Unter­brin­gung – in der Ent­zie­hungs­an­stalt und der Psych­ia­trie

§ 72 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 StGB gestat­ten, die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus und die Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt neben­ein­an­der anzu­ord­nen, wenn die jewei­li­gen gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen und zur Errei­chung des Maß­re­gel­zwecks gleich geeig­ne­ten Maß­re­geln nicht bereits die Anord­nung einer von ihnen zur Zweck­er­rei­chung genügt (§ 72 Abs. 1 Satz 1 StGB).

Unter­brin­gung – in der Ent­zie­hungs­an­stalt und der Psych­ia­trie

Die Anord­nung der Maß­re­gel gemäß § 63 StGB setzt vor­aus, dass der Aus­schluss (§ 20 StGB) oder die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit (§ 21 StGB) auf einem län­ger andau­ern­den psy­chi­schen Defekt des Täters beruht. Ein sol­cher Zustand kann auch dann vor­lie­gen, wenn die für die Maß­re­gel­an­ord­nung erfor­der­li­che, sicher zumin­dest erheb­lich ein­ge­schränk­te Schuld­fä­hig­keit auf einem Zusam­men­wir­ken einer län­ger andau­ern­den geis­tig­see­li­schen Stö­rung und dem Kon­sum von Alko­hol beruht 1. Inso­weit genügt, dass bei län­ger andau­ern­den Stö­run­gen im Sin­ne von §§ 20, 21 StGB bereits gerin­ger Alko­hol­kon­sum oder ande­re all­täg­li­che Ereig­nis­se die erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Schuld­fä­hig­keit aus­lö­sen kön­nen und die­ses getan haben 2.

§ 72 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 StGB gestat­ten, meh­re­re Maß­re­geln neben­ein­an­der anzu­ord­nen, wenn die jewei­li­gen gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Das gilt auch für die Maß­re­geln gemäß § 63 StGB und § 64 StGB 3. Aller­dings darf die par­al­le­le Anord­nung ledig­lich dann erfol­gen, wenn von meh­re­ren zur Errei­chung des Maß­re­gel­zwecks gleich geeig­ne­ten Maß­re­geln nicht bereits die Anord­nung einer von ihnen zur Zweck­er­rei­chung genügt (§ 72 Abs. 1 Satz 1 StGB). In die­sem Fall ver­langt § 72 Abs. 1 Satz 2 StGB als Aus­fluss des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes allein die Maß­re­gel anzu­ord­nen, die mit dem gerin­ge­ren Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen ver­bun­den ist. Im Ver­hält­nis der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus (§ 63 StGB) und der in einer Ent­zie­hungs­an­stalt (§ 64 StGB) ist dies bereits wegen der gesetz­li­chen Begren­zung der zuläs­si­gen Voll­zugs­dau­er Letzt­ge­nann­te 4.

Daher hät­te das Land­ge­richt in dem hier ent­schie­de­nen Fall im Hin­blick auf die fest­ge­stell­ten Gesamt­um­stän­de zu der Per­son des Ange­klag­ten und der began­ge­nen Anlas­s­ta­ten die Vor­aus­set­zun­gen von § 72 Abs. 1 und 2 StGB erör­tern müs­sen. Denn außer der Anord­nung der Unter­brin­gung des Ange­klag­ten in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus kam auch eine sol­che in einer Ent­zie­hungs­an­stalt in Betracht.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts besteht bei dem Ange­klag­ten ein Alko­hol­ab­hän­gig­keits­syn­drom. Der Kon­sum von Alko­hol ver­stärkt sei­ne wahn­haf­ten Wahr­neh­mun­gen und stei­gert vor allem sei­ne Aggres­si­vi­tät gegen­über Per­so­nen, die ihn ver­meint­lich beschimp­fen und belei­di­gen. Auf die Bege­hung der Anlas­s­tat haben sich Abhän­gig­keit und die aku­te mit­tel­gra­di­ge Alko­ho­li­sie­rung von maxi­mal 2, 8 Pro­mil­le aus­ge­wirkt, weil Letz­te­re im Zusam­men­wir­ken mit der anhal­ten­den wahn­haf­ten Stö­rung die Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten sicher erheb­lich beein­träch­tigt und nicht aus­schließ­bar voll­stän­dig auf­ge­ho­ben hat. Damit liegt der für die Anord­nung der Maß­re­gel des § 64 StGB erfor­der­li­che sym­pto­ma­ti­sche Zusam­men­hang vor. Denn die­ser ist bereits dann gege­ben, wenn der Hang – gege­be­nen­falls neben ande­ren Ursa­chen – dazu bei­getra­gen hat, dass der Täter die Tat began­gen hat 5. Ange­sichts der die krank­heits­be­ding­te Aggres­si­vi­tät ver­stär­ken­den Wir­kung des über­mä­ßi­gen Alko­hol­kon­sums kann nicht von vorn­her­ein eine (auch) auf die Alko­hol­ab­hän­gig­keit zurück­ge­hen­de zukünf­ti­ge Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten ver­neint wer­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag nicht völ­lig sicher aus­zu­schlie­ßen, dass das Land­ge­richt auch eine hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht auf einen The­ra­pie­er­folg (§ 64 Satz 2 StGB) ange­nom­men hät­te, wenn es die Mög­lich­keit der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt des Ange­klag­ten in den Blick genom­men hät­te. Zwar könn­ten die offen­bar weit­ge­hend feh­len­den deut­schen Sprach­kennt­nis­se des seit 1968 im Inland leben­den Ange­klag­ten einer Anord­nung der Maß­re­gel des § 64 StGB ent­ge­gen­ste­hen 6. Eben­so könn­te die vor­han­de­ne anhal­ten­de wahn­haf­te Stö­rung ein der hin­rei­chen­den Aus­sicht eines The­ra­pie­er­fol­ges ent­ge­gen­ste­hen­der Umstand sein 7. Da das Land­ge­richt jedoch unge­ach­tet des­sen § 64 StGB trotz fest­ge­stell­ter Alko­hol­ab­hän­gig­keit des Ange­klag­ten gar nicht erör­tert hat, ver­mag eine Anord­nung die­ser Maß­re­gel durch den Tatrich­ter sei­tens des Bun­des­ge­richts­hofs nicht mit letz­ter Sicher­heit aus­ge­schlos­sen zu wer­den.

Dies ent­zieht wegen der Rege­lung in § 72 Abs. 1 StGB der allei­ni­gen Unter­brin­gung des Ange­klag­ten in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus (§ 63 StGB) die Grund­la­ge. Zwar wird der Ange­klag­te durch die unter­blie­be­ne zusätz­li­che Maß­re­gel gemäß § 64 StGB nicht beschwert; viel­mehr bedeu­te­te eine kumu­la­ti­ve Anord­nung des § 64 StGB eine zusätz­li­che Beschwer 8. Der Bun­des­ge­richts­hof kann aber wie­der­um nicht völ­lig sicher aus­schlie­ßen, dass das Tat­ge­richt in Anwen­dung von § 72 Abs. 1 Satz 2 StGB den Ange­klag­ten allein gemäß § 64 StGB in einer Ent­zie­hungs­an­stalt unter­ge­bracht hät­te, wenn es die Vor­aus­set­zung die­ser Maß­re­gel erör­tert und zudem die Rege­lun­gen in § 72 Abs. 1 StGB bedacht hät­te. Da dies zum Weg­fall der den Ange­klag­ten im Ver­hält­nis zu § 64 StGB stär­ker beschwe­ren­den Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus 9 hät­te füh­ren kön­nen, ist der Ange­klag­te aber inso­weit durch die unter­blie­be­ne Erör­te­rung von § 64 StGB beschwert.

Aller­dings ist vor­lie­gend bei der Ent­schei­dung über die Anord­nung von Maß­re­geln nicht aus dem Blick zu ver­lie­ren, dass die Anlas­s­tat ihre Wur­zel in der anhal­ten­den wahn­haf­ten Stö­rung des Ange­klag­ten hat, bei der es sich nicht um eine durch den Alko­hol­miss­brauch her­vor­ge­ru­fe­ne Psy­cho­se han­delt. Ange­sichts der Fest­stel­lun­gen zur Gefähr­lich­keits­pro­gno­se dürf­te es auch nicht nahe­lie­gen, dass die Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten allein durch eine Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt besei­tigt wer­den könn­te 10. Sei­ne Alko­hol­ab­hän­gig­keit wird zudem regel­mä­ßig im Voll­zug der Maß­re­gel des § 63 StGB mit­be­han­delt wer­den kön­nen 11. Soll­te sich im Ver­lauf des Voll­zugs der even­tu­ell erneut ange­ord­ne­ten Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus erge­ben, dass der Voll­zug der Maß­re­gel aus § 64 StGB geeig­ne­ter ist, kommt regel­mä­ßig § 67a Abs. 1 StGB zur Anwen­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Juni 2016 – 1 StR 254/​16

  1. BGH, Urtei­le vom 17.02.1999 – 2 StR 483/​98, BGHSt 44, 369, 374 f.; und vom 29.09.2015 – 1 StR 287/​15, NJW 2016, 341, 342; sie­he auch BGH, Beschlüs­se vom 01.04.2014 – 2 StR 602/​13, NStZ-RR 2014, 207; und vom 06.10.2009 – 3 StR 376/​09, NStZ-RR 2010, 42[]
  2. BGH jeweils aaO[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.06.1997 – 2 StR 283/​97, StV 1998, 72; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 72 Rn. 3 und 5; Hanack in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 72 Rn. 21[]
  4. vgl. BGH aaO mwN; Fischer aaO § 72 Rn. 5; Hanack in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, aaO § 72 Rn. 21; Stree/​Kinzig in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 72 Rn. 4c[]
  5. BGH, Beschluss vom 03.03.2016 – 4 StR 586/​15 Rn. 3, NStZ-RR 2016, 173; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.11.2015 – 1 StR 379/​15 Rn. 8 mwN[]
  6. vgl. dazu BGH, Urteil vom 18.12 2007 – 1 StR 411/​07, StV 2008, 138 f.; sie­he aber auch BGH, Urteil vom 22.01.2013 – 5 StR 378/​12, NStZ-RR 2013, 171; Beschluss vom 10.07.2012 – 2 StR 85/​12, NStZ 2012, 689 f.; näher dazu auch van Gemme­ren in Mün­che­ner Kom­men­tar zum StGB, 2. Aufl., § 64 Rn. 71 und 80 mwN[]
  7. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 21.08.2014 – 3 StR 341/​14, NStZ 2015, 539 f. sowie BGH, Urteil vom 10.04.2014 – 5 StR 37/​14, NStZ 2014, 315 f.[]
  8. BGH, Beschluss vom 25.02.2016 – 3 StR 6/​16, NStZ-RR 2016, 169 f.[]
  9. BGH, Beschluss vom 25.06.1997 – 2 StR 283/​97, StV 1998, 72; Fischer aaO § 72 Rn. 5; Hanack in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, aaO § 72 Rn. 21; Stree/​Kinzig in Schönke/​Schröder aaO § 72 Rn. 4c[]
  10. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 25.02.2016 – 3 StR 6/​16, NStZ-RR 2016, 169 f.; sie­he auch Grü­ne­baum R&P 2004, 187, 188 f.[]
  11. BGH, Beschluss vom 21.08.2014 – 3 StR 341/​14, NStZ 2015, 539 f.[]