Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs liegt ein sym­pto­ma­ti­scher Zusam­men­hang vor, wenn der Hang allein oder zusam­men mit ande­ren Umstän­den dazu bei­getra­gen hat, dass der Täter eine erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Tat began­gen hat und dies bei unver­än­der­tem Ver­hal­ten auch für die Zukunft zu erwar­ten ist 1, mit­hin die kon­kre­te Tat in dem Hang ihre Wur­zel fin­det 2.

Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät

Die­ser Zusam­men­hang liegt bei Delik­ten, die began­gen wer­den, um Rausch­mit­tel selbst oder Geld für ihre Beschaf­fung zu erlan­gen, nahe 3.

Der gefor­der­te sym­pto­ma­ti­sche Zusam­men­hang zwi­schen dem Hang und der Tat sowie der zukünf­ti­gen Gefähr­lich­keit kann aller­dings auch dann vor­lie­gen, wenn ein evi­dent gewor­de­ner Hang ledig­lich Ein­fluss auf die Qua­li­tät der bis­he­ri­gen Straf­ta­ten hat­te und ihm ein sol­cher Ein­fluss auch auf die künf­ti­gen zu befürch­ten­den Straf­ta­ten zukom­men kann 4.

Ein sol­cher Zusam­men­hang ist daher bereits dann zu beja­hen, wenn der Hang des Betrof­fe­nen ein­schließ­lich des zugrun­de­lie­gen­den Kon­sums von Betäu­bungs­mit­teln mit­ur­säch­lich für die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Taten sowie ihr Aus­maß gewor­den und sol­ches auch in Zukunft zu befürch­ten ist.

Von die­sen Grund­sät­zen hat­te sich im hier ent­schie­de­nen Fall das Land­ge­richt in nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs rechts­feh­ler­haf­ter Wei­se gelöst und einen aus den Taten bzw. Tat­erträ­gen bedien­ten wöchent­li­chen Eigen­kon­sum des Ange­klag­ten im Umfang von rund 3 g syn­the­ti­sche Can­na­bi­noi­de und 5 g Amphet­amin für den sym­pto­ma­ti­schen Zusam­men­hang nicht aus­rei­chen las­sen. Damit wird im Ergeb­nis in Abre­de gestellt, dass der Hang ledig­lich mit­ur­säch­lich und erst recht nicht der im Vor­der­grund ste­hen­de Grund für die Bege­hung der Anlas­s­ta­ten zu sein braucht. Die vom Tatrich­ter in den Vor­der­grund gestell­te Erwä­gung, es sei dem Ange­klag­ten "nur dar­um gegan­gen, mög­lichst viel Geld zu erwirt­schaf­ten und nicht in sei­nen Kon­sum zu finan­zie­ren", fin­det so in den Fest­stel­lun­gen kei­ne Stüt­ze und negiert zudem – wie dar­ge­legt – das Genü­gen der Mit­ur­säch­lich­keit des Hangs.

Der Rechts­feh­ler führt zur Auf­he­bung des Urteils, soweit die Anord­nung der Maß­re­gel unter­blie­ben ist. Obwohl die Auf­he­bung auf einem Wer­tungs­feh­ler beruht, hebt der Bun­des­ge­richts­hof die zugrun­de­lie­gen­den Fest­stel­lun­gen mit auf. Der sym­pto­ma­ti­sche Zusam­men­hang zwi­schen den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Taten und dem Hang kann ledig­lich dann rechts­feh­ler­frei beur­teilt wer­den, wenn der Hang und des­sen kon­kre­te Aus­prä­gung kon­kret fest­ge­stellt sind. Dem wird das ange­foch­te­ne Urteil aber nicht in jeder Hin­sicht gerecht. Zwar hat das Land­ge­richt inso­weit ohne Rechts­feh­ler in der zugrun­de­lie­gen­den Beweis­wür­di­gung einen vom Ange­klag­ten selbst behaup­te­ten erheb­li­chen Crack­kon­sum aus­ge­schlos­sen. Im Hin­blick auf den ange­nom­me­nen über­mä­ßi­gen Kon­sum von syn­the­ti­schen Can­na­bi­noi­den und Amphet­amin ist die Beweis­wür­di­gung aber nicht in jeder Hin­sicht rechts­feh­ler­frei. Ins­be­son­de­re hat das Land­ge­richt inso­weit den feh­len­den Kon­sum in den Wochen vor der Inhaf­tie­rung sowie die Ein­schät­zung von Zeu­gen (Ange­klag­ter als "Nicht­kon­su­ment") nicht hin­rei­chend in die Beweis­wür­di­gung ein­be­zo­gen. Um dem neu­en Tatrich­ter eine wider­spruchs­freie Beur­tei­lung von Hang und sym­pto­ma­ti­schem Zusam­men­hang zu ermög­li­chen, bedarf es der Auf­he­bung aller die Nicht­an­ord­nung des § 64 StGB zugrun­de­lie­gen­den Fest­stel­lun­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Juni 2017 – 1 StR 652/​16

  1. BGH, Urteil vom 08.12 2016 – 1 StR 351/​16, NStZ 2017, 277, 278; Beschlüs­se vom 12.01.2017 – 1 StR 604/​16, NStZ-RR 2017, 198; vom 06.11.2013 – 5 StR 432/​13; und vom 25.05.2011 – 4 StR 27/​11, NStZ-RR 2011, 309[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.08.2013 – 4 StR 277/​13, NStZ-RR 2014, 75[]
  3. BGH, Urtei­le vom 08.12 2016 – 1 StR 351/​16, NStZ 2017, 277, 278; und vom 18.02.1997 – 1 StR 693/​96, BGHR StGB § 64 Abs. 1 Rausch 1; Beschluss vom 28.08.2013 – 4 StR 277/​13, NStZ-RR 2014, 75[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.12 2016 – 1 StR 351/​16, NStZ 2017, 277, 278; Beschluss vom 20.12 1996 – 2 StR 470/​96, BGHR StGB § 64 Zusam­men­hang, sym­pto­ma­ti­scher 1[]