Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die zwei­fel­haf­te Schuld­un­fä­hig­keit

Die grund­sätz­lich unbe­fris­te­te Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 StGB ist eine außer­or­dent­lich belas­ten­de Maß­nah­me, die einen beson­ders gra­vie­ren­den Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen dar­stellt. Sie darf daher nur dann ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei der Bege­hung der Anlass­ta­ten wegen eines der in § 20 StGB genann­ten Ein­gangs­merk­ma­le schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die zwei­fel­haf­te Schuld­un­fä­hig­keit

Per­sön­lich­keits­stö­rung[↑]

Eine Per­sön­lich­keits­stö­rung kann die Annah­me einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit im Sin­ne des § 20 StGB nur dann begrün­den, wenn sie Sym­pto­me auf­weist, die in ihrer Gesamt­heit das Leben eines Ange­klag­ten ver­gleich­bar schwer und mit ähn­li­chen Fol­gen stö­ren, belas­ten oder ein­engen wie krank­haf­te see­li­sche Stö­run­gen [1]. Da der Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung und der Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit ent­schei­dend für die Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit sind, ist die Beein­träch­ti­gung der Leis­tungs­fä­hig­keit, etwa hin­sicht­lich der Wahr­neh­mung der eige­nen und drit­ter Per­so­nen, der emo­tio­na­len Reak­tio­nen, der Gestal­tung zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen und der Impuls­kon­trol­le, durch die fest­ge­stell­ten patho­lo­gi­schen Ver­hal­tens­mus­ter im Ver­gleich mit jenen krank­haft see­li­scher Stö­run­gen zu unter­su­chen. Für die Bewer­tung der Schwe­re der Per­sön­lich­keits­stö­rung ist maß­ge­bend, ob es im All­tag außer­halb des ange­klag­ten Delik­tes zu Ein­schrän­kun­gen des beruf­li­chen und sozia­len Hand­lungs­ver­mö­gens gekom­men ist. Erst wenn das Mus­ter des Den­kens, Füh­lens oder Ver­hal­tens, das gewöhn­lich im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter in Erschei­nung tritt, sich im Zeit­ver­lauf als sta­bil erwie­sen hat, kön­nen die psych­ia­tri­schen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, die recht­lich als vier­tes Merk­mal des § 20 StGB, der "schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit" ange­se­hen wer­den [2].

An einer sol­chen Bewer­tung fehlt es jedoch, wenn sich die Straf­kam­mer auf die Dar­stel­lung der Sym­pto­me beschränkt, die zu der Dia­gno­se der dis­so­zia­len Per­sön­lich­keits­stö­rung geführt haben, und danach nicht erkenn­bar ist, dass die fest­ge­stell­ten Auf­fäl­lig­kei­ten in der Per­son des Ange­klag­ten – mögen sie auch die Dia­gno­se einer Per­sön­lich­keits­stö­rung tra­gen – dem Schwe­re­grad einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit ent­spre­chen und es sich nicht nur um Eigen­schaf­ten und Ver­hal­tens­wei­sen han­delt, die übli­che Ursa­chen für straf­ba­res Ver­hal­ten dar­stel­len, und auch eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der geschick­ten, Vor­be­rei­tung erfor­dern­den und zeit­lich gestreck­ten Vor­ge­hens­wei­se [3] bei den Betrug­s­ta­ten im Hin­blick auf die Leis­tungs­fä­hig­keit nicht statt­fin­det. Dies wäre umso mehr gebo­ten gewe­sen, als dies Rück­schlüs­se dar­auf zulas­sen könn­te, ob der Ange­klag­te zur vor­über­ge­hen­den Zurück­stel­lung sei­ner Bedürf­nis­se in der Lage war und nicht aus einem inne­ren Zwang her­aus gehan­delt hat [4].

Min­der­be­ga­bung – der IQ von 67[↑]

Auch eine fest­ge­stell­te Min­der­be­ga­bung führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung, wenn ihre Annah­me allein auf Ergeb­nis­sen von Intel­li­genz­tests, bei denen der Sach­ver­stän­di­ge, dem das Land­ge­richt folgt, einen Gesamt-IQ von 67 fest­ge­stellt hat. Dies begeg­net schon für sich genom­men Beden­ken. Die­se unkri­ti­sche Über­nah­me test­psy­cho­lo­gi­scher Ergeb­nis­se lässt einen Abgleich mit dem tat­säch­lich gezeig­ten Leis­tungs­ver­hal­ten ver­mis­sen. Die­ses impo­niert durch geziel­te, stra­te­gisch güns­ti­ge Opfer­aus­wahl und die Fähig­keit, "eine in sich geschlos­se­ne, einem Drit­ten ein­leuch­ten­de Erklä­rung" bei Bedarf abzu­ru­fen und zum Ein­satz zu brin­gen. Defi­zi­te beim Sprach­ver­ständ­nis, Sprach­ge­brauch oder bei der Hand­ha­bung von kom­ple­xen Hand­lungs­an­for­de­run­gen sind hin­ge­gen nicht zu Tage getre­ten. Jeden­falls aber ist ange­sichts der kon­kre­ten Tat­um­stän­de nicht dar­ge­legt, dass eine Min­der­be­ga­bung zu einer straf­recht­lich rele­van­ten Ein­schrän­kung sei­ner Hand­lungs­mus­ter geführt haben könn­te.

Schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit[↑]

Ob die Steue­rungs­fä­hig­keit wegen einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit bei Bege­hung der Tat "erheb­lich" im Sin­ne des § 21 StGB ver­min­dert war, ist eine Rechts­fra­ge, die der Tatrich­ter ohne Bin­dung an Äuße­run­gen von Sach­ver­stän­di­gen in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu beant­wor­ten hat. Hier­bei flie­ßen nor­ma­ti­ve Gesichts­punk­te ein. Ent­schei­dend sind die Anfor­de­run­gen, die die Rechts­ord­nung an jeder­mann stellt [5]. Dazu hat der Tatrich­ter in einer Gesamt­be­trach­tung die Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten und des­sen Ent­wick­lung zu bewer­ten, wobei auch Vor­ge­schich­te, unmit­tel­ba­rer Anlass und Aus­füh­rung der Tat sowie das Ver­hal­ten danach von Bedeu­tung sind [6]. Den hier­zu ange­stell­ten Erwä­gun­gen des Land­ge­richts fehlt aber jeg­li­che tat­be­zo­ge­ne Betrach­tung, ins­be­son­de­re fin­det kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der kom­ple­xen und struk­tu­rier­ten Bege­hungs­wei­se der Betrug­s­ta­ten statt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. März 2016 – 1 StR 402/​15

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 11.02.2015 – 4 StR 498/​14; und vom 21.09.2004 – 3 StR 333/​04, NStZ 2005, 326, 327; Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52 f.; Beschluss vom 21.10.1998 – 3 StR 416/​98, NStZ-RR 1999, 136 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52 f. mwN aus dem psych­ia­tri­schen Schrift­tum[]
  3. vgl. zur mög­li­chen Rele­vanz die­ser Umstän­de für das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen einer "schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit" aus psych­ia­tri­scher Sicht, BGH aaO, 53[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 11.02.2015 – 4 StR 498/​15 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 14.08.2014 – 4 StR 163/​14, Rn. 29, NJW 2014, 3382, 3384 mwN[]
  6. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 53 f. mwN[]