Tod nach Brech­mit­tel­ein­satz

Der Tod eines mut­maß­li­chen Dro­gen­dea­lers aus Sier­ra Leo­ne nach einem Brech­mit­tel­ein­satz beschäf­tig­te um den Jah­res­wech­sel 2004/​2005 die Medi­en, eben­so der spä­te­re Frei­spruch des Poli­zei­arz­tes durch das Land­ge­richt Bre­men. Heu­te hat der Bun­des­ge­richts­hofs die­sen Frei­spruch auf­ge­ho­ben und dabei deut­lich höhe­re Sorg­falts­pflich­ten für den Poli­zei­arzt sta­tu­iert als das Land­ge­richt Bre­men. Gleich­zeit stell­te der Bun­des­ge­richts­hofs aber auch die straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit der Orga­ni­sa­to­ren des Beweis­mit­tel­si­che­rungs­diens­tes her­aus, die bis­her von der Bre­mer Straf­jus­tiz nicht belang wur­den: die­se sind nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs als Neben­tä­ter anzu­se­hen.

Tod nach Brech­mit­tel­ein­satz

Das Land­ge­richt Bre­men 1 hat­te den zur Tat­zeit 41-jäh­ri­gen Ange­klag­ten von dem Vor­wurf frei­ge­spro­chen, am 27. Dezem­ber 2004 fahr­läs­sig als Arzt den Tod des 35 Jah­re alten C., eines Staats­an­ge­hö­ri­gen der Repu­blik Sier­ra Leo­ne, im Rah­men einer Exkor­po­ra­ti­on von Dro­gen­be­hält­nis­sen (sog. "Brech­mit­tel­ein­satz") ver­ur­sacht zu haben.

Dem des ille­ga­len Dro­gen­han­dels ver­däch­ti­gen – uner­kannt am Her­zen vor­ge­schä­dig­ten – gefes­sel­ten C. wur­den durch den Ange­klag­ten auf poli­zei­li­che Anord­nung hin Brech­mit­tel und Was­ser über eine Magen­son­de ver­ab­reicht, um ver­schluck­te Koka­in­be­hält­nis­se sicher­zu­stel­len. Im Zuge des­sen ver­lor C. kurz­zei­tig das Bewusst­sein. In Anwe­sen­heit eines her­bei­ge­ru­fe­nen Not­arz­tes setz­te der Ange­klag­te die Zufuhr von Was­ser nach Ber­gen eines ers­ten Koka­in­kü­gel­chens fort. C. fiel ins Koma und ver­starb an einer infol­ge ein­ge­at­me­ten Was­sers ein­ge­tre­te­nen Sauer­stoff­un­ter­ver­sor­gung des Gehirns am 7. Janu­ar 2005 im Kran­ken­haus.

Die Revi­sio­nen der Neben­klä­ger, der Mut­ter und eines Bru­ders des Ver­stor­be­nen, hat­ten heu­te mit der Sach­rü­ge Erfolg, der Bun­des­ge­richts­hof hob den Frei­spruch auf und ver­wies die Sache an eine Schwur­ge­richts­kam­mer des Land­ge­richts Bre­men zurück.

Hier­für aus­schlag­ge­bend war, dass das Land­ge­richt Bre­men die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht unter allen den Ange­klag­ten betref­fen­den beruf­li­chen Sorg­falts­pflich­ten bewer­tet hat. So habe der Ange­klag­te

  • den Betrof­fe­nen nicht über gesund­heit­li­che Risi­ken bei zwangs­wei­sem Brech­mit­tel­ein­satz auf­ge­klärt und
  • nach einer ers­ten Ohn­macht unter men­schen­un­wür­di­gen Umstän­den wei­ter­ge­han­delt.

Den uner­fah­re­nen und mit einem sol­chen Ein­griff stark über­for­der­ten Ange­klag­ten tref­fe auch ein Über­nah­me­ver­schul­den, das durch eben­falls todes­ur­säch­li­che Pflicht­ver­let­zun­gen Drit­ter (Not­arzt, Orga­ni­sa­to­ren des Beweis­mit­tel­si­che­rungs­diens­tes) nicht besei­tigt wer­den konn­te. Die­se sei­en – bis­her unbe­hel­ligt geblie­be­ne – Neben­tä­ter.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zudem die Erwä­gun­gen als rechts­feh­ler­haft bewer­tet, auf Grund derer das Land­ge­richt eine sub­jek­ti­ve Pflicht­ver­let­zung des Ange­klag­ten infol­ge der Anwe­sen­heit und (beschränk­ten) Mit­wir­kung des Not­arz­tes ver­neint hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. April 2010 – 5 StR 18/​10

  1. Land­ge­richt Bre­men, Urteil vom 04.12.2008 – 7 (27) KLs 607 Js 1237/​05[]