Unter­blie­be­ne Bestel­lung eines Dol­met­schers im Buß­geld­ver­fah­ren

Beruht die Ent­schei­dung des Tatrich­ters, bei einem der deut­schen Spra­che nur teil­wei­se mäch­ti­gen Betrof­fe­nen kei­nen Dol­met­scher zur Haupt­ver­hand­lung hin­zu­zu­zie­hen, allein auf dem Ver­zicht des Betrof­fe­nen und einer Erklä­rung des Ver­tei­di­gers, sich für den Betrof­fe­nen ein­zu­las­sen und selbst als Dol­met­scher über die not­wen­di­gen Sprach­kennt­nis­se zu ver­fü­gen, so ist sie ermes­sens­feh­ler­haft und begrün­det einen Ver­stoß nach §§ 338 Nr. 5 StPO, 185 GVG.

Unter­blie­be­ne Bestel­lung eines Dol­met­schers im Buß­geld­ver­fah­ren

st der Betrof­fe­ne der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig, muss nach § 185 Abs. 1 GVG i. V. m. § 46 Abs. 1 OWiG ein Dol­met­scher grund­sätz­lich wäh­rend der gan­zen Haupt­ver­hand­lung zuge­gen sein. Ist dies nicht der Fall, greift der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO 1. Ist der Betrof­fe­ne der deut­schen Spra­che nur teil­wei­se mäch­tig, so bleibt es dem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Tatrich­ters über­las­sen, in wel­chem Umfang er unter Mit­wir­kung des Dol­met­schers mit den Pro­zess­be­tei­lig­ten ver­han­deln will 2. Die­ses Ermes­sen kann vom Revi­si­ons­ge­richt nur dahin über­prüft wer­den, ob sei­ne Gren­zen ein­ge­hal­ten sind. Nur bei Vor­lie­gen eines Ermes­sens­feh­lers kön­nen die Ver­fah­rens­vor­schrif­ten der §§ 185 GVG, 338 Nr. 5 StPO ver­letzt sein 3.

Im vor­lie­gen­den Fall erweist sich die Ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den, kei­nen Dol­met­scher zur Haupt­ver­hand­lung hin­zu­zu­zie­hen, als ermes­sens­feh­ler­haft. Der dienst­li­chen Erklä­rung des Vor­sit­zen­den ist nicht zu ent­neh­men, dass er davon über­zeugt war, dass die deut­schen Sprach­kennt­nis­se des Geschäfts­füh­rers der Betrof­fe­nen aus­reich­ten, um der gesam­ten Haupt­ver­hand­lung ohne Dol­met­scher fol­gen und sei­ne Rech­te wahr­neh­men zu kön­nen. Sie stützt sich allein auf den aus­drück­li­chen Ver­zicht auf einen Dol­met­scher und auf die Erklä­rung des Ver­tei­di­gers, sich für den Geschäfts­füh­rer der Betrof­fe­nen ein­zu­las­sen und selbst als Dol­met­scher für die pol­ni­sche Spra­che über die not­wen­di­gen Sprach­kennt­nis­se zu ver­fü­gen. Dem steht jedoch ent­ge­gen, dass der am Ver­fah­ren betei­lig­te Ver­tei­di­ger in der Haupt­ver­hand­lung nicht zugleich als Dol­met­scher fun­gie­ren kann 4 und dass auf die not­wen­di­ge Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers nicht wirk­sam ver­zich­tet wer­den kann 5. Der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig ist auch ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter, der zwar gewis­se deut­sche Sprach­kennt­nis­se besitzt, die aber nicht aus­rei­chen, sodass er dem Ver­fah­ren nicht genü­gend fol­gen und er des­halb sei­ne Rech­te schon aus sprach­li­chen Grün­den nicht genü­gend wahr­neh­men kann 6. Das Gericht ist nicht an die Erklä­run­gen des Betei­lig­ten über sei­ne Sprach­kennt­nis­se gebun­den. Im Zwei­fel ist ein Dol­met­scher bei­zu­zie­hen 7.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 22. Juli 2015 – 1 Ss (OWi) 118/​15

  1. BGHSt 3, 285; BGH NStZ 2002, 275; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt StPO 58. Aufl., § 338 Rn. 44[]
  2. BGHSt 3, 285; BGHR StPO, § 338 Nr. 5 Dol­met­scher 2, 3; BGH, NStZ 2002, 275[]
  3. BGH NStZ 1984, 328; OLG Stutt­gart NJW 2006, 3796[]
  4. vgl. Die­mer in KK-StPO 7. Aufl. § 190 GVG Rn. 1; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO § 190 GVG Rn. 1[]
  5. Wickern in Löwe-Rosen­berg, StPO 26. Aufl., § 185 GVG, Rn. 7; Die­mer, a. a. O. § 185 GVG Rn. 6; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO § 185 GVG Rn. 4[]
  6. BVerfGE 64, 135[]
  7. Wickern, a. a. O. Rn. 2[]