The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz vor dem OLG Stutt­gart

Das The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz kommt lang­sam in der Pra­xis an – wäh­rend gleich­zei­tig das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Siche­rungs­ver­wah­rung auch bei der „The­ra­pie­un­ter­brin­gung“ nach­wirkt.

The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz vor dem OLG Stutt­gart

So hat jetzt das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart auf die sofor­ti­ge Beschwer­de eines Betrof­fe­nen hin des­sen durch das Land­ge­richt Heil­bronn [1] ange­ord­ne­te vor­läu­fi­ge Unter­brin­gung in einer geschlos­se­nen Ein­rich­tung nach dem The­ra­pie­un­ter­brin­gungs­ge­setz auf­ge­ho­ben und den ent­spre­chen­den Antrag zurück­ge­wie­sen. Ange­sichts mitt­ler­wei­le ergan­ge­ner Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs zur Siche­rungs­ver­wah­rung konn­te der Senat das gesetz­lich erfor­der­li­che drin­gen­de Bedürf­nis für ein sofor­ti­ges Tätig­wer­den zur Zeit nicht mehr fest­stel­len.

Der Betrof­fe­ne befin­det sich der­zeit in Siche­rungs­ver­wah­rung in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Heil­bronn. Nach meh­re­ren Ver­ur­tei­lun­gen wegen Sexu­al­de­lik­ten und ande­ren Straf­ta­ten wur­de er zuletzt 1985 wegen Ver­ge­wal­ti­gung in Tat­ein­heit mit sexu­el­ler Nöti­gung zu einer Frei­heits­stra­fe von 3 Jah­ren und 6 Mona­ten ver­ur­teilt. Außer­dem wur­de Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net. Nach dem zum Zeit­punkt der Ver­ur­tei­lung des Betrof­fe­nen gel­ten­den Recht betrug die Höchst­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung 10 Jah­re. Die­se zeit­li­che Beschrän­kung ent­fiel mit dem am 31.Januar 1998 in Kraft getre­te­nen Gesetz zur Bekämp­fung von Sexu­al­de­lik­ten und ande­ren gefähr­li­chen Straf­ta­ten. Daher ord­ne­te das damals zustän­di­ge Land­ge­richt Frei­burg nach Voll­zug von 10 Jah­ren Siche­rungs­ver­wah­rung die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung an.

Ein Straf­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart wies mitt­ler­wei­le mehr­fach die unter Bezug­nah­me auf das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17. Dezem­ber 2009 zu den soge­nann­ten „Zehn-Jah­res-Alt­fäl­len“ gestell­ten Ent­las­sungs­an­trä­ge des Betrof­fe­nen zurück.

Ende Janu­ar 2011 hat­te der Lei­ter der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Heil­bronn die Anord­nung einer The­ra­pie­un­ter­brin­gung des Betrof­fe­nen nach § 1 ThUG in einer geeig­ne­ten geschlos­se­nen Ein­rich­tung sowie die Anord­nung der vor­läu­fi­gen Unter­brin­gung des Betrof­fe­nen im Wege einer einst­wei­li­gen Anord­nung nach § 14 ThUG bean­tragt. Am 29. März 2011 ord­ne­te das Land­ge­richt Heil­bronn im Wege einer einst­wei­li­gen Anord­nung die vor­läu­fi­ge Unter­brin­gung des Betrof­fe­nen in einer geeig­ne­ten geschlos­se­nen Ein­rich­tung für die Dau­er von 3 Mona­ten ab Wirk­sam­keit des Beschlus­ses an. Das Land­ge­richt hat­te die Not­wen­dig­keit sofor­ti­gen Han­delns im Hin­blick auf das zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung offe­ne Ver­fah­ren vor dem Gro­ßen Senat des Bun­des­ge­richts­hofs bejaht. Es sei noch nicht abzu­se­hen, ob der Bun­des­ge­richts­hof zum Ergeb­nis gene­rel­ler Unzu­läs­sig­keit wei­te­rer Maß­re­gel­voll­stre­ckung kom­men wür­de, was die sofor­ti­ge Ent­las­sung des Betrof­fe­nen aus der Siche­rungs­ver­wah­rung zur Fol­ge gehabt hät­te.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schied nun, dass das Land­ge­richt Heil­bronn im Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Anord­nung zwar in nicht zu bean­stan­den­der Wei­se das Vor­lie­gen von Grün­den für die Annah­me bejaht hat, dass der Betrof­fe­ne an einer psy­chi­schen Stö­rung lei­det, und dass der Betrof­fe­ne mit hoher Wahr­schein­lich­keit infol­ge die­ser psy­chi­schen Stö­rung das Leben, die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, die per­sön­li­che Frei­heit und die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung einer ande­ren Per­son erheb­lich beein­träch­ti­gen wird. Jedoch sah der Senat der­zeit kein drin­gen­des Bedürf­nis für ein sofor­ti­ges Tätig­wer­den im Ver­fah­ren nach § 14 ThUG mehr. Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Mai 2011 [2] und der dar­auf basie­ren­den Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23.Mai 2011 [3] ist eine sofor­ti­ge Ent­las­sung des Betrof­fe­nen aus der Siche­rungs­ver­wah­rung nicht gebo­ten und auch nicht zu erwar­ten. Die zustän­di­gen Straf­ge­rich­te haben bis zum 31. Dezem­ber 2011 Gele­gen­heit, aktu­el­le Fest­stel­lun­gen zu tref­fen, ob eine Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung ange­zeigt ist. Dabei geht der Senat davon aus, dass bis zu dem genann­ten Datum auch die in Auf­trag gege­be­nen Gut­ach­ten vor­lie­gen und somit geklärt ist, ob der Betrof­fe­ne an einer psy­chi­schen Stö­rung im Sin­ne von § 1 Abs. 1 Nr. 1 ThUG lei­det. Dann kann gege­be­nen­falls im Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Heil­bronn auf gesi­cher­ter Tat­sa­chen­grund­la­ge über einen ent­spre­chen­den Antrag nach dem ThUG ent­schie­den wer­den.

Die Fra­ge einer geeig­ne­ten Ein­rich­tung als Vor­aus­set­zung für die The­ra­pie­un­ter­brin­gung konn­te – anders als in den vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Ver­fah­ren [4] – vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart dahin­ge­stellt blei­ben, weil sich die Beschwer­de bereits aus dem oben aus­ge­führ­ten Grund als begrün­det erwie­sen hat.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 27. Juni 2011 – 8 W 150/​11

  1. LG Heil­bronn – 1 O‑ThUG 25/​11[]
  2. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09 u.a.[]
  3. BGH, Beschluss vom 23.05.2011 – 5 StR 394/​10 u.a.[]
  4. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 20.Mai 2011 -14 Wx 20/​11 und Wx 24/​11[]