Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die Gefah­ren­pro­gno­se

Eine Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus nach § 63 StGB kommt als außer­or­dent­lich beschwe­ren­de Maß­nah­me nur dann in Betracht, wenn eine Gesamt­wür­di­gung des Täters und sei­ner Tat ergibt, dass von ihm infol­ge sei­nes Zustands erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten zu erwar­ten sind, durch wel­che die Opfer see­lisch oder kör­per­lich erheb­lich geschä­digt oder erheb­lich gefähr­det wer­den oder schwe­rer wirt­schaft­li­cher Scha­den ange­rich­tet wird und er des­halb für die All­ge­mein­heit gefähr­lich ist 1.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die Gefah­ren­pro­gno­se

Dabei ist eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des für die Bege­hung sol­cher Taten erfor­der­lich 2. Die zu stel­len­de Pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlas­s­tat zu ent­wi­ckeln 3.

Maß­ge­ben­der Beur­tei­lungs­zeit­punkt für die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se ist die Situa­ti­on im Zeit­punkt des Urteils 4.

Dies bedeu­tet aber nicht, dass die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se nur auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung zu stel­len ist; sie muss viel­mehr einen län­ge­ren Zeit­raum in den Blick neh­men.

Daher muss auch in Fäl­len, in denen auf Grund einer zwi­schen­zeit­li­chen Behand­lung im Urteils­zeit­punkt eine Sta­bi­li­sie­rung des Krank­heits­bil­des ein­ge­tre­ten ist, im Inter­es­se der öffent­li­chen Sicher­heit bei der Pro­gno­se­ent­schei­dung der Umstand in die Abwä­gung ein­be­zo­gen wer­den, dass in spä­te­rer, aber abseh­ba­rer Zeit mit einer erneu­ten Ver­schlech­te­rung des Gesund­heits­zu­stan­des und der Wahr­schein­lich­keit erneu­ter rechts­wid­ri­ger Taten zu rech­nen ist 5.

Schließ­lich kommt es für die Ent­schei­dung, ob eine Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus anzu­ord­nen ist, auch nicht dar­auf an, ob die von dem Täter aus­ge­hen­de Gefahr für die All­ge­mein­heit durch Maß­nah­men außer­halb des Maß­re­gel­voll­zugs – wie etwa eine kon­se­quen­te medi­zi­ni­sche Behand­lung, die Ein­rich­tung einer gesetz­li­chen Betreu­ung oder eine Unter­brin­gung in einem betreu­ten Woh­nen – abge­wen­det wer­den kann 6. Sol­che (täter­scho­nen­den) Mit­tel sind erst für die Fra­ge bedeut­sam, ob die Voll­stre­ckung der Unter­brin­gung gemäß § 67b StGB zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wer­den kann 7.

Für die Beur­tei­lung der künf­ti­gen Gefähr­lich­keit ist es nicht maß­geb­lich, ob sich der Beschul­dig­te (hier: nach einer mehr als sechs­mo­na­ti­gen einst­wei­li­gen Unter­brin­gung nach § 126a StPO mit kon­ti­nu­ier­li­cher medi­ka­men­tö­ser Behand­lung) akut nicht in einer mani­schen Pha­se befin­det und sich von dem Ver­fah­ren und der einst­wei­li­gen Unter­brin­gung beein­druckt zeigt, son­dern es kommt allein dar­auf an, wie wahr­schein­lich der Ein­tritt erneu­ter mani­scher Pha­sen und die Gefahr krank­heits­be­ding­ter erheb­li­cher Taten in der Zukunft sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. März 2019 – 4 StR 530/​18

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.07.2018 – 3 StR 174/​18, Rn. 12; vom 10.04.2014 – 4 StR 47/​14, Rn. 14; Beschlüs­se vom 31.10.2018 – 3 StR 432/​18, Rn. 6; vom 04.07.2012 – 4 StR 224/​12, NStZ-RR 2012, 337, 338[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16, Rn. 9; Beschlüs­se vom 30.05.2018 – 1 StR 36/​18, Rn. 25; vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12, NStZ-RR 2013, 141, 142[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.01.2019 – 1 StR 463/​18, Rn. 15; Beschluss vom 26.09.2012 – 4 StR 348/​12, Rn. 10[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.01.2018 – 5 StR 488/​17, Rn.19; vom 10.08.2005 – 2 StR 209/​05, NStZ-RR 2005, 370, 371; vom 17.02.2004 – 1 StR 437/​03[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.10.2018 – 4 StR 195/​18, NStZ-RR 2019, 41, 43; vom 03.08.2017 – 4 StR 193/​17, Stra­Fo 2017, 426; vom 30.08.1988 – 1 StR 358/​88, BGHR StGB § 63 Gefähr­lich­keit 6[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.10.2018 – 4 StR 195/​18, aaO; vom 25.02.2010 – 4 StR 596/​09 16; vom 23.06.1993 – 3 StR 260/​93, BGHR StGB § 63 Beweis­wür­di­gung 1[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 03.08.2017 – 4 StR 193/​17, aaO; vom 11.12 2008 – 3 StR 469/​08, NStZ 2009, 260, 261; vom 20.02.2008 – 5 StR 575/​07, Rn. 14[]