­hö­ri­gen im Emp­fangs­staat, falls die­se etwa als Angriffs­zie­le ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen in Betracht kom­men. Inso­fern erschöp­fen sich die in Art. 5 Buchst. a WÜK genann­ten kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben nicht in dem Ver­kehr mit Ange­hö­ri­gen des Ent­sen­de­staa­tes gemäß Art. 36 WÜK. Im Ergeb­nis bedür­fen die in der Beschwer­de­schrift näher erör­ter­ten Vor­aus­set­zun­gen des Art. 36 WÜK hier somit kei­ner Prü­fung.

Die wei­te­ren bis­lang bekann­ten Umstän­de spre­chen – wie in dem ange­foch­te­nen Beschluss zutref­fend aus­ge­führt – eben­falls dafür, dass der Beschul­dig­te in Zusam­men­hang mit sei­ner kon­su­la­ri­schen Tätig­keit han­del­te: So nimmt der Gene­ral­bun­des­an­walt an, dass der Beschul­dig­te auf Ver­an­las­sung des Ent­sen­de­staa­tes han­del­te. Auch nutz­te er bei den ihm vor­ge­wor­fe­nen Akti­vi­tä­ten mehr­fach den Tele­fon­an­schluss des Kon­su­lats, was dem ers­ten Anschein nach für Tele­fo­na­te in Wahr­neh­mung kon­su­la­ri­scher Auf­ga­ben spricht [3]. Die teil­wei­se Benut­zung des pri­va­ten Tele­fon­an­schlus­ses steht einer sol­chen Auf­ga­ben­wahr­neh­mung nicht ent­ge­gen, da der Beschul­dig­te auch Gesprä­che über Pass- und Visa­an­ge­le­gen­hei­ten (sie­he Art. 5 Buchst. d WÜK)), teils erkenn­bar zu Büro­zei­ten und in den Räu­men des Kon­su­lats, über sei­nen Mobil­funk­an­schluss führ­te. Ins­ge­samt besteht daher ein inne­rer Zusam­men­hang zur dienst­li­chen Betä­ti­gung.

Für die kon­su­la­ri­sche Immu­ni­tät kommt es nicht dar­auf an, ob die in Wahr­neh­mung kon­su­la­ri­scher Auf­ga­ben ent­fal­te­te Tätig­keit recht­mä­ßig war. Zwar zählt Art. 5 Buchst. a WÜK den Inter­es­sen­schutz nur inner­halb der völ­ker­recht­lich zuläs­si­gen Gren­zen zu den kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben. Über­dies sind die Rechts­vor­schrif­ten des Emp­fangs­staa­tes all­ge­mein zu beach­ten (Art. 55 Abs. 1 Satz 1 WÜK; vgl. auch Art. 36 Abs. 2 WÜK). Doch ist die Recht­mä­ßig­keit nicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung für das Vor­lie­gen der Immu­ni­tät, da die­se ansons­ten im Ergeb­nis weit­ge­hend wir­kungs­los blie­be [4]. Im Hin­blick dar­auf hat die Völ­ker­rechts­kom­mis­si­on (Inter­na­tio­nal Law Com­mis­si­on) bei Aus­ar­bei­tung des Wie­ner Über­ein­kom­mens über kon­su­la­ri­sche Bezie­hun­gen bewusst davon abge­se­hen, die Immu­ni­tät wei­ter zu beschrän­ken und davon abhän­gig zu machen, dass die amt­li­chen Hand­lun­gen jeweils inner­halb der Gren­zen des Kon­su­lar­rechts lie­gen [5]. Auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am Ran­de einer Ent­schei­dung bemerkt, dass die Art. 41 ff. WÜK selbst Spio­ne vor der Straf­ver­fol­gung schüt­zen könn­ten: Zwar könn­ten sich die­se nicht auf die Grund­sät­ze der Staa­ten­im­mu­ni­tät beru­fen; doch gel­te unter ande­rem dann eine Aus­nah­me, wenn sie den Schutz der Art. 41 ff. WÜK genös­sen [6].

Die­se Aus­le­gung des Art. 43 Abs. 1 WÜK führt nicht zur Schutz­lo­sig­keit des Emp­fangs­staa­tes. Soweit ein kon­su­la­ri­scher Bediens­te­ter im Rah­men sei­ner Auf­ga­ben­wahr­neh­mung die Rech­te des Emp­fangs­staa­tes ver­letzt, erge­ben sich des­sen Reak­ti­ons­mög­lich­kei­ten aber allein aus dem Kon­su­lar­recht selbst. Die­ses stellt inso­weit eine in sich geschlos­se­ne Ord­nung – ein "self­con­tai­ned régime" – dar [7]. So kann etwa der Emp­fangs­staat jeder­zeit noti­fi­zie­ren, dass ein Kon­su­lar­be­am­ter per­so­na non gra­ta oder dass ein ande­res Mit­glied des kon­su­la­ri­schen Per­so­nals ihm nicht genehm ist (Art. 23 Abs. 1 Satz 1 WÜK), und damit dem etwai­gen Miss­brauch kon­su­la­ri­scher Vor­rech­te begeg­nen [8].

Einer Tätig­keit in Erfül­lung kon­su­la­ri­scher Auf­ga­ben steht nicht ent­ge­gen, dass der Beschul­dig­te (ledig­lich) Bediens­te­ter des Ver­wal­tungs­per­so­nals ist. Soweit der Anwen­dungs­be­reich des Art. 43 WÜK eröff­net ist, ist uner­heb­lich, in wel­cher Funk­ti­on das Mit­glied der kon­su­la­ri­schen Ver­tre­tung han­del­te [9].

Eine Aus­nah­me von der nach Art. 43 Abs. 1 WÜK gege­be­nen Immu­ni­tät – etwa auf­grund Ver­zichts des Ent­sen­de­staats (Art. 45 WÜK) – liegt nicht vor.

Da die deut­sche Straf­ge­richts­bar­keit in Bezug auf den dem Beschul­dig­ten vor­ge­wor­fe­nen Sach­ver­halt nicht gege­ben ist, schei­den die vom Gene­ral­bun­des­an­walt begehr­ten Ermitt­lungs­maß­nah­men aus. Denn soweit die Gerichts­bar­keit ("juris­dic­tion") des Emp­fangs­staa­tes fehlt, sind gegen den jewei­li­gen kon­su­la­ri­schen Mit­ar­bei­ter bereits Unter­su­chungs­hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen [10]. Daher bedür­fen die wei­te­ren Fra­gen, ob die bis­lang gewon­ne­nen Erkennt­nis­se ver­wert­bar sind und inwie­weit die Über­wa­chung des pri­vat ange­mel­de­ten Mobil­te­le­fons zuläs­sig ist, kei­ner Erör­te­rung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Juni 2013 – StB 7/​13

  1. vgl. Year­book of the Inter­na­tio­nal Law Com­mis­si­on, 1961, Vol. II, S. 117; Wagner/​Raasch/​Pröpstl, WÜK, 2007, S. 296 ff.[]
  2. BGH, Beschluss vom 04.04.1990 – StB 5/​90, BGHSt 36, 396, 401; für eine eher wei­te Aus­le­gung von Art. 5 Buchst. a bis e WÜK etwa Lee/​Shidlowski/​Roy, Cana­di­an Year­book of Inter­na­tio­nal Law 34 [1996], 293, 299[]
  3. vgl. dazu Pola­kie­wicz, ZaöRV 1990, 761, 767[]
  4. s. BGH, aaO S. 401 f.[]
  5. vgl. Year­book of the Inter­na­tio­nal Law Com­mis­si­on, 1961, Vol. II, S. 117[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.05.1995 – 2 BvL 19/​91 u.a., BVerfGE 92, 277, 321; s. auch Krei­cker, Völ­ker­recht­li­che Exem­tio­nen, Bd. 1, 2007, S. 443, 487 f.; aA Richt­steig, WÜD und WÜK, 2. Aufl., S. 211[]
  7. s. IGH, Urteil vom 24.05.1980 – Gene­ral List No. 64, I.C.J. Reports 1980, 3, 39 ff.; zur diplo­ma­ti­schen Immu­ni­tät BVerfG, Beschluss vom 10.06.1997 – 2 BvR 1516/​96, BVerfGE 96, 68, 83[]
  8. vgl. IGH, aaO S. 39 f.; BGH, Beschluss vom 04.04.1990 – StB 5/​90, BGHSt 36, 396, 402; zu wei­te­ren Reak­ti­ons­mög­lich­kei­ten Lee/​Shidlowski/​Roy, Cana­di­an Year­book of Inter­na­tio­nal Law 34 [1996], 293, 299 f.[]
  9. vgl. dazu ins­be­son­de­re den Stand­punkt der deut­schen Dele­ga­ti­on bei den Ver­hand­lun­gen zum WÜK: United Nati­ons, Con­fe­rence on Con­su­lar Rela­ti­ons, Offi­cial Records, 1963, Vol. I, S. 57[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 14.12.1984 – 2 ARs 252/​84, BGHSt 33, 97, 98; Kissel/​Mayer, GVG, 7. Aufl., § 18 Rn. 18; LR/​Bött­cher, StPO, 26. Aufl., § 19 Rn. 8[]