Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die durch Alko­hol erheb­lich ein­ge­schränk­te Schuld­fä­hig­keit

Die Anord­nung der Unter­brin­gung gemäß § 63 StGB setzt die posi­ti­ve Fest­stel­lung eines län­ger andau­ern­den, nicht nur vor­über­ge­hen­den Defekts vor­aus, der zumin­dest eine erheb­li­che Ein­schrän­kung der Schuld­fä­hig­keit zur Tat­zeit im Sin­ne des § 21 StGB begrün­det.

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die durch Alko­hol erheb­lich ein­ge­schränk­te Schuld­fä­hig­keit

Dabei bedeu­tet ein län­ger dau­ern­der Zustand nicht eine unun­ter­bro­che­ne Befind­lich­keit. Ent­schei­dend und für die Maß­re­gel­an­ord­nung aus­rei­chend ist viel­mehr, dass der Zustand der Grund­er­kran­kung län­ger andau­ert, sofern er dazu führt, dass schon all­täg­li­che Ereig­nis­se die aku­te erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Schuld­fä­hig­keit aus­lö­sen kön­nen 1.

War der Täter bei Bege­hung der Tat alko­ho­li­siert und hat "letzt­lich" der Kon­sum von Alko­hol sei­ne Schuld­fä­hig­keit bei Bege­hung der Tat auf­ge­ho­ben oder erheb­lich ver­min­dert, so ist für die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus zwar grund­sätz­lich nur Raum, wenn er an einer krank­haf­ten Alko­hol­sucht lei­det oder in krank­haf­ter Wei­se alko­hol­über­emp­find­lich ist 2.

Ein Zustand im Sin­ne des § 63 StGB liegt aber – ent­spre­chend obi­ger Recht­spre­chung – auch vor, wenn der Täter an einer län­ger dau­ern­den geis­tig­see­li­schen Stö­rung lei­det, bei der bereits gerin­ger Alko­hol­kon­sum oder ande­re all­täg­li­che Ereig­nis­se die aku­te erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Schuld­fä­hig­keit aus­lö­sen kön­nen und dies getan haben 3, wenn tra­gen­der Grund sei­nes Zustan­des mit­hin die län­ger andau­ern­de krank­haf­te geis­tig­see­li­sche Stö­rung und die Alko­ho­li­sie­rung ledig­lich der aus­lö­sen­de Fak­tor war und ist 4.

Reich­te aber die Grund­er­kran­kung (hier: ADHS) auch in Ver­bin­dung mit den Fol­gen des Alko­hol­kon­sums für die Annah­me einer erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit beim Ange­klag­ten nicht aus, son­dern wur­de die­se erst durch das Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstän­de begrün­det, muss es sich bei die­sen um "all­täg­li­che Ereig­nis­se" gehan­delt haben, um einen dau­er­haf­ten Zustand im Sinn des § 63 StGB zu begrün­den. Denn eine allein auf eine geis­tig­see­li­sche Stö­rung und Alko­hol­kon­sum zurück­zu­füh­ren­de Dis­po­si­ti­on, nicht auf­grund von all­täg­li­chen Ereig­nis­sen, son­dern ledig­lich in bestimm­ten Belas­tungs­si­tua­tio­nen wegen man­geln­der Fähig­keit zur Impuls­kon­trol­le in den Zustand erheb­lich ver­min­der­ter Steue­rungs­fä­hig­keit zu gera­ten, stellt kei­nen dau­er­haf­ten Zustand im Sinn des § 63 StGB dar 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2016 – 4 StR 161/​16

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.02.1999 – 2 StR 483/​98, BGHSt 44, 369, 375 f., Rn. 32; vom 10.08.2005 – 2 StR 209/​05, BGHR StGB § 63 Ableh­nung 2, Rn. 17; vom 03.12 2015 – 4 StR 387/​15, Rn. 25; Beschlüs­se vom 14.01.2009 – 2 StR 565/​08, NStZ-RR 2009, 136, Rn. 9; vom 21.11.2012 – 4 StR 257/​12, Rn. 7 jeweils mwN[]
  2. vgl. etwa BGH, Urteil vom 17.02.1999 – 2 StR 483/​98, BGHSt 44, 369, 372 f., Rn.19; Beschluss vom 09.06.2010 – 2 StR 201/​10, Rn. 6, jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.02.1999 – 2 StR 483/​98, BGHSt 44, 369, 374, Rn. 27; vom 29.09.2015 – 1 StR 287/​15, NJW 2016, 341 f., Rn. 11; Beschlüs­se vom 01.04.2014 – 2 StR 602/​13, Rn. 5; vom 05.07.2011 – 3 StR 173/​11, NStZ 2012, 209, Rn. 5; vom 23.09.2015 – 4 StR 371/​15, Rn. 9[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 17.02.1999 – 2 StR 483/​98, BGHSt 44, 369, 374, Rn. 25 f.[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.06.2015 – 2 StR 358/​14, Rn. 7, sowie vom 03.12 2015 – 4 StR 387/​15, Rn. 24; Beschlüs­se vom 21.11.2012 – 4 StR 257/​12, Rn. 7; vom 29.01.2008 – 4 StR 595/​07, Rn. 12 jeweils mwN[]