Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift bei unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­ten

Die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift gebie­tet auch bei Band­en­ta­ten oder „unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­ten“ nicht, dass für die Bestimmt­heit des Ankla­ge­vor­wurfs i.S.d. § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO mehr an Sub­stanz ver­langt wird als mate­ri­ell-recht­lich für einen Schuld­spruch erfor­der­lich ist.

Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift bei unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­ten

Eine Ankla­ge ist nur dann unwirk­sam mit der Fol­ge, dass das Ver­fah­ren wegen Feh­lens einer Pro­zess­vor­aus­set­zung ein­zu­stel­len ist, wenn etwai­ge Män­gel ihre Umgren­zungs­funk­ti­on betref­fen [1]. Män­gel der Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on berüh­ren ihre Wirk­sam­keit dage­gen nicht [2]; inso­weit kön­nen Feh­ler auch noch in der Haupt­ver­hand­lung durch Hin­wei­se ent­spre­chend § 265 StPO geheilt wer­den [3].

Die Ankla­ge­schrift hat nach § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO die dem Ange­klag­ten zur Last geleg­te Tat sowie Zeit und Ort ihrer Bege­hung so genau zu bezeich­nen, dass die Iden­ti­tät des geschicht­li­chen Vor­gangs dar­ge­stellt und erkenn­bar wird, wel­che bestimm­te Tat gemeint ist; sie muss sich von ande­ren gleich­ar­ti­gen straf­ba­ren Hand­lun­gen des­sel­ben Täters unter­schei­den las­sen [4]. Dabei muss die Schil­de­rung umso kon­kre­ter sein, je grö­ßer die all­ge­mei­ne Mög­lich­keit ist, dass der Ange­klag­te ver­wech­sel­ba­re wei­te­re Straf­ta­ten glei­cher Art ver­übt hat [5]. Die began­ge­ne kon­kre­te Tat muss durch bestimm­te Tat­um­stän­de so genau bezeich­net wer­den, dass kei­ne Unklar­heit dar­über mög­lich ist, wel­che Hand­lun­gen dem Ange­klag­ten zur Last gelegt wer­den [6]. Denn es darf nicht unklar blei­ben, über wel­chen Sach­ver­halt das Gericht nach dem Wil­len der Staats­an­walt­schaft urtei­len soll. Erfüllt die Ankla­ge ihre Umgren­zungs­funk­ti­on nicht, ist sie unwirk­sam [7]. Ein wesent­li­cher Man­gel der Ankla­ge­schrift, der als Ver­fah­rens­hin­der­nis wir­ken kann, ist daher anzu­neh­men, wenn die ange­klag­ten Taten anhand der Ankla­ge­schrift nicht genü­gend kon­kre­ti­sier­bar sind, so dass unklar bleibt, auf wel­chen kon­kre­ten Sach­ver­halt sich die Ankla­ge bezieht und wel­chen Umfang die Rechts­kraft eines dar­auf­hin erge­hen­den Urteils haben wür­de [8]. Bei der Prü­fung, ob die Ankla­ge die gebo­te­ne Umgren­zung leis­tet, dür­fen ggf. die Aus­füh­run­gen im wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen zur Ergän­zung und Aus­le­gung des Ankla­ge­sat­zes her­an­ge­zo­gen wer­den [9].

Danach lie­gen in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof zu ent­schei­den­den Fall kei­ne schwe­ren Män­gel der Ankla­ge­schrift vor, die zur Unwirk­sam­keit der Ankla­ge und damit zu einem Ver­fah­rens­hin­der­nis füh­ren wür­den. Es bestehen ins­be­son­de­re kei­ner­lei Zwei­fel an dem Umfang der Rechts­kraft eines dar­auf­hin erge­hen­den Urteils. Alle den Ange­klag­ten vor­ge­wor­fe­nen Taten sind nach Tat­zeit, Tat­ort, Ver­käu­fer, Geschä­dig­te®, Kauf­preis (oder Kauf­preis­an­ge­bot), Anzahl der ver­kauf­ten (oder ver­bind­lich ange­bo­te­nen) Gegen­stän­de und (bei den voll­ende­ten Taten) Art der Bezah­lung hin­rei­chend kon­kre­ti­siert. Es ist danach klar, wel­che Taten den Ange­klag­ten zur Last gelegt wer­den. Aus der Ankla­ge­schrift ergibt sich ein­deu­tig, dass alle Taten allen Ange­klag­ten als jeweils mit­tä­ter­schaft­lich (§ 25 Abs. 2 StGB) began­ge­ne Betrugs­fäl­le ange­las­tet wer­den, wobei die Ankla­ge die Vor­aus­set­zun­gen einer Ban­de bejaht.

Rich­tig ist, dass, wenn sich meh­re­re Täter zu einer Ban­de zusam­men­schlie­ßen, dies nicht zur Fol­ge hat, dass jedes von einem der Mit­glie­der auf­grund der Ban­den­ab­re­de began­ge­ne Betrugs­de­likt den ande­ren Ban­den­mit­glie­dern ohne wei­te­res als gemein­schaft­lich began­ge­ne Straf­tat im Sin­ne des § 25 Abs. 2 StGB zuge­rech­net wer­den kann [10]. Allein die Ban­den­mit­glied­schaft und ein Han­deln im Inter­es­se der Ban­de ohne kon­kre­ten Bezug zu einer von ande­ren Ban­den­mit­glie­dern began­ge­nen Straf­tat genügt nicht, um eine Straf­bar­keit des Ban­den­mit­glieds wegen einer Band­en­tat zu begrün­den. Wegen einer Tat, die „aus der Ban­de her­aus“ began­gen wird, kann als Täter oder Teil­neh­mer nur bestraft wer­den, wenn er an die­ser kon­kre­ten Tat mit­ge­wirkt hat [11].

Die­se mate­ri­ell­recht­li­che Fra­ge der Straf­bar­keit eines Ange­klag­ten ist von der Pro­ble­ma­tik der Umgren­zungs­funk­ti­on einer Ankla­ge­schrift zu tren­nen. Kann einem Ange­klag­ten nach Aus­schöp­fung der Beweis­mög­lich­kei­ten die Bege­hung einer kon­kre­ten Tat nicht nach­ge­wie­sen wer­den, ist er frei­zu­spre­chen, wenn die­se Tat i.S.d. § 264 StPO ange­klagt war. Die Ver­nei­nung einer Ban­den­ab­re­de durch den Tatrich­ter und auch die Nicht­an­nah­me eines – hier dann aller­dings nahe lie­gen­den – „unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­tes“ [12] mögen dazu füh­ren, dass noch stren­ge­re Anfor­de­run­gen an die Fest­stel­lung der kon­kre­ten Tat­bei­trä­ge eines jeden Ange­klag­ten an den jewei­li­gen Taten zu stel­len sind, sie füh­ren aber nicht dazu, dass die Ein­hal­tung der Umgren­zungs­funk­ti­on ent­fällt.

Einer inso­weit (behaup­te­ten) feh­len­den Kon­kre­ti­sie­rung unter dem Gesichts­punkt der Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift ist hier jedoch nicht näher nach­zu­ge­hen, da dies­be­züg­li­che etwa bestehen­de Män­gel nicht die Unwirk­sam­keit der Ankla­ge begrün­den wür­den [13] und durch Hin­wei­se ent­spre­chend § 265 StPO in der Haupt­ver­hand­lung geheilt wer­den kön­nen [14]. Ent­schei­dend für den vor­lie­gen­den Fall ist, dass die ein­zel­nen Taten unver­wech­sel­bar dar­ge­stellt sind und sowohl die gene­rel­le Tätig­keit der ein­zel­nen Ange­klag­ten als auch – soweit als mög­lich – die kon­kre­ten Tat­bei­trä­ge näher geschil­dert wer­den. Durch die Aus­füh­run­gen im wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen, inwie­weit die ein­zel­nen Taten den Ange­klag­ten zuzu­rech­nen sind, wird nicht nur der hin­rei­chen­de Tat­ver­dacht belegt, den die Straf­kam­mer zutref­fend inso­weit beim Eröff­nungs­be­schluss vom 16.09.2010 bejaht hat, son­dern auch die Anbin­dung der Ange­klag­ten an die kon­kre­ten Taten.

Bei einer Tat­be­ge­hung als Ban­den­mit­glied oder im Rah­men eines „unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­tes“ [15] – bei­des kommt im vor­lie­gen­den Fall durch­aus in Betracht – müs­sen dem ein­zel­nen Täter nicht zwin­gend Aus­füh­rungs­hand­lun­gen vor Ort gegen­über dem Tat­op­fer vor­ge­wor­fen wer­den; es genügt, wenn er an die­ser kon­kre­ten Tat an ande­rer Stel­le mit­ge­wirkt hat. Eine arbeits­tei­li­ge Bege­hungs­wei­se besteht gera­de dar­in, dass nicht jeder Teil­neh­mer der Tat jede Hand­lung selbst vor­nimmt; aus­rei­chend ist viel­mehr, dass jeder auf­grund gemein­sa­men Ent­schlus­ses sei­ne abge­spro­che­ne Auf­ga­be wahr­nimmt mit dem über­ein­stim­men­den Wil­len, den erhoff­ten Tat­er­folg zu errei­chen. Hier­bei hat sich jeder die von ihm gebil­lig­ten Tat­bei­trä­ge der ande­ren an der kon­kre­ten Tat zurech­nen zu las­sen. Die unter­schied­li­chen Tätig­kei­ten und sub­jek­ti­ven Vor­stel­lun­gen der Tat­be­tei­lig­ten kön­nen sowohl dazu füh­ren, dass unter Umstän­den ver­schie­de­ne Teil­nah­me­for­men (Mit­tä­ter­schaft, Bei­hil­fe) vor­lie­gen als auch, dass sich der straf­recht­lich rele­van­te Sach­ver­halt kon­kur­renz­recht­lich für den jewei­li­gen Teil­neh­mer anders aus­wirkt.

Die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift kann jeden­falls nicht gebie­ten, dass für die Bestimmt­heit des Ankla­ge­vor­wurfs i.S.d. § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO mehr an Sub­stanz ver­langt wird als mate­ri­ell­recht­lich für einen Schuld­spruch erfor­der­lich ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Janu­ar 2012 – 1 StR 412/​11

  1. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 09.08.2011 – 1 StR 194/​11 mwN[]
  2. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 02.03.2011 – 2 StR 524/​10 mwN; BGH, Beschluss vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07 mwN[]
  3. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09 mwN[]
  4. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93 mwN, BGHSt 40, 44, 45[]
  5. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 08.08.1996 – 4 StR 344/​96 mwN[]
  6. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09[]
  7. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 09.08.2011 – 1 StR 194/​11 mwN; BGH, Urteil vom 02.03.2011 – 2 StR 524/​10; BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09; BGH, Beschluss vom 29.11.1994 – 4 StR 648/​94 mwN; BGH, Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 45[]
  8. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07 mwN; BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – 3 StR 459/​06 mwN; BGH, Urteil vom 28.04.2006 – 2 StR 174/​05; BGH, Beschluss vom 20.07.1994 – 2 StR 321/​94 mwN[]
  9. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 09.08.2011 – 1 StR 194/​11 mwN; BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09 mwN; BGH, Urteil vom 28.04.2006 – 2 StR 174/​05[]
  10. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 13.05.2003 – 3 StR 128/​03[]
  11. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 13.06.2007 – 3 StR 162/​07 mwN[]
  12. vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 09.11.2011 – 4 StR 252/​11 Rn. 12[]
  13. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07 mwN[]
  14. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 09.11.2011 – 1 StR 302/​11 Rn. 26; BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09 mwN[]
  15. vgl. zum Begriff des „Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­tes“ auch BGH, Beschluss vom 02.11.2007 – 2 StR 384/​07 mwN[]