Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die Fest­stel­lun­gen zur Schuldunfähigkeit

Die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus darf nur ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei Bege­hung der Anlass­tat auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung auf die­sem Zustand beruht.

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die Fest­stel­lun­gen zur Schuldunfähigkeit

Wenn sich der Tatrich­ter dar­auf beschränkt, sich der Beur­tei­lung eines Sach­ver­stän­di­gen zur Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit anzu­schlie­ßen, muss er des­sen wesent­li­che Anknüp­fungs­punk­te und Dar­le­gun­gen im Urteil so wie­der­ge­ben, wie dies zum Ver­ständ­nis des Gut­ach­tens und zur Beur­tei­lung sei­ner Schlüs­sig­keit erfor­der­lich ist, damit das Rechts­mit­tel­ge­richt prü­fen kann, ob die Beweis­wür­di­gung auf einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht und die Ergeb­nis­se nach den Geset­zen der Logik, den Erfah­rungs­sät­zen des täg­li­chen Lebens und den Erkennt­nis­sen der Wis­sen­schaft mög­lich sind1.

Dem wur­de in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das ange­foch­te­ne Urteil nicht gerecht. Das Land­ge­richt hat sich dem psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen ange­schlos­sen und als Ergeb­nis des Gut­ach­tens ledig­lich mit­ge­teilt, dass bei dem Ange­klag­ten die Fähig­keit, das eige­ne Ver­hal­ten zu steu­ern, zum Tat­zeit­punkt auf­grund der bei ihm bestehen­den Hebe­phre­nie mit schi­zo­phre­nem Resi­du­al­zu­stand min­des­tens erheb­lich ver­min­dert, wenn nicht gar auf­ge­ho­ben gewe­sen sei. Jedoch wer­den die wesent­li­chen Anknüp­fungs­tat­sa­chen und Schluss­fol­ge­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen, auf die er sei­ne Dia­gno­se stützt, im Urteil nicht genannt. Ein Rück­griff auf das Urteil im ers­ten Rechts­gang ist nicht mög­lich, da die Fest­stel­lun­gen auch inso­weit auf­ge­ho­ben sind. Daher ist bereits das Gut­acht­en­er­geb­nis, auf das das Land­ge­richt das Vor­lie­gen des Ein­gangs­merk­mals einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung im Sin­ne der §§ 20, 21 StGB gestützt hat, nicht nach­voll­zieh­bar dargetan.

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Dar­über hin­aus war im vor­lie­gen­den Fall der von der Straf­kam­mer ange­nom­me­ne sym­pto­ma­ti­sche Zusam­men­hang zwi­schen der psy­cho­ti­schen Erkran­kung des Ange­klag­ten und der Anlass­tat nicht trag­fä­hig begründet.

Die Dia­gno­se einer Psy­cho­se aus dem schi­zo­phre­nen For­men­kreis führt für sich genom­men nicht zur Fest­stel­lung einer gene­rel­len oder zumin­dest län­ge­re Zeit­räu­me über­dau­ern­den gesi­cher­ten erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung der Schuld­fä­hig­keit. Erfor­der­lich ist viel­mehr stets die kon­kre­ti­sie­ren­de Dar­le­gung, in wel­cher Wei­se sich die fest­ge­stell­te psy­chi­sche Stö­rung bei Bege­hung der Tat auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat2.

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt das ange­foch­te­ne Urteil nicht. Fest­stel­lun­gen dazu, in wel­cher Wei­se die hebe­phre­ne Schi­zo­phre­nie des Ange­klag­ten Aus­wir­kun­gen auf die Bege­hung der Anlass­tat hat­te, hat das Land­ge­richt nicht getrof­fen. Die von der Straf­kam­mer mit­ge­teil­te Erwä­gung des Sach­ver­stän­di­gen, bei der hebe­phre­nen Schi­zo­phre­nie stün­den Defi­zi­te in der Hand­lungs­pla­nung im Vor­der­grund und die Betrof­fe­nen sei­en häu­fig unzu­frie­den mit ihrer sozia­len Umwelt, ist nicht geeig­net, eine Beein­flus­sung der vom Ange­klag­ten began­ge­nen Tat durch des­sen psy­cho­ti­sche Erkran­kung trag­fä­hig zu bele­gen. Auch die Fest­stel­lung, dass der Ange­klag­te bei der Brand­le­gung eine unbe­stimm­te, ratio­nal nicht nach­voll­zieh­ba­re Wut auf sei­ne Nach­barn emp­fand, sagt noch nichts dar­über aus, in wel­cher Wei­se sich die Erkran­kung auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten in die­ser kon­kre­ten Situa­ti­on aus­ge­wirkt hat.

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Anhörungsrüge - und die Entscheidungsgründe

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Janu­ar 2021 – 4 StR 449/​20

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 02.04.2020 – 1 StR 28/​20 mwN; und vom 03.12.2020 – 4 StR 371/​20[]
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 17.06.2014 – 4 StR 171/​14; und vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16 mwN[]

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