Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die dort began­ge­nen Straf­ta­ten

Hat der Beschul­dig­te rechts­wid­ri­ge Taten im Zustand der ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit oder der Schuld­un­fä­hig­keit began­gen und sind ange­sichts sei­nes Krank­heits­bil­des von ihm auch künf­tig ver­gleich­ba­re Hand­lun­gen zu erwar­ten, die erheb­lich sind, mit­hin kei­ne blo­ßen Beläs­ti­gun­gen oder Läs­tig­kei­ten dar­stel­len 1, ist er damit er nach all­ge­mei­nen Regeln für die All­ge­mein­heit gefähr­lich 2.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die dort began­ge­nen Straf­ta­ten

Aller­dings stellt der Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung beson­de­re Anfor­de­run­gen bei Taten, die ein Beschul­dig­ter oder Ange­klag­ter im Rah­men von Unter­brin­gun­gen in Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen ver­übt.

In sei­nem Urteil vom 22.01.1998 3 hat der 4. Straf­se­nat mit sol­cher Begrün­dung – soweit ersicht­lich erst­mals – die Unter­brin­gung eines bereits auf ande­rer Rechts­grund­la­ge Unter­ge­brach­ten als unver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen (§ 62 StGB). Habe der Beschul­dig­te die krank­heits­ty­pi­schen und krank­heits­be­ding­ten Anlas­s­ta­ten im Rah­men einer bereits aus ande­ren Grün­den ange­ord­ne­ten Unter­brin­gung began­gen und sei­en Tat­op­fer die Ange­hö­ri­gen des Pfle­ge­per­so­nals, so blei­be für die Maß­re­gel nach § 63 StGB in der Regel kein Raum. Das Ver­hal­ten eines in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik dau­er­haft Unter­ge­brach­ten gegen­über dem im Umgang mit schwie­ri­gen und aggres­si­ven Pati­en­ten geschul­ten Per­so­nal sei für eine wer­ten­de Betrach­tung nicht gleich­zu­set­zen mit Hand­lun­gen, die ein schuld­un­fä­hi­ger oder ver­min­dert schuld­fä­hi­ger Täter im Leben in Frei­heit gegen­über belie­bi­gen Drit­ten oder ihm nahe­ste­hen­den Per­so­nen bege­he. Sol­che Taten ver­lang­ten – jeden­falls soweit sie nicht dem Bereich schwers­ter Rechts­guts­ver­let­zun­gen zuzu­rech­nen sei­en – schon nach ihrem äuße­ren Ein­druck weit weni­ger nach einer Reak­ti­on durch ein Siche­rungs­ver­fah­ren und die Anord­nung einer straf­recht­li­chen Maß­re­gel.

Spä­te­re Ent­schei­dun­gen haben den Gedan­ken auf­ge­grif­fen, die­sen jedoch nicht bei der Fra­ge der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, son­dern bereits im Rah­men der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se gewich­tet, und zwar bei der Prü­fung der Erheb­lich­keit der (began­ge­nen und künf­tig zu erwar­ten­den) Taten 4. Den Umstand, dass Taten inner­halb einer Ein­rich­tung nicht mit sol­chen außer­halb (extra muros) gleich­ge­setzt wer­den dürf­ten, habe das Tat­ge­richt jeden­falls dann zu berück­sich­ti­gen und aus­drück­lich zu erör­tern, wenn die Taten nicht aus­schließ­bar ihre Ursa­che (auch) in der durch die Unter­brin­gung für den Betref­fen­den bestehen­den Situa­ti­on hät­ten 5. Die­se Maß­stä­be hat der Bun­des­ge­richts­hof – ohne nähe­re Begrün­dung – auf Taten zum Nach­teil von Mit­pa­ti­en­ten erstreckt 6.

Der hier ent­schei­den­de 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ver­mag die­ser Recht­spre­chung nicht unein­ge­schränkt zu fol­gen.

Das gilt zunächst inso­weit, als ihr ein Pos­tu­lat zu ent­neh­men sein könn­te, nach all­ge­mei­nen Regeln als erheb­lich gewer­te­te Taten wögen dann gene­rell weni­ger schwer, wenn sie wäh­rend einer Unter­brin­gung began­gen wer­den 7. Zwar mag es sein, dass bei­spiels­wei­se eine – dann auch im Wesent­li­chen abge­wehr­te – Gewalt­tat zum Nach­teil geschul­ter, hin­rei­chend kräf­ti­ger und/​oder über beson­de­re Hilfs­und Schutz­mit­tel ver­fü­gen­der 8 Pfle­ge­kräf­te in einem mil­de­ren Licht erscheint als die­sel­be Tat gegen­über sons­ti­gen Drit­ten. Der Gesichts­punkt vor­han­de­ner "Wehr­haf­tig­keit" im Umgang mit aggres­si­ven Pati­en­ten trifft jedoch schon nicht auf das gesam­te ärzt­li­che und pfle­ge­ri­sche Per­so­nal zu. Dabei hät­te der Bun­des­ge­richts­hof Beden­ken, zur Begrün­dung einer gene­rell min­de­ren Gewich­tung von Taten auch dar­auf abzu­stel­len, dass ein psy­chisch Schwer­kran­ker das Pfle­ge­per­so­nal womög­lich nicht nach ent­spre­chend geschul­ten und unge­schul­ten Kräf­ten zu unter­schei­den ver­mag 9. Denn nicht die "Gleich­set­zung" ein­schlä­gi­ger Taten mit sol­chen außer­halb von Ein­rich­tun­gen bedarf beson­de­rer Begrün­dung, son­dern die Ungleich­be­hand­lung gleich­ar­ti­ger Taten maß­ge­bend anhand des Orts der Tat­be­ge­hung.

Für Mit­pa­ti­en­ten tref­fen die von der Recht­spre­chung ange­führ­ten Grün­de für eine Anders­be­hand­lung von Taten inner­halb von Ein­rich­tun­gen nicht ohne wei­te­res zu. Weder ver­fü­gen die­se über eine Schu­lung noch über Erfah­run­gen bei der Bewäl­ti­gung von Taten aggres­si­ver Pati­en­ten. Sie erschei­nen im Gegen­teil auf­grund der Unter­brin­gungs­si­tua­ti­on und weit­hin feh­len­der Aus­weich­mög­lich­kei­ten in beson­de­rem Maße schutz­be­dürf­tig.

Der Bun­des­ge­richts­hof neigt aus die­sen Grün­den der Ansicht zu, dass die Tat­ge­rich­te die Beson­der­hei­ten der Unter­brin­gungs­si­tua­ti­on nur dann aus­drück­lich zu wür­di­gen haben, wenn hier­zu nach den kon­kre­ten Umstän­den der Tat(en) Anlass besteht. Das kann etwa bei Delik­ten zum Nach­teil beson­ders geschul­ter Pfle­ge­kräf­te im oben genann­ten Sin­ne der Fall sein oder auch bei Über­re­ak­tio­nen in Belas­tungs­si­tua­tio­nen, etwa im Zuge von Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men 10. Ohne beson­de­ren Anlass kann es nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs hin­ge­gen kei­nen durch­grei­fen­den Erör­te­rungs­man­gel dar­stel­len, wenn sich ein Tat­ge­richt im Rah­men einer ansons­ten rechts­feh­ler­frei­en Gefähr­lich­keits­pro­gno­se nicht geson­dert mit dem Umstand aus­ein­an­der­setzt, dass es um eine oder meh­re­re Taten im Rah­men eines Auf­ent­halts in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung geht. Bei Taten gegen­über Mit­pa­ti­en­ten wird in aller Regel kein Anlass zu eigen­stän­di­ger Begrün­dung bestehen.

Der 5. Straf­se­nat brauch­te die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen vor­lie­gend nicht abschlie­ßend zu ent­schei­den. Er ver­mag schon nicht sicher zu beur­tei­len, ob der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung in Bezug auf Taten gegen­über Mit­pa­ti­en­ten tat­säch­lich ein strik­tes Erör­te­rungs­ge­bot ent­nom­men wer­den kann 11, bei des­sen Ver­feh­len der Bestand des Urteils gefähr­det ist.

Ange­sichts des Ver­laufs der fest­ge­stell­ten Anlas­s­ta­ten konn­te im vor­lie­gen­den Fall aber jeden­falls aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Anlas­s­ta­ten maß­geb­lich durch die Unter­brin­gungs­si­tua­ti­on bedingt waren. Jene bil­de­te viel­mehr nur einen äuße­ren Man­tel für die Tat­be­ge­hun­gen. Die Anlas­s­ta­ten ent­spran­gen ent­we­der All­tags­si­tua­tio­nen, wie sie sich auch außer­halb von the­ra­peu­ti­schen Ein­rich­tun­gen ereig­nen kön­nen, oder wie­sen nur inso­weit einen losen Zusam­men­hang mit dem Auf­ent­halt in der psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung auf, als der aggres­siv gestimm­te Beschul­dig­te zuvor das Dienst­zim­mer einer Ange­hö­ri­gen der Ein­rich­tung auf­ge­sucht hat­te.

Der viel­leicht "unter­brin­gungs­spe­zi­fi­sche" Vor­fall auf dem Dienst­zim­mer lag zur Tat­zeit schon zwei Stun­den zurück. Aus­lö­ser für den Mes­ser­an­griff war die Äuße­rung des Mit­pa­ti­en­ten, dass der Beschul­dig­te "spin­ne", nach­dem Letz­te­rer von Mil­lio­nen­ver­diens­ten aus Dro­gen­han­dels­ge­schäf­ten erzählt hat­te. Auf­grund des schwe­ren Krank­heits­bil­des des Beschul­dig­ten liegt auf der Hand, dass sich der­ar­ti­ge Vor­fäl­le jeder­zeit auch "in Frei­heit" ereig­nen kön­nen.

Beden­ken unter dem Blick­win­kel der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (§ 62 StGB) bestehen schon wegen der über­le­ge­nen Siche­rungs­mög­lich­kei­ten des Maß­re­gel­voll­zugs nicht. Dies gilt zumal ange­sichts des­sen, dass der Beschul­dig­te bereits zwei­mal aus der Unter­brin­gung auf Akut­sta­tio­nen ent­wi­chen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2019 – 5 StR 410/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.01.1998 – 4 StR 354/​97, NStZ 1998, 405 mwN[]
  2. vgl. BGH, aaO; sowie BGH, Urteil vom 07.06.1995 – 2 StR 206/​95, BGHR StGB § 63 Gefähr­lich­keit 21[]
  3. BGH, Urteil vom 22.01.1998 4 StR 354/​97, aaO[]
  4. vgl. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.1999 – 4 StR 269/​99, NStZ 1999, 611, 612; vom 02.07.2002 – 1 StR 194/​02, NStZ 2002, 590, 591; vom 17.02.2009 – 3 StR 27/​09, NStZ-RR 2009, 169, 170; vom 22.02.2011 – 4 StR 635/​10, NStZ-RR 2011, 202, 203; vom 25.04.2012 – 4 StR 81/​12 Rn. 5[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.1999 – 4 StR 269/​99, aaO; vom 02.07.2002 – 1 StR 194/​02, aaO; vom 17.02.2009 – 3 StR 27/​09, aaO[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.1999 – 4 StR 269/​99, aaO; vom 02.07.2002 – 1 StR 194/​02, aaO[]
  7. in die­sem Sin­ne BGH, Beschluss vom 25.04.2012 – 4 StR 81/​12, aaO; BVerfG [Kam­mer], NJW 2012, 513, 514; SSWStGB/​Kaspar, 4. Aufl., § 63 Rn. 25; sie­he aber auch BGH, Urteil vom 05.06.2019 – 2 StR 42/​19[]
  8. inso­weit zu Poli­zei­be­am­ten BGH, Beschluss vom 19.01.2017 – 4 StR 595/​16, NStZ-RR 2017, 203, 205[]
  9. aA betref­fend "ein­fa­che Kran­ken­pfle­ge­rin­nen": BGH, Beschluss vom 25.04.2012 – 4 StR 81/​12, aaO[]
  10. vgl. auch BGH, Beschluss vom 13.12 2011 – 5 StR 422/​11, NStZ-RR 2012, 107, 108[]
  11. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.1999 – 4 StR 269/​99, aaO; vom 02.07.2002 – 1 StR 194/​02, aaO; jeweils: "und unter Umstän­den auch gegen Mit­pa­ti­en­ten"[]