Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gnos­se

Eine Unter­brin­gung nach § 63 StGB darf ledig­lich dann ange­ord­net wer­den, wenn eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des dafür besteht, dass der Täter infol­ge sei­nes Zustands in Zukunft Straf­ta­ten von erheb­li­cher Bedeu­tung bege­hen wird, also sol­che, die eine schwe­re Stö­rung des Rechts­frie­dens zur Fol­ge haben1.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und die erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gnos­se

Dies setzt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­aus, dass die zu erwar­ten­den Delik­te wenigs­tens in den Bereich der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät hin­ein­rei­chen, den Rechts­frie­den emp­find­lich stö­ren und geeig­net sind, das Gefühl der Rechts­si­cher­heit der Bevöl­ke­rung erheb­lich zu beein­träch­ti­gen2.

Die­se durch die Recht­spre­chung her­aus­ge­bil­de­ten Anfor­de­run­gen sind durch die neue Fas­sung des § 63 Satz 1 StGB dahin­ge­hend kon­kre­ti­siert wor­den, dass nur die Erwar­tung sol­cher erheb­li­cher rechts­wid­ri­ger Taten aus­reicht, durch die die Opfer see­lisch oder kör­per­lich erheb­lich geschä­digt oder erheb­lich gefähr­det wer­den oder schwe­rer wirt­schaft­li­cher Scha­den ange­rich­tet wird.

Errei­chen die Anlas­s­ta­ten ihrem Gewicht nach nicht ein­mal die­sen Bereich, ist eine Anord­nung der Maß­re­gel gemäß § 63 StGB nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen; das Tat­ge­richt muss in sol­chen Fäl­len aller­dings die erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gno­se beson­ders sorg­fäl­tig dar­le­gen3.

Die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlas­s­tat(en) zu ent­wi­ckeln4 und hat sich dar­auf zu erstre­cken, ob und wel­che Taten von ihm infol­ge sei­nes Zustands dro­hen, wie aus­ge­prägt das Maß der Gefähr­dung ist und wel­ches Gewicht den bedroh­ten Rechts­gü­tern zukommt5.

Die­sem schon von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten beson­de­ren Dar­le­gungs­er­for­der­nis gibt die seit dem 1.08.2016 gel­ten­de und über § 2 Abs. 6 StGB anzu­wen­den­de Neu­re­ge­lung in § 63 Satz 2 StGB eine kla­re gesetz­li­che Fas­sung6.

Dabei kann im Rah­men der Gesamt­ab­wä­gung zur Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten einer in den Bereich der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät hin­ein­rei­chen­den Tat nur ein­ge­schränk­tes Gewicht bei­zu­mes­sen sein, wenn Aus­lö­ser für die­se Tat eine vom Ange­klag­ten als äußerst bedroh­lich emp­fun­de­ne Aus­nah­me­si­tua­ti­on war7.

Des­wei­te­ren sind bei der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se im Rah­men der Gesamt­wür­di­gung von Tat und Täter neben den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen auch frü­he­re Taten mit zu berück­sich­ti­gen, selbst wenn die dies­be­züg­li­chen Ver­fah­ren nach § 153 oder § 154 StPO ein­ge­stellt wur­den8.

Die die­se bei­den Gesichts­punk­te berück­sich­ti­gen­den Wer­tun­gen dür­fen jedoch nicht in Wider­spruch zuein­an­der ste­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Dezem­ber 2016 – 1 StR 399/​16

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 03.09.2015 – 1 StR 255/​15, NStZ-RR 2016, 198 mwN; Fischer, StGB, 64. Aufl., § 63 Rn. 15 und 16 mwN []
  2. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 13.10.2016 – 1 StR 445/​16; vom 18.07.2013 – 4 StR 168/​13, NJW 2013, 3383; vom 16.06.2014 – 4 StR 111/​14, NStZ 2014, 571; vom 19.08.2014 – 3 StR 243/​14, StV 2016, 732; Urteil vom 28.10.2015 – 1 StR 142/​15, NStZ-RR 2016, 40; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12, NStZ-RR 2014, 305 []
  3. BGH, Urteil vom 02.03.2011 – 2 StR 550/​10, NStZ-RR 2011, 240, 241; Beschlüs­se vom 06.03.2013 – 1 StR 654/​12, NStZ-RR 2013, 303, 304 f.; vom 18.11.2013 – 1 StR 594/​13, NStZ-RR 2014, 76 f. []
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 13.10.2016 – 1 StR 445/​16; vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12, NStZ-RR 2013, 141; vom 01.10.2013 – 3 StR 311/​13, NStZ-RR 2014, 42; vom 02.09.2015 – 2 StR 239/​15; vom 03.06.2015 – 4 StR 167/​15, StV 2016, 724 []
  5. BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12, NStZ-RR 2014, 134; BGH, Beschluss vom 07.06.2016 – 4 StR 79/​16, NStZ-RR 2016, 306 []
  6. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Novel­lie­rung des Rechts der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 des Straf­ge­setz­bu­ches und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten, BT-Drs. 18/​7244, S. 2224 []
  7. BGH, Urteil vom 08.06.2011 – 5 StR 134/​11, RuP 2011, 245 []
  8. vgl. BGH, Urteil vom 17.02.2004 – 1 StR 437/​03 []