Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung – und der arbeits­un­wil­li­ge Amts­rich­ter

Die Ent­schei­dung, ob Anträ­ge der Ermitt­lungs­be­hör­den "ange­nom­men" wer­den, unter­lie­gen nicht der Dis­po­si­ti­on des Gerichts.

Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung – und der arbeits­un­wil­li­ge Amts­rich­ter

So sah der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall hin­sicht­lich der Über­wa­chung der ISDN-Anschlüs­se der Betrei­ber eines Inter­net­ca­fes gemäß § 20l BKAG recht­li­che Beden­ken, soweit die­ser Maß­nah­me auf­grund ange­nom­me­nen Gefah­ren­ver­zugs zunächst nur die Eil­an­ord­nung des Prä­si­den­ten des Bun­des­kri­mi­nal­amts vom 23.12 2010 zugrun­de lag (§ 20l Abs. 3 Satz 2 BKAG). Der Eil­an­ord­nung war um 15.05 Uhr ein Tele­fo­nat zwi­schen einem Beam­ten des Bun­des­kri­mi­nal­amts und dem für die Anord­nung zustän­di­gen Amts­rich­ter vor­aus­ge­gan­gen, bei dem der Amts­rich­ter erklärt hat­te, dass das Amts­ge­richt Wies­ba­den an die­sem Tage "kei­ne Anträ­ge mehr anneh­men wür­de. Der zustän­di­ge Rich­ter sei heu­te damit nicht mehr zu errei­chen".

Da in die Bewer­tung des Gefah­ren­ver­zugs sei­tens der für den Erlass einer Eil­an­ord­nung zustän­di­gen nicht­rich­ter­li­chen Orga­ne auch ein­zu­stel­len ist, in wel­chem zeit­li­chen Rah­men mit einer Anord­nung durch das Gericht zu rech­nen wäre [1], begeg­ne­te das Vor­ge­hen des Beam­ten des Bun­des­kri­mi­nal­amts zwar kei­nen recht­li­chen Beden­ken, soweit die­ser zunächst abklär­te, ob in einem ver­tret­ba­ren zeit­li­chen Rah­men mit einer gericht­li­chen Ent­schei­dung über die Anord­nung gerech­net wer­den konn­te.

Jedoch las­sen sich die Hin­ter­grün­de für die Erklä­rung des Amts­rich­ters – etwa die Not­wen­dig­keit, vor­ran­gig ande­re bereits ein­ge­gan­ge­ne Anträ­ge auf Erlass von Anord­nun­gen nach den §§ 20g ff. BKAG bear­bei­ten zu müs­sen – weder dem Ver­merk des Bun­des­kri­mi­nal­amts vom 23.12 2010 noch der dar­auf­hin ergan­ge­nen Eil­an­ord­nung ent­neh­men. Die­se ver­ste­hen sich – abge­se­hen davon, dass die Ent­schei­dung, ob Anträ­ge der Ermitt­lungs­be­hör­den "ange­nom­men" wer­den, nicht der Dis­po­si­ti­on des Gerichts unter­liegt – ins­be­son­de­re ange­sichts der Uhr­zeit des Tele­fo­nats auch nicht von selbst [2]. Das lässt besor­gen, dass sei­tens des Amts­ge­richts eine rich­ter­li­che Ent­schei­dung aus sach­wid­ri­gen Erwä­gun­gen ver­wei­gert und die­se Erklä­rung vom Bun­des­kri­mi­nal­amt ohne wei­te­res hin­ge­nom­men wor­den war. Es bedarf indes kei­ner Klä­rung, ob dies zur Rechts­wid­rig­keit der Eil­an­ord­nung führ­te, weil die nach § 20l Abs. 3 Satz 1 und 3 BKAG erfor­der­li­che rich­ter­li­che Ent­schei­dung am 25.12 2010 nach­ge­holt und rele­van­te Erkennt­nis­se aus der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung erst danach gewon­nen wur­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Janu­ar 2017 – StB 26 und 28/​14

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.06.2015 – 2 BvR 2718/​10 u.a., BVerfGE 139, 245, 270[]
  2. zum Erfor­der­nis der Doku­men­ta­ti­on der den Gefah­ren­ver­zug begrün­den­den Umstän­de vgl. etwa BGH, Beschluss vom 07.03.2006 – 1 StR 534/​05, wis­tra 2006, 311, 312[]