Til­gungs­rei­fe Vor­stra­fen – und die Straf­zu­mes­sung

Gemäß § 51 Abs. 1 BZRG darf dem Betrof­fe­nen eine Tat und die ent­spre­chen­de Ver­ur­tei­lung im Rechts­ver­kehr nicht mehr vor­ge­hal­ten und nicht zu sei­nem Nach­teil ver­wer­tet wer­den, wenn die Ein­tra­gung über die Ver­ur­tei­lung im Regis­ter getilgt wor­den oder sie zu til­gen ist.

Til­gungs­rei­fe Vor­stra­fen – und die Straf­zu­mes­sung

Die­ses bereits mit Ein­tritt der Til­gungs­rei­fe ent­ste­hen­de Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­ver­bot der Ein­tra­gung im Regis­ter bedeu­tet einen Schutz des Betrof­fe­nen auch in den Fäl­len, in denen sei­ne frü­he­re Ver­ur­tei­lung auf ande­re Wei­se als durch eine Regis­ter­aus­kunft bekannt wird, etwa durch Mit­tei­lun­gen von drit­ter Sei­te oder den Betrof­fe­nen selbst 1.

Durch die Rege­lung des § 51 Abs. 1 BZRG wird ein Ver­ur­teil­ter von dem mit sei­ner Ver­ur­tei­lung ver­bun­de­nen Straf­ma­kel befreit und durch die umfas­sen­de Wir­kung der Til­gung die mit der Ver­ur­tei­lung ein­her­ge­hen­de Stig­ma­ti­sie­rung end­gül­tig besei­tigt. Unter das Ver­bot fal­len Tat und Ver­ur­tei­lung sowie deren Vor­hal­ten und Ver­wer­ten im Rechts­ver­kehr zum Nach­teil des Betrof­fe­nen.

Für die Fra­ge der Til­gungs­rei­fe ist maß­geb­li­cher Zeit­punkt in Straf­sa­chen das Ende der Haupt­ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz 2.

Die unein­ge­schränk­te Gel­tung die­ses Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­ver­bo­tes ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes für die Straf­zu­mes­sung unbe­strit­ten; danach darf eine getilg­te oder til­gungs­rei­fe Vor­stra­fe nicht zum Nach­teil des Ange­klag­ten, ins­be­son­de­re nicht straf­schär­fend berück­sich­tigt wer­den 3.

Glei­ches gilt für gemäß § 63 Abs. 1 BZRG til­gungs­rei­fe Ein­tra­gun­gen im Erzie­hungs­re­gis­ter, wenn der Ange­klag­te vor der Haupt­ver­hand­lung das 24. Lebens­jahr voll­endet hat 4.

Das Vor­hal­te- und Ver­wer­tungs­vor­bot til­gungs­rei­fer Bestra­fun­gen und der zugrun­de­lie­gen­den Taten gilt grund­sätz­lich auch für die Anord­nung von Maß­re­geln der Bes­se­rung und Siche­rung, sofern nicht eine der in § 52 BZRG auf­ge­führ­ten Aus­nah­men gege­ben ist 5.

Schließ­lich dür­fen getilg­te Vor­stra­fen auch nicht als Beweis­an­zei­chen für eine nach­tei­li­ge Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit eines Ange­klag­ten oder als Indiz für sei­ne Täter­schaft oder hin­sicht­lich der Glaub­wür­dig­keit von Pro­zess­be­tei­lig­ten her­an­ge­zo­gen wer­den 6.

Strit­tig ist hin­ge­gen, ob § 51 Abs. 1 BZRG auch den Fall erfasst, dass die frü­he­re Straf­tat oder Ver­ur­tei­lung Tat­be­stands­merk­mal einer spä­te­ren Straf­tat ist, die vor Ein­tritt der Til­gungs­rei­fe began­gen wur­de. Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hat dies – zu § 49 BZRG aF – ver­neint und ent­schie­den, dass es gestat­tet sei, eine sonst unter das Ver­wer­tungs­ver­bot fal­len­de Vor­stra­fe zur Aus­fül­lung des gesetz­li­chen Tat­be­stan­des einer neu­en Straf­tat her­an­zu­zie­hen, vor­aus­ge­setzt, dass dies zum Zeit­punkt der Bege­hung der neu­en Straf­tat auch dann mög­lich gewe­sen wäre, wenn das "heu­ti­ge Recht" hät­te ange­wen­det wer­den müs­sen (§ 2 Abs. 2 Satz 2 StGB aF = § 2 Abs. 3 StGB nF). Sonst wür­de etwa eine Falsch­aus­sa­ge, die nach dama­li­gem und "heu­ti­gem Recht" straf­bar ist, straf­los blei­ben, weil ihre Tat­be­stands­mä­ßig­keit nicht mehr fest­ge­stellt wer­den könn­te 7.

Ob dies zutrifft, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall indes offen las­sen, da die­se Rechts­auf­fas­sung jeden­falls auf die hier zu beur­tei­len­de Fall­kon­stel­la­ti­on nicht über­trag­bar ist. Zwar wer­den Taten nach § 176 Abs. 1 und 2 StGB gemäß § 176a Abs. 1 StGB zum schwe­ren sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern her­auf­ge­stuft; die frü­he­re Ver­ur­tei­lung ist dabei Tat­be­stands­merk­mal der Qua­li­fi­ka­ti­ons­vor­schrift. Indes knüpft die­se nicht an das Tat­bild und damit an den unmit­tel­ba­ren Unrechts- und Schuld­ge­halt der neu­en Tat nach § 176 Abs. 1 oder 2 StGB an; viel­mehr betrifft sie allein die Straf­zu­mes­sungs­schuld, da sie einen ansons­ten bei der Straf­fin­dung nur all­ge­mein zu berück­sich­ti­gen­den Umstand (§ 46 Abs. 2 Satz 2 StGB: Das Vor­le­ben des Täters) für eine bestimm­te Kon­stel­la­ti­on des Rück­falls schon zur Fest­le­gung des Straf­rah­mens her­an­zieht. Nach dem mit § 51 Abs. 1 BZRG ver­folg­ten Zweck und in der Kon­se­quenz der dar­aus von der Recht­spre­chung gezo­ge­nen Fol­ge­run­gen ist es daher nicht zuläs­sig, zum Zeit­punkt der Urteils­ver­kün­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz til­gungs­rei­fe ein­schlä­gi­ge Vor­stra­fen zur Beja­hung der Vor­aus­set­zun­gen des § 176a Abs. 1 StGB zu ver­wer­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Okto­ber 2015 – 3 StR 382/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 08.12 2011 – 4 StR 428/​11, NStZ-RR 2012, 143, 144 mwN[]
  2. vgl. Tolz­mann, BZRG, 5. Aufl., § 51 Rn. 5, 12 ff., 24 mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 11.11.2009 – 1 StR 549/​09, Stra­Fo 2010, 82; vom 24.08.2011 – 1 StR 317/​11, Stra­Fo 2011, 519; und vom 25.01.2011 – 4 StR 681/​10, NStZ-RR 2011, 286[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2012 – 3 StR 141/​12, Stra­Fo 2012, 423; Tolz­mann aaO, Rn. 26 ff.[]
  5. vgl. Tolz­mann aaO, Rn. 37; BGH, Beschluss vom 28.08.2012 – 3 StR 309/​12, BGHSt 57, 300, 302 ff.[]
  6. vgl. Tolz­mann aaO, Rn. 33[]
  7. vgl. OLG Cel­le, Urteil vom 07.12 1972 – 1 Ss 312/​72, NJW 1973, 1012, 1013; eben­so Tolz­mann aaO, Rn. 36; aA Tremml, Die Rechts­wir­kun­gen der Straf­til­gung, Diss.1975, S. 71; Crei­felds, GA 1974, 129, 140[]