Tot­schlag durch Unter­las­sen – durch die Toch­ter

Eine Toch­ter ist gegen­über der mit ihr zusam­men leben­den Mut­ter garan­ten­pflich­tig im Sin­ne des § 13 Abs. 1 StGB. Ihre Garan­ten­stel­lung folgt aus der Schutz­pflicht, die sie als Toch­ter gegen­über ihrer mit ihr in Haus­ge­mein­schaft leben­den Mut­ter inne­hat­te.

Tot­schlag durch Unter­las­sen – durch die Toch­ter

Nach § 1618a BGB sind Eltern und Kin­der ein­an­der Bei­stand und Rück­sicht schul­dig. Die­se als Grund­norm für die gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen der Fami­li­en­mit­glie­der ins Bür­ger­li­che Gesetz­buch ein­ge­füg­te Vor­schrift soll zwar nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers ledig­lich Leit­li­ni­en auf­zei­gen; unmit­tel­ba­re Rechts­fol­gen soll­ten an einen Ver­stoß nicht geknüpft sein [1]. Gleich­wohl kommt der Rege­lung im Hin­blick auf ihre Leit­bild­funk­ti­on Bedeu­tung bei der Kon­kre­ti­sie­rung unbe­stimm­ter Rechts­be­grif­fe und der Aus­fül­lung von Lücken zu [2]. Auch über das bür­ger­li­che Recht hin­aus ent­fal­tet § 1618a BGB Wir­kung als Wert­maß­stab [3]. Dass Eltern und Kin­der nach die­ser Norm Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der tra­gen, bean­sprucht somit auch Gel­tung für die straf­recht­li­che Betrach­tung [4].

Das bedeu­tet, dass bei der Prü­fung einer Ein­stands­pflicht von Kin­dern gegen­über Eltern im Sin­ne des § 13 Abs. 1 StGB maß­geb­lich auf § 1618a BGB zurück­zu­grei­fen ist [5]. Ob Kin­der nach die­ser Vor­schrift indes bereits allein auf­grund der for­mal bestehen­den fami­li­en­recht­li­chen Bezie­hung ohne Rück­sicht auf das tat­säch­li­che Bestehen einer effek­ti­ven Fami­li­en­ge­mein­schaft zur Hil­fe­leis­tung gegen­über ihren Eltern ver­pflich­tet sind [6], muss der Bun­des­ge­richts­hof hier nicht ent­schei­den. Die Ange­klag­te leb­te mit ihrer Mut­ter in häus­li­cher Gemein­schaft.

Die­se – tat­säch­li­che – Gemein­schafts­be­zie­hung erhält durch § 1618a BGB ihre spe­zi­fi­sche recht­li­che Aus­ge­stal­tung. Der sonst für das Vor­lie­gen einer Garan­ten­pflicht bei tat­säch­li­chem Zusam­men­woh­nen not­wen­di­gen – jeden­falls kon­klu­den­ten – Erklä­rung der Über­nah­me einer Schutz­funk­ti­on im Ein­zel­fall [7] bedarf es in Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den somit nicht. Viel­mehr begrün­det die in § 1618a BGB nor­mier­te fami­liä­re Soli­da­ri­tät schon von Geset­zes wegen im Eltern-Kind-Ver­hält­nis bei fak­ti­schem Zusam­men­le­ben in aller Regel eine gegen­sei­ti­ge Schutz­pflicht, die als Garan­ten­pflicht im Sin­ne des § 13 Abs. 1 StGB das Han­deln gebie­tet [8].

Ob die Art der fami­liä­ren Bezie­hun­gen im kon­kre­ten Fall ein gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en auf Bei­stand recht­fer­tigt und die­se von gegen­sei­ti­ger Zunei­gung und gegen­sei­ti­gem Respekt getra­gen sind, ist inso­weit uner­heb­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Okto­ber 2016 – 3 StR 248/​16

  1. BT-Drs. 8/​2788, S. 36, 43[]
  2. Stau­din­ger/Hil­big-Luga­ni, BGB, 2015, § 1618a Rn. 6, 11, 13[]
  3. Stau­din­ger/Hil­big-Luga­ni, aaO, Rn.20[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.07.2003 – 3 StR 153/​03, BGHSt 48, 301, 304 zu § 1353 BGB[]
  5. Stau­din­ger/Hil­big-Luga­ni, aaO, Rn. 21; Palandt/​Götz, BGB, 76. Aufl., § 1618a Rn. 3[]
  6. all­ge­mein ableh­nend Fischer, StGB, 63. Aufl., § 13 Rn. 25; Münch­Komm-StGB/­Freund, 3. Aufl., § 13 Rn. 177; vgl. auch S/​S‑Stree/​Bosch, StGB, 29. Aufl., § 13 Rn.19/20[]
  7. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 07.09.1983 – 2 StR 239/​83, NStZ 1984, 163 f.; vom 08.04.1987 – 3 StR 91/​87, BGHR StGB § 13 Abs. 1 Garan­ten­stel­lung 3[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 29.11.1963 – 4 StR 390/​63, BGHSt 19, 167 ff.; bei Ehe­gat­ten schon BGH, Urteil vom 12.02.1952 – 1 StR 59/​50, BGHSt 2, 150, 153 f.; im Ergeb­nis eben­so LK/​Weigend, StGB, 12. Aufl., § 13 Rn. 26; enger SK-StGB/­Ru­dol­phi/Stein, 119. Lfg., § 13 Rn. 49[]