Über­prü­fung von Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­ten – Abse­hen von der Straf­voll­stre­ckung

Bei Ermes­sens­ent­schei­dun­gen ist eine spä­te­re Ergän­zung der Ermes­sens­be­grün­dung des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes auch im gericht­li­chen Ver­fah­ren grund­sätz­lich mög­lich. Dies gilt jeden­falls dann, wenn die nach­träg­lich von der Voll­stre­ckungs­be­hör­de ange­ge­be­nen Grün­de schon bei Erlass des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes vor­la­gen, der Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt durch sie in sei­nem Wesen nicht geän­dert und der hier­von Betrof­fe­ne nicht in sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung beein­träch­tigt wird.

Über­prü­fung von Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­ten – Abse­hen von der Straf­voll­stre­ckung

Der Über­prü­fung durch das Ober­lan­des­ge­richt im Ver­fah­ren nach §§ 23 ff. EGGVG unter­liegt nicht der Bescheid der Staats­an­walt­schaft, son­dern die Ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft, wenn sie auf die Vor­schalt­be­schwer­de des Antrag­stel­lers hin eine eige­ne abschlie­ßen­de Sach­ent­schei­dung unter Aus­übung ihres Ermes­sens getrof­fen hat.

Zuläs­sig­keit des Antrags

Nach § 24 Abs. 1 EGGVG muss der Antrag­stel­ler gel­tend machen, durch die ange­foch­te­ne Maß­nah­me oder ihre Ableh­nung in sei­nen Rech­ten ver­letzt zu sein. Die blo­ße Behaup­tung einer Rechts­ver­let­zung genügt nicht. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine – wenn auch zunächst in gro­ben Zügen – die Schlüs­sig­keits­prü­fung ermög­li­chen­de Sach­dar­stel­lung, also der Vor­trag von Tat­sa­chen, die im Fal­le ihres Zutref­fens erge­ben, dass dem Ver­ur­teil­ten zumin­dest unter einem denk­ba­ren recht­li­chen Gesichts­punkt die bean­spruch­ten Rech­te zuste­hen und die Behör­de die­se ver­letzt 1.

An die von dem Antrag­stel­ler dar­zu­stel­len­de Mög­lich­keit der Rechts­ver­let­zung sind jedoch kei­ne über­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen zu stel­len, ins­be­son­de­re kön­nen die im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren gel­ten­den, erhöh­ten Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen, wonach zur Dar­stel­lung des Sach­ver­halts weder auf Anla­gen zu dem Antrag noch auf die Akten, frü­he­re Ein­ga­ben oder ande­re Schrift­stü­cke Bezug genom­men wer­den darf, nicht ohne wei­te­res auf das Ver­fah­ren nach §§ 23 ff. EGGVG über­tra­gen wer­den 2. Dies folgt aus der unter­schied­li­chen Rechts­po­si­ti­on des Antrag­stel­lers im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren einer­seits und dem Ver­fah­ren nach §§ 23 ff. EGGVG ande­rer­seits. Im Ver­fah­ren nach § 172 StPO hat der Ver­letz­te einer Straf­tat kein sub­jek­ti­ves Recht auf Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge gegen den Beschul­dig­ten 3. Gegen­stand des Ver­fah­rens nach §§ 23 ff. EGGVG ist hin­ge­gen eine unmit­tel­ba­re Ver­let­zung eines sub­jek­ti­ven Rechts des Antrag­stel­lers durch eine staat­li­che Maß­nah­me oder ihre Ableh­nung bzw. Unter­las­sung. Da durch die Ableh­nung des Abse­hens von der wei­te­ren Voll­stre­ckung der lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe dem Antrag­stel­ler die Wie­der­erlan­gung der per­sön­li­chen Frei­heit ver­wehrt wird, steht eine mög­li­che Ver­let­zung sei­ner Grund­rech­te in Rede. Die­se Grund­rechts­re­le­vanz führt dazu, dass Art.19 Abs. 4 GG beson­de­re Bedeu­tung gewinnt und an den Zugang zu gericht­li­chem Rechts­schutz nicht die­sel­ben stren­gen Anfor­de­run­gen wie im Kla­ge­er­zwin­gungs­ver­fah­ren gestellt wer­den könn­te 4. Gleich­wohl muss auch ein Antrag im Ver­fah­ren nach § 23 ff. EGGVG die­je­ni­gen Tat­sa­chen, aus denen sich die Mög­lich­keit einer Rechts­ver­let­zung des Antrag­stel­lers erge­ben soll, so voll­stän­dig und nach­voll­zieh­bar – sei es in der Antrags­schrift selbst, durch bei­gefüg­te Anla­gen oder Ver­wei­sung auf Schrift­stü­cke – dar­le­gen, dass dem Ober­lan­des­ge­richt die Prü­fung der Schlüs­sig­keit des Antra­ges mög­lich ist 5.

Begründ­etheit des Antrags bei Ermes­sens­ent­schei­dun­gen

Die ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen unter­lie­gen nicht unein­ge­schränkt der gericht­li­chen Nach­prü­fung. Die Voll­stre­ckungs­be­hör­de hat über einen Antrag auf Abse­hen von der wei­te­ren Voll­stre­ckung nach § 456 a StPO nach ihrem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen zu ent­schei­den. Der Senat hat des­halb gemäß § 28 Abs. 3 EGGVG nur zu über­prü­fen, ob die Voll­stre­ckungs­be­hör­de von einem zutref­fen­den Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist und ob sie die Gren­zen des Ermes­sens ein­ge­hal­ten hat. Hier­zu gehört die Über­prü­fung, ob über­haupt ein Ermes­sen aus­ge­übt wor­den ist (Ermes­sen­aus­fall), die Gren­zen des Ermes­sens ein­ge­hal­ten wor­den sind oder eine etwai­ge Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null über­se­hen wur­de. Die Über­prü­fung erstreckt sich somit dar­auf, ob die Voll­stre­ckungs­be­hör­de Gesichts­punk­te zum Nach­teil des Antrag­stel­lers berück­sich­tigt hat, die nach Sinn und Zweck des Geset­zes kei­ne Rol­len spie­len dür­fen, oder ob sie maß­geb­li­che Gesichts­punk­te, die bei der Ermes­sens­ent­schei­dung von Belang sein kön­nen, falsch bewer­tet oder außer Acht gelas­sen hat 6.

Der Über­prü­fung durch den Senat unter­liegt aller­dings nicht der Bescheid der Staats­an­walt­schaft, son­dern die Ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft, wel­che auf die Vor­schalt­be­schwer­de des Antrag­stel­lers hin eine eige­ne abschlie­ßen­de Sach­ent­schei­dung 7 und somit eine eige­ne Ermes­sens­ent­schei­dung getrof­fen hat.

Die Grün­de einer ableh­nen­den Ent­schei­dung der Voll­stre­ckungs­be­hör­de müs­sen die in die Aus­übung ihres Ermes­sens ein­ge­stell­ten wesent­li­chen Gesichts­punk­te mit­tei­len und eine Abwä­gung der für und gegen ein Abse­hen von der wei­te­ren Voll­stre­ckung spre­chen­den Umstän­de erken­nen las­sen 8. Das bedeu­tet indes nicht, dass die Dar­le­gun­gen zur Ermes­sens­aus­übung jeden erdenk­li­chen Gesichts­punkt voll­stän­dig zu erfas­sen haben 9 und sämt­li­che von dem Antrag vor­ge­brach­ten Umstän­de gleich­sam "abge­ar­bei­tet" wer­den müs­sen. Die Grün­de, die für die Ent­schei­dung maß­ge­bend waren, müs­sen nicht in allen Ein­zel­hei­ten, aber doch jeden­falls in den Grund­zü­gen benannt wer­den 10.

Bei der Bestim­mung der Anfor­de­run­gen, die an die Dar­le­gung der Ermes­sens­ent­schei­dung zu stel­len sind, ist zudem zu berück­sich­ti­gen, dass der Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit, bei aus­län­di­schen Straf­tä­tern von der Straf­voll­stre­ckung abzu­se­hen, nicht im Inter­es­se die­ses Täter­krei­ses, son­dern aus­schließ­lich aus fis­ka­li­schen Erwä­gun­gen im Inter­es­se der Bun­des­re­pu­blik geschaf­fen hat, um die­se in ver­tret­ba­rem Rah­men von der Last der Straf­voll­stre­ckung zu befrei­en 11. Dies bedeu­tet, dass zwar die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se und Belan­ge eines Ver­ur­teil­ten bei der zu tref­fen­den Ent­schei­dung ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen sind, aber nicht im Vor­der­grund ste­hen 12.

Bei Ermes­sens­ent­schei­dun­gen ist eine spä­te­re Ergän­zung einer Ermes­sens­be­grün­dung des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes auch im gericht­li­chen Ver­fah­ren grund­sätz­lich mög­lich 13. Dies ist auch dann zuläs­sig, wenn ange­stell­te Über­le­gun­gen zur Aus­übung des Ermes­sens in der Begrün­dung des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes nur unvoll­stän­dig zum Aus­druck gekom­men sind 14. Dies gilt jeden­falls dann, wenn die nach­träg­lich von der Voll­stre­ckungs­be­hör­de ange­ge­be­nen Grün­de schon bei Erlass des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes vor­la­gen, der Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt durch sie in sei­nem Wesen nicht geän­dert und der hier­von Betrof­fe­ne nicht in sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung beein­träch­tigt wird 15.

Die All­ge­mein­ver­fü­gung des nie­der­säch­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums zum Abse­hen von der Straf­ver­fol­gung und von der Straf­voll­stre­ckung bei Nicht­deut­schen (§§ 154 b, 456 a StPO) vom 16. Dezem­ber 2009 16 wie auch die Vor­gän­ger-AV vom 30. Juni 2005 17 sind Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die die Ermes­sens­aus­übung der Ver­wal­tung für zahl­rei­che gleich oder ähn­lich gela­ger­te Fäl­le ver­ein­heit­li­chend steu­ern sol­len. Sie bewir­ken für den Regel­fall eine recht­li­che Bin­dung des Ermes­sens 18, ihnen kommt jedoch nicht der Cha­rak­ter einer Rechts­norm zu 19. Eine sol­che Ver­wal­tungs­vor­schrift kann aus sach­li­chen Grün­den jeder­zeit geän­dert wer­den (vgl. BVerw­GE 126, 33 ff. m. w. N.).

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 6. Febru­ar 2013 – 2 VAs 22/​12

  1. vgl. OLG Cel­le, Beschlüs­se vom 22.05.2009 – 2 VAs 6/​09; vom 13.01.2009 – 2 VAs 21/​08; vom 09.12.2008 – 2 VAs 20/​08; und vom 21.07.2008 – 2 VAs 12/​08[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 05.04.2012 – 2 BvR 211/​12; OLG Cel­le, Beschluss vom 12.07.2012 – 2 VAs 12/​12[]
  3. vgl. BVerfGE 51, 176 ff.[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 05.04.2012 – 2 BvR 211/​12[]
  5. vgl. OLG Cel­le, a. a. O.[]
  6. vgl. KG Ber­lin, Stra­Fo 2012, 337 f.[]
  7. vgl. hier­zu KG Ber­lin a.a.O. und NStZ 2009, 527[]
  8. vgl. OLG Hamm, NStZ 1993, 524; KG Ber­lin StV 1989, 27; OLG Ham­burg, StV 1996, 328[]
  9. vgl. BVerw­GE 22, 215 f.; Eyer­man­n/F­röh­ler-Ren­nert, VwGO, 13. Aufl., § 114 Rdnr. 24[]
  10. vgl. BVerwG NVwZ 1993, 677; Kopp/​Ramsauer, VwVfG, 13. Aufl., § 39 Rdnr. 25[]
  11. vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 22.10.2004 – 1 VAs 48/​04 – und vom 25.03.2004 – 1 VAs 1/​04[]
  12. vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 13.10.2011 – 1 VAs 58/​11[]
  13. vgl. OLG Karls­ru­he, Jus­tiz 1980, 450 f.[]
  14. vgl. Schor­eit in KK-StPO, 6. Aufl., § 28 EGGVG Rdnr. 8[]
  15. vgl. Eyer­man­n/F­röh­ler-Ren­nert, § 114 Rdnr. 87 m. w. N.[]
  16. Nds.MBl. Nr. 1/​2010 S. 41[]
  17. Nds.MBl. S. 625[]
  18. Eyer­man­n/F­röh­ler-Ren­nert § 114 Rdnr. 28[]
  19. vgl. BVerw­GE 58, 45 ff.; BVerw­GE 100, 262 ff.; Eyer­man­n/F­röh­ler-Ren­nert a. a. O.[]