Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und der exter­ne Sach­ver­stän­di­ge

Die Frei­heit der Per­son darf nur aus beson­ders gewich­ti­gen Grün­den und unter stren­gen for­mel­len Gewähr­leis­tun­gen ein­ge­schränkt wer­den (Art. 2 Abs. 2 Satz 2, Art. 104 Abs. 1 GG). Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen, die Art. 2 Abs. 2 Satz 2 und Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG an die rich­ter­li­che Über­prü­fung der Fort­dau­er einer Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus stel­len, erge­ben sich aus der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und der exter­ne Sach­ver­stän­di­ge

In ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht erge­ben sich aus der frei­heits­si­chern­den Funk­ti­on des Art. 2 Abs. 2 GG Anfor­de­run­gen an eine zuver­läs­si­ge Wahr­heits­er­for­schung. Denn es ist unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung eines rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens, dass Ent­schei­dun­gen, die den Ent­zug der per­sön­li­chen Frei­heit betref­fen, auf zurei­chen­der rich­ter­li­cher Sach­auf­klä­rung beru­hen und eine in tat­säch­li­cher Hin­sicht genü­gen­de Grund­la­ge haben, die der Bedeu­tung der Frei­heits­ga­ran­tie ent­spricht [1].

Die­se Anfor­de­run­gen gel­ten auch für das Ver­fah­ren der Über­prü­fung der Unter­brin­gung. Geht es um Pro­gno­se­ent­schei­dun­gen, bei denen Risi­ken in Rede ste­hen, die in der geis­ti­gen und see­li­schen Dis­po­si­ti­on der Betrof­fe­nen grün­den, folgt aus dem Gebot zurei­chen­der rich­ter­li­cher Sach­auf­klä­rung in der Regel die Pflicht des Rich­ters, einen erfah­re­nen Sach­ver­stän­di­gen hin­zu­zu­zie­hen. Dies gilt ins­be­son­de­re dort, wo die Gefähr­lich­keit eines in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus Unter­ge­brach­ten zu beur­tei­len ist; denn die Umstän­de, die die­se bestim­men, sind für den Rich­ter oft schwer erkenn­bar und abzu­wä­gen [2]. Dar­aus folgt zwar noch nicht, dass bei jeder nach § 67e Abs. 2 StGB tur­nus­mä­ßig vor­zu­neh­men­den Über­prü­fung der Unter­brin­gung von Ver­fas­sungs wegen zwin­gend ein ärzt­li­ches oder psy­cho­lo­gi­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len wäre [3]. Nicht bei jeder Über­prü­fung der Unter­brin­gung muss der glei­che Auf­wand ver­an­lasst sein [2]. Immer ist aller­dings eine für den Ein­zel­fall hin­rei­chen­de Gründ­lich­keit bei der Ent­schei­dungs­fin­dung zu gewähr­leis­ten [4].

Wird bei der zu tref­fen­den Pro­gno­se­ent­schei­dung die Hil­fe eines ärzt­li­chen oder psy­cho­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen in Anspruch genom­men, ist dar­auf Bedacht zu neh­men, dass das Gut­ach­ten hin­rei­chend sub­stan­ti­iert ist. Es muss den Rich­ter in die Lage ver­set­zen, sich – zumin­dest im Ver­bund mit dem übri­gen Akten­in­halt – die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für sei­ne Ent­schei­dung zu erar­bei­ten und auch die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob und gege­be­nen­falls wel­che Art Straf­ta­ten von dem Unter­ge­brach­ten infol­ge sei­nes Zustan­des (noch) zu erwar­ten sind. Dazu wird es – je nach Sach­la­ge – ein mög­lichst umfas­sen­des Bild der zu beur­tei­len­den Per­son zu zeich­nen haben [5].

Mit zuneh­men­der Dau­er des Frei­heits­ent­zugs stei­gen die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Sach­ver­halts­auf­klä­rung und die Begrün­dungs­tie­fe einer Über­prü­fungs­ent­schei­dung; mit dem sich inten­si­vie­ren­den Frei­heits­ein­griff wächst auch die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­troll­dich­te. Befin­det sich der Unter­ge­brach­te seit lan­ger Zeit in dem­sel­ben psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus, ist es daher gebo­ten, von Zeit zu Zeit einen anstalts­frem­den Sach­ver­stän­di­gen hin­zu­zu­zie­hen, um der Gefahr repe­ti­ti­ver Rou­ti­ne­be­ur­tei­lun­gen vor­zu­beu­gen [6] und um aus­zu­schlie­ßen, dass Eigen­in­ter­es­sen der Anstalt oder die Bezie­hung zwi­schen Unter­ge­brach­tem und The­ra­peu­ten das Gut­ach­ten beein­flus­sen [7]. Die­ses ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot wird mitt­ler­wei­le durch die im Jah­re 2007 ein­ge­führ­te Vor­schrift des § 463 Abs. 4 StPO kon­kre­ti­siert. Danach soll das Gericht im Rah­men der Über­prü­fun­gen nach § 67e StGB nach jeweils fünf Jah­ren voll­zo­ge­ner Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus das Gut­ach­ten eines anstalts­frem­den und nicht mit der Behand­lung des Unter­ge­brach­ten befass­ten Sach­ver­stän­di­gen ein­ho­len.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Juli 2011 – 2 BvR 2413/​10

  1. vgl. BVerfGE 70, 297, 308 m.w.N.[]
  2. BVerfGE 70, 297, 309[][]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.06.2008 – 2 BvR 598/​08[]
  4. BVerfGE 70, 297, 309 f.[]
  5. BVerfGE 70, 297, 310[]
  6. vgl. BVerfGE 70, 297, 311, 316; 109, 133, 162; 117, 71, 105, 106; BVerfGK 5, 40, 43[]
  7. vgl. BVerfGE 109, 133, 164[]