Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er in berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren

Auch in berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren sind rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen zu kom­pen­sie­ren. Dies ent­schied in einem Berufs­rechts­ver­fah­ren gegen einen Steu­er­be­ra­ter jetzt der Senat für Steu­er­be­ra­ter- und Steu­er­be­voll­mäch­tig­ten­sa­chen des Bun­des­ge­richts­hofs und beschrieb dabei auch gleich, wie die Kom­pen­sa­ti­on bei den ver­schie­de­nen berufs­recht­li­chen Maß­nah­men gesche­hen soll:

Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er in berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren

Kom­pen­sa­ti­ons­pflicht im Berufs­rechts­ver­fah­ren[↑]

Der rechts­staat­li­che Grund­satz, unan­ge­mes­se­ne Belas­tun­gen durch eine lan­ge Dau­er des Ver­fah­rens zu ver­mei­den, gilt auch im berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren der Steu­er­be­ra­ter. Dies folgt bereits aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip des Grund­ge­set­zes. Zu dem damit gewähr­leis­te­ten fai­ren, rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren gehört auch die Her­stel­lung von Rechts­si­cher­heit inner­halb ange­mes­se­ner Zeit 1. Denn auch ein stets die wirt­schaft­li­che Exis­tenz­grund­la­ge berüh­ren­des berufs­recht­li­ches Ver­fah­ren kann den Steu­er­be­ra­ter – zumal dann, wenn die Dau­er durch ver­meid­ba­re Ver­zö­ge­run­gen der Jus­tiz­or­ga­ne bedingt ist – zusätz­li­chen fühl­ba­ren Belas­tun­gen aus­set­zen 2. Die­se kön­nen mit zuneh­men­der Ver­fah­rens­dau­er unver­ein­bar sein mit dem aus dem Rechts­staats­ge­bot abge­lei­te­ten Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz, wonach die Rechts­fol­ge ins­be­son­de­re in einem gerech­ten Ver­hält­nis zur Ver­feh­lung des Steu­er­be­ra­ters ste­hen muss 3. Aus die­sem Grund muss sich auch im berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren eine rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung bei der Zumes­sung der berufs­recht­li­chen Maß­nah­me aus­wir­ken 4.

Mit die­sem grund­recht­li­chen Schutz der durch berufs­recht­li­che Maß­nah­men betrof­fe­nen Steu­er­be­ra­ter kor­re­spon­diert nach der jün­ge­ren Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te der eben­falls zu berück­sich­ti­gen­de kon­ven­ti­ons­recht­li­che Schutz durch Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK 5. Berufs­recht­li­che "Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren", bei denen – wie hier (vgl. § 90 Abs. 1 Nr. 4 StBerG) – die Aus­übung des Berufs auf dem Spiel steht, unter­fal­len danach jeden­falls als Strei­tig­kei­ten über einen zivil­recht­li­chen Anspruch regel­mä­ßig des­sen sach­li­chem Gel­tungs­be­reich 6. Auch kon­ven­ti­ons­recht­lich ist mit­hin eine Ver­hand­lung in ange­mes­se­ner Frist im berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren gebo­ten und ein Ver­stoß hier­ge­gen gege­be­nen­falls zu kom­pen­sie­ren.

Grund­sätz­li­che Erwä­gun­gen zur Kom­pen­sa­ti­on[↑]

In leich­ten Fäl­len wird es aus­rei­chen, eine rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung in den Urteils­grün­den aus­drück­lich fest­zu­stel­len und gege­be­nen­falls ihre kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen, ins­be­son­de­re bei einem gro­ßen zeit­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Urteil, im Rah­men der all­ge­mei­nen Rechts­fol­gen­be­mes­sung zu berück­sich­ti­gen 7.

In schwe­rer wie­gen­den Fäl­len wird sich der Tatrich­ter im berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren der Steu­er­be­ra­ter an der Recht­spre­chung der Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­ho­fes zur soge­nann­ten Voll­stre­ckungs­lö­sung 8 zu ori­en­tie­ren haben. Danach ist eine Ent­schä­di­gung für die durch staat­li­che Stel­len ver­ur­sach­te Ver­zö­ge­rung in einem geson­der­ten Schritt nach der eigent­li­chen Straf­zu­mes­sung vor­zu­neh­men. Der Aus­gleich für das erlit­te­ne Ver­fah­ren­s­un­recht wird auf die­se Wei­se von Fra­gen des Unrechts, der Schuld und der Sank­ti­ons­hö­he abge­kop­pelt 9. Die not­wen­di­ge Kom­pen­sa­ti­on für eine rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung ist sodann mit den Mit­teln vor­zu­neh­men, die das jeweils anwend­ba­re mate­ri­el­le oder for­mel­le Recht zur Ver­fü­gung stellt 10.

Auch im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kann auf die­se Wei­se die Ent­schei­dung über die im Ein­zel­fall ange­mes­se­ne berufs­recht­li­che Maß­nah­me nach § 90 StBerG frei­ge­hal­ten wer­den von berufs­rechts­frem­den Erwä­gun­gen. Maß­geb­lich hat sie den Berufs­an­ge­hö­ri­gen zukünf­tig zu einem berufs­ge­mä­ßen Ver­hal­ten zu ver­an­las­sen. Das Maß der per­sön­li­chen Schuld tritt im Rah­men die­ser Pro­gno­se­er­wä­gun­gen in den Hin­ter­grund, im Mit­tel­punkt ste­hen vor­nehm­lich das Inter­es­se der All­ge­mein­heit an einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Rechts­pfle­ge und die Wah­rung des Ver­trau­ens des Recht­su­chen­den in die Inte­gri­tät des Berufs­stan­des 11.

Eine von sol­chen Rechts­fol­gen­er­wä­gun­gen struk­tu­rell abge­setz­te, am Rechts­ge­dan­ken des § 51 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 4 Satz 2 StGB ori­en­tier­te Ent­schä­di­gung im Sin­ne von BGHSt 52, 124 steht unein­ge­schränkt einer­seits im Ein­klang mit den Zie­len des berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens, gewähr­leis­tet ande­rer­seits den im Ein­zel­fall gebo­te­nen Aus­gleich objek­ti­ven Ver­fah­ren­s­un­rechts und damit die Besei­ti­gung der Opf­er­ei­gen­schaft nach Art. 34 MRK.

Kom­pen­sa­ti­on bei beson­ders schwer wie­gen­den Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen[↑]

In Fäl­len beson­ders schwer wie­gen­der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung käme im Ein­zel­fall eine Ver­fah­rens­ein­stel­lung nach §§ 153, 153a StPO in Ver­bin­dung mit § 153 StBerG in Betracht. Ein Ver­fah­rens­hin­der­nis begrün­den auch im berufs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nur ein außer­ge­wöhn­lich gro­ßes Aus­maß der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung und damit ver­bun­de­ne beson­ders schwe­re Belas­tun­gen des Steu­er­be­ra­ters 12.

War­nung und Ver­weis[↑]

In Fäl­len, in denen allein die berufs­recht­li­chen Maß­nah­men der War­nung und des Ver­wei­ses (§ 90 Abs. 1 Nr. 1 und 2 StBerG) in Betracht kom­men, und Anlass weder für eine Ver­fah­rens­ein­stel­lung noch eine blo­ße Fest­stel­lung der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung besteht, wird auf ent­spre­chen­der Rechts­grund­la­ge in der Urteils­for­mel aus­ge­spro­chen wer­den kön­nen, dass zur Kom­pen­sa­ti­on rechts­staats­wid­ri­ger Ver­fah­rens­dau­er ein kon­kret bezif­fer­ter Zeit­raum der für die berufs­ge­richt­li­che Ver­ur­tei­lung vor­ge­se­he­nen Til­gungs­frist nach § 152 Abs. 1 Satz 1 StBerG bereits als ver­stri­chen gilt. Die Ver­ur­tei­lung ist dann ent­spre­chend vor­zei­tig aus den bei der zustän­di­gen Berufs­kam­mer bzw. den Finanz­be­hör­den geführ­ten Akten zu til­gen.

Geld­bu­ße[↑]

Eine direk­te Über­tra­gung der soge­nann­ten Voll­stre­ckungs­lö­sung kommt im Rah­men des § 90 Abs. 1 Nr. 3 StBerG, der Ver­hän­gung einer Geld­bu­ße von bis zu 25.000 €, in Betracht. Ist auf eine Geld­bu­ße erkannt wor­den, so wird die­se in ange­mes­se­ner Höhe für das kon­kre­te berufs­wid­ri­ge Ver­hal­ten im Urteil aus­ge­spro­chen. Zugleich wird in der Urteils­for­mel fest­ge­setzt, dass ein zu bezif­fern­der Teil der zuge­mes­se­nen Geld­bu­ße zur Kom­pen­sa­ti­on erlit­te­ner rechts­staats­wid­ri­ger Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung als bereits voll­streckt gilt 13. Ein dane­ben ver­häng­ter Ver­weis (§ 90 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 StBerG) blie­be hier­von unbe­rührt.

Aus­schluss aus dem Beruf[↑]

Eine ent­spre­chen­de Kom­pen­sa­ti­on wird auch beim Aus­schluss aus dem Beruf nach § 90 Abs. 1 Nr. 4 StBerG grund­sätz­lich mög­lich sein. Ist die­se schärfs­te Maß­nah­me trotz des erheb­li­chen Zeit­ab­laufs zur Über­zeu­gung des Tat­ge­richts wei­ter­hin die ange­mes­se­ne berufs­recht­li­che Reak­ti­on auf das Fehl­ver­hal­ten des Steu­er­be­ra­ters, so besteht inso­weit nur eine höchst begrenz­te Mög­lich­keit der Kom­pen­sa­ti­on rechts­staats­wid­ri­ger Ver­fah­rens­dau­er. Um einen effek­ti­ven Aus­gleich inner­halb des berufs­recht­li­chen Ver­fah­rens zu ermög­li­chen, lässt sich dies hier in einer Abkür­zung der Min­dest­aus­schluss­frist des § 48 Abs. 1 Nr. 2 Alt. 2 StBerG fin­den, wonach erst frü­hes­tens acht Jah­re nach rechts­kräf­ti­gem Aus­schluss aus dem Beruf eine Wie­der­be­stel­lung zum Steu­er­be­ra­ter erfol­gen kann. Eine in Fort­ent­wick­lung gel­ten­den Geset­zes­rechts zur effek­ti­ven Umset­zung der nach höher­ran­gi­gem Recht ver­folg­ten Anlie­gen gemäß Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK und dem Rechts­staats­ge­bot des Grund­ge­set­zes vor­zu­neh­men­de Abkür­zung ermög­licht es, den Steu­er­be­ra­ter hin­sicht­lich einer Wie­der­be­stel­lung so zu stel­len, wie er bei frist­ge­rech­ter Erle­di­gung des Ver­fah­rens gestan­den hät­te. Hier­zu wird die Min­dest­aus­schluss­frist um einen in der Urteils­for­mel fest­zu­set­zen­den Zeit­raum zu ver­min­dern sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Dezem­ber 2009 – StBSt ® 2/​09

  1. vgl. BVerfGE 88, 118, 124[]
  2. vgl. zum anwalts­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren BGHR MRK Art. 6 Abs. 1 S. 1 Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung 18; zum beam­ten­recht­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren BVerfGE 46, 17, 29; BVerfG [Kam­mer] NJW 1992, 2472, 2473; Klo­e­pfer, JZ 1979, 209, 214[]
  3. vgl. BVerfGE 46, 17, 29; BVerfG [Kam­mer] wis­tra 2009, 307, 308[]
  4. vgl. BVerfG [Kam­mer] NStZ 1997, 591; NJW 2003, 2225[]
  5. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 111, 307, 324; BGHSt 52, 124, 137[]
  6. vgl. EGMR‑E 2, 208, 215 – Fall Albert u. Le Comp­te v. Bel­gi­en; EGMR ÖJZ 1988, 220 – Fall H. v. Bel­gi­en; EGMR ÖJZ 2000, 728, 729 – Fall W.R. v. Öster­reich; EGMR ÖJZ 2003, 855, 856 – Fall Malek v. Öster­reich; Esser, Auf dem Weg zu einem euro­päi­schen Straf­ver­fah­rens­recht [2002] S. 73 f. m.N.; Gra­ben­war­ter, Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on 4. Aufl. § 24 Rdn. 23 [Fn. 110][]
  7. vgl. BGHSt 52, 124, 146; BGH wis­tra 2009, 347; Schäfer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung 4. Aufl. Rdn. 443c m.N.[]
  8. vgl. BGHSt 52, 124[]
  9. vgl. BGH aaO S. 137/​138[]
  10. vgl. BGHSt 52, 124, 134[]
  11. vgl. BGH HFR 1998, 1025; Kuhls/​Schäfer, StBerG 2. Auf­la­ge § 90 Rdn. 62 ff.; Gehre/​von Bos­tel, Steu­er­be­ra­tungs­ge-setz 5. Auf­la­ge § 90 Rdn. 5 f.[]
  12. vgl. BVerfG [Vor­prü­fungs­aus­schuss] NStZ 1984, 128; BGHSt 35, 137; BGHR MRK Art. 6 Abs. 1 Satz 1 Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung 12, 13 und 21[]
  13. vgl. zur Geld­stra­fe BGHSt 52, 124, 145[]