Tötungs­de­lik­te – und der Täter-Opfer-Aus­gleich

Bei einem voll­ende­ten Tötungs­de­likt sind die Hin­ter­blie­be­nen nicht "Ver­letz­te" im Sin­ne von § 46a Nr. 1 StGB.

Tötungs­de­lik­te – und der Täter-Opfer-Aus­gleich

Gemäß § 46a Nr. 1 StGB kann die Stra­fe gemil­dert wer­den, wenn der Täter in dem Bemü­hen, einen Aus­gleich mit dem Ver­letz­ten zu errei­chen, sei­ne Tat ganz oder zum über­wie­gen­den Teil wie­der­gut­ge­macht oder deren Wie­der­gut­ma­chung ernst­haft erstrebt hat. Schon der Wort­laut der Vor­schrift legt ein Ver­ständ­nis dahin, dass auch die Hin­ter­blie­be­nen eines durch ein fahr­läs­si­ges oder vor­sätz­li­ches Tötungs­de­likt zu Tode gekom­me­nen Tat­op­fers in ihren Anwen­dungs­be­reich ein­be­zo­gen sein könn­ten, nicht nahe. Das ergibt sich zwar nicht allein aus der Ver­wen­dung der ohne nähe­re Ein­gren­zung und erkenn­bar syn­onym ver­wen­de­ten Begrif­fe "Ver­letz­ter" bzw. "Opfer" 1. Die nach § 46a Nr. 1, § 49 Abs. 1 StGB im Ermes­sen des Tatrich­ters lie­gen­de Straf­mil­de­rung kann aber nur gewährt wer­den, wenn der Täter in dem Bemü­hen um "einen Aus­gleich mit dem Ver­letz­ten" Wie­der­gut­ma­chung leis­tet oder ernst­haft erstrebt. Der straf­zu­mes­sungs­re­le­van­te Aus­gleich knüpft danach schon dem Wort­laut nach an die als Fol­ge der jewei­li­gen Straf­tat ent­stan­de­ne Bezie­hung zwi­schen dem Täter und dem Trä­ger des ver­letz­ten Rechts­guts an.

Eine Beschrän­kung der Anwend­bar­keit des Täter-Opfer-Aus­gleichs auf den unmit­tel­bar durch die Straf­tat Ver­letz­ten – mit der Fol­ge der Unan­wend­bar­keit von § 46a Nr. 1 StGB bei einem voll­ende­ten Tötungs­de­likt – ergibt sich zudem aus dem Wil­len des Gesetz­ge­bers.

Bei der Ver­an­ke­rung des Täter-Opfer-Aus­gleichs in § 46a Nr. 1 StGB hat sich der Gesetz­ge­ber inhalt­lich an die Defi­ni­ti­on des § 10 Abs. 1 Nr. 7 JGG ange­lehnt, wonach die Erfül­lung einer ent­spre­chen­den jugend­rich­ter­li­chen Wei­sung einen förm­li­chen, tat­säch­lich prak­ti­zier­ten Aus­gleich in direk­ter Kon­fron­ta­ti­on des Täters mit der Situa­ti­on des Opfers vor­aus­setzt 2. Schon das gesetz­ge­be­ri­sche Kon­zept von § 10 Abs. 1 Nr. 7 JGG für einen befrie­den­den Aus­gleich setz­te danach das Vor­han­den­sein des unmit­tel­bar geschä­dig­ten Opfers in Gestalt einer "greif­ba­ren natür­li­chen Per­son" 3 not­wen­dig vor­aus. Ange­sichts der aus­drück­li­chen Bezug­nah­me auf § 10 JGG in den Mate­ria­li­en ist aus­zu­schlie­ßen, dass der Gesetz­ge­ber bei der Über­nah­me des Täter-Opfer-Aus­gleichs in das Erwach­se­nen­straf­recht von die­sem Kon­zept des Aus­gleichs zwi­schen Täter und unmit­tel­bar Ver­letz­tem abge­hen woll­te. Für die Annah­me, der Gesetz­ge­ber hät­te im Fall eines voll­ende­ten Tötungs­de­likts den Über­gang der Opfer­stel­lung auf Hin­ter­blie­be­ne in Betracht gezo­gen, bie­ten die Geset­zes­ma­te­ria­li­en danach eben­so wenig einen Anhalt wie für die Annah­me, in einem sol­chen Fall sei­en die Hin­ter­blie­be­nen – neben dem Getö­te­ten – als zusätz­li­che Ver­letz­te anzu­se­hen.

Zu Unrecht beruft sich die Gegen­an­sicht Revi­si­on für ihre Auf­fas­sung, Hin­ter­blie­be­ne sei­en bei voll­ende­ten Tötungs­de­lik­ten in den Täter-Opfer-Aus­gleich ein­zu­be­zie­hen, auf § 395 Abs. 2 StPO. Durch die­se Bestim­mung hat der Gesetz­ge­ber den Hin­ter­blie­be­nen ledig­lich anstel­le des Getö­te­ten eine pro­zes­sua­le Befug­nis (zur Neben­kla­ge) ein­ge­räumt. Die Mög­lich­kei­ten eines Täters, eine Straf­mil­de­rung nach § 46a Nr. 1, § 49 Abs. 1 StGB zu erlan­gen, soll­ten dadurch erkenn­bar nicht erwei­tert wer­den 4. Hier­für spricht auch, dass in § 395 Abs. 1 StPO von der "ver­letz­ten Per­son" die Rede ist, wäh­rend in Absatz 2 wei­te­ren Per­so­nen in abschlie­ßen­der Auf­zäh­lung nur die "glei­che Befug­nis" ver­lie­hen wird 5.

Aus der mit Gesetz zur Ein­füh­rung eines Hin­ter­blie­be­nen­gel­des vom 17.07.2017 6 vor­ge­nom­me­nen Erwei­te­rung der Ersatz­an­sprü­che Drit­ter bei Tötung durch § 844 Abs. 3 BGB ergibt sich nichts ande­res. Die­se Neu­re­ge­lung ist ersicht­lich auf die bür­ger­lich­recht­li­chen Ansprü­che im Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen beschränkt und bil­ligt dem Hin­ter­blie­be­nen unter näher bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen unab­hän­gig vom Nach­weis einer medi­zi­nisch fass­ba­ren Gesund­heits­be­schä­di­gung für des­sen see­li­sches Leid eine Geld­ent­schä­di­gung zu 7.

Schließ­lich ste­hen auch Sinn und Zweck von § 46a Nr. 1 StGB einer erwei­tern­den Aus­le­gung ent­ge­gen. Ein­ge­denk der gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on setzt § 46a Nr. 1 StGB nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess zwi­schen Täter und Opfer vor­aus, der auf einen umfas­sen­den Aus­gleich der durch die Straf­tat ver­ur­sach­ten Fol­gen gerich­tet sein muss. Unver­zicht­bar ist nach Sinn und Zweck der Vor­schrift, dass das Opfer die Leis­tun­gen des Täters als frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich akzep­tiert 8. Die­ser Zweck wür­de bei einer Ein­be­zie­hung mit­tel­bar von der Tat Betrof­fe­ner nach dem Tod des Opfers schon mit Blick auf die Unbe­stimmt­heit des im Ein­zel­fall in Betracht kom­men­den Per­so­nen­krei­ses und die dar­aus für den kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess fol­gen­den prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten regel­mä­ßig ver­fehlt.

Der Fall des von einer Sexu­al­straf­tat betrof­fe­nen Klein­kin­des, bei dem der Bun­des­ge­richts­hof hin­sicht­lich der Straf­mil­de­rung nach § 46a Nr. 1, § 49 Abs. 1 StGB tatrich­ter­li­che Fest­stel­lun­gen zu einem kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess mit des­sen Eltern als Inha­bern der Per­so­nen­sor­ge (§ 1627 BGB) und Ver­tre­ter (§ 1629 BGB) des – über­le­ben­den – Opfers ver­langt hat 9, ist inso­weit anders gela­gert.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Juni 2018 – – 4 StR 144/​18

  1. zum Wort­laut vgl. SSW-StG­B/E­schel­bach, 3. Aufl., § 46a Rn. 9[]
  2. vgl. Gesetz­ent­wurf zum Ver­brBekG, BT-Drs. 12/​6853, S. 21; Bericht des Rechts­aus­schus­ses, BT-Drs. 12/​8588, S. 4; vgl. auch König/​Seitz, NStZ 1995, 1, 2; Kilch­ling, NStZ 1996, 312; Die­mer in Diemer/​Schoreit/​Sonnen, JGG, 7. Aufl., § 10 Rn. 43[]
  3. Die­mer, aaO, Rn. 49[]
  4. vgl. dazu Rich­ter, Täter-Opfer-Aus­gleich und Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung im Rah­men von § 46a StGB, 2014, S. 211[]
  5. vgl. dazu SSW-StPO/­Schöch, 3. Aufl., § 395 Rn. 5[]
  6. BGBl. I, S. 2421[]
  7. BT-Drs. 18/​11397, S. 8; vgl. dazu Erman/​Wilhelmi, BGB, 15. Aufl., § 844 Rn.20[]
  8. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 25.07.1995 – 1 StR 205/​95, NStZ 1995, 492; Urteil vom 31.05.2002 – 2 StR 73/​02, NJW 2002, 3264; Fran­ke, NStZ 2003, 410, 412 f. mwN[]
  9. BGH, Beschluss vom 31.07.2002 – 1 StR 184/​02, BGHR StGB § 46a Begrün­dung 1[]