Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die hier­zu erfor­der­li­che Gefährlichkeitsprognose

Eine Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 StGB kommt dann in Betracht, wenn eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des dafür besteht, dass der Täter infol­ge sei­nes Zustands in Zukunft Straf­ta­ten von erheb­li­cher Bedeu­tung bege­hen wird, die eine schwe­re Stö­rung des Rechts­frie­dens zur Fol­ge haben (Gefähr­lich­keits­pro­gno­se).

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die hier­zu erfor­der­li­che Gefährlichkeitsprognose

Die Annah­me einer gra­vie­ren­den Stö­rung des Rechts­frie­dens setzt nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung vor­aus, dass die zu erwar­ten­den Delik­te wenigs­tens in den Bereich der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät hin­ein­rei­chen, den Rechts­frie­den emp­find­lich stö­ren und geeig­net sind, das Gefühl der Rechts­si­cher­heit der Bevöl­ke­rung erheb­lich zu beein­träch­ti­gen1.

Pro­gnos­tisch muss eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des bestehen, der Täter wer­de in Fol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustands in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen, durch wel­che die Opfer see­lisch oder kör­per­lich erheb­lich geschä­digt oder erheb­lich gefähr­det wer­den oder schwe­rer wirt­schaft­li­cher Scha­den ange­rich­tet wird (§ 63 Satz 1 StGB).

Die erfor­der­li­che Pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlasstat(en) zu ent­wi­ckeln2 und hat sich dar­auf zu erstre­cken, ob und wel­che Taten von dem Beschul­dig­ten infol­ge sei­nes Zustands dro­hen, wie aus­ge­prägt das Maß der Gefähr­dung ist und wel­ches Gewicht den bedroh­ten Rechts­gü­tern zukommt3.

Eine Straf­tat von erheb­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne des § 63 Satz 1 StGB liegt vor, wenn die­se min­des­tens der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät zuzu­rech­nen ist, den Rechts­frie­den emp­find­lich stört und geeig­net ist, das Gefühl der Rechts­si­cher­heit der Bevöl­ke­rung erheb­lich zu beein­träch­ti­gen. Straf­ta­ten, die im Höchst­maß mit Frei­heits­stra­fe unter fünf Jah­ren bedroht sind, sind daher nicht ohne Wei­te­res dem Bereich der Straf­ta­ten von erheb­li­cher Bedeu­tung zuzurechnen.

Zu erwar­ten­de Gewalt- und Aggres­si­ons­de­lik­te sind, soweit es sich nicht um blo­ße Baga­tel­len han­delt, regel­mä­ßig zu den erheb­li­chen Taten zu rech­nen4. Auch gemein­hin als Taten aus dem Bereich der unte­ren Kri­mi­na­li­tät ein­zu­stu­fen­de Delik­te kön­nen durch ihr kon­kre­tes Geprä­ge in den Bereich der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät rücken. Gene­rell ist daher auf die kon­kre­ten Umstän­de und Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls abzu­stel­len, wobei neben der kon­kre­ten Art der dro­hen­den Taten und dem Gewicht der jeweils bedroh­ten Rechts­gü­ter auch die zu erwar­ten­de Häu­fig­keit und Rück­fall­fre­quenz von Bedeu­tung sein kön­nen5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Sep­tem­ber 2020 – 1 StR 371/​19

  1. vgl. nur BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12; BGH, Beschlüs­se vom 16.06.2014 – 4 StR 111/​14; vom 19.08.2014 – 3 StR 243/​14; vom 13.10.2016 – 1 StR 445/​16 Rn. 13; vom 23.05.2017 – 1 StR 164/​17 Rn. 5; Urtei­le vom 28.10.2015 – 1 StR 142/​15; und vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16 Rn. 9[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12; vom 01.10.2013 – 3 StR 311/​13; vom 02.09.2015 – 2 StR 239/​15; vom 15.03.2017 – 2 StR 557/​16 Rn. 7; vom 03.06.2015 – 4 StR 167/​15; und vom 13.10.2016 – 1 StR 445/​16 Rn. 15; Urteil vom 10.01.2019 – 1 StR 463/​18 Rn. 15[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12; BGH, Beschlüs­se vom 07.06.2016 – 4 StR 79/​16; und vom 23.05.2017 – 1 StR 164/​17 Rn. 6; Urteil vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16 Rn. 10[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 22.08.2017 – 2 BvR 2039/​16, Rn. 44 mwN; BGH, Beschlüs­se vom 23.05.2018 – 2 StR 121/​18 Rn. 13; und vom 22.02.2011 – 4 StR 635/​10[]
  5. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 22.08.2017 – 2 BvR 2039/​16, aaO; vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12, Rn. 22; BT-Drs. 18/​7244 S. 18 f.[]

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