Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se

Eine Unter­brin­gung gemäß § 63 StGB darf nur erfol­gen, wenn eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des dafür besteht, dass der Täter infol­ge sei­nes Zustands in Zukunft Straf­ta­ten von erheb­li­cher Bedeu­tung bege­hen wird, also sol­che, die eine schwe­re Stö­rung des Rechts­frie­dens zur Fol­ge haben 1.

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se

Die zur Beur­tei­lung die­ser Vor­aus­set­zung erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gno­se ist auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlas­s­tat(en) zu ent­wi­ckeln 2 und hat sich dar­auf zu erstre­cken, ob und wel­che Taten von dem Beschul­dig­ten infol­ge sei­nes Zustands dro­hen, wie aus­ge­prägt das Maß der Gefähr­dung ist und wel­ches Gewicht den bedroh­ten Rechts­gü­tern zukommt 3.

Dabei hat der Tatrich­ter die für die Ent­schei­dung über die Unter­brin­gung maß­geb­li­chen Umstän­de in den Urteils­grün­den so umfas­send dar­zu­le­gen, dass das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt wird, die Ent­schei­dung nach­zu­voll­zie­hen 4.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de das hier vom Bun­des­ge­richts­hof über­prüf­te Urteil nicht gerecht: Das Land­ge­richt hat sach­ver­stän­dig bera­ten im Rah­men der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se – neben ande­ren Gesichts­punk­ten wie eine erheb­li­che Chro­ni­fi­zie­rung der bestehen­den para­noi­den Schi­zo­phre­nie mit zuneh­men­dem Resi­du­um, feh­len­de Krank­heits­ein­sicht und man­gel­haf­te Com­pli­an­ce – dar­auf abge­stellt, dass eine Pro­gre­di­enz der von der Beschul­dig­ten began­ge­nen Straf­ta­ten zu beob­ach­ten sei. Die­se Pro­gre­di­enz hat die Straf­kam­mer vor­ran­gig in den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Anlas­s­ta­ten gese­hen, aber auch in Bezug auf die "Vor­ta­ten" ange­nom­men. Das Land­ge­richt hat hin­sicht­lich der "Vor­ta­ten" fest­ge­stellt, dass – aus­weis­lich des Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­aus­zugs – in den Jah­ren 2001 bis 2016 sie­ben Straf­ver­fah­ren gegen die Beschul­dig­te unter ande­rem wegen Sach­be­schä­di­gung und Kör­per­ver­let­zung wegen Schuld­un­fä­hig­keit ein­ge­stellt wur­den; wei­te­re Fest­stel­lun­gen hat die Straf­kam­mer inso­weit nicht getrof­fen.

Dies genügt den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen nicht. Die von dem Land­ge­richt ange­nom­me­ne Pro­gre­di­enz ist zum einen bezo­gen auf die Anlas­s­ta­ten nicht nach­voll­zieh­bar, da zu berück­sich­ti­gen ist, dass bei­de Taten an zwei auf­ein­an­der fol­gen­den Tagen began­gen wur­den und damit kaum von einem rele­van­ten Ver­laufs­zeit­raum gespro­chen wer­den kann. Über­dies ist hin­sicht­lich der ver­such­ten gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung das Aus­maß der Gefähr­dung des Zeu­gen H. nicht fest­ge­stellt, was für die Qua­li­fi­zie­rung als pro­gre­dien­te Ent­wick­lung eben­falls von Bedeu­tung wäre. Zum ande­ren kann hin­sicht­lich der "Vor­ta­ten" man­gels nähe­rer Dar­le­gun­gen der Straf­kam­mer zu deren Gegen­stand und Hin­ter­grün­den kei­ne Stei­ge­rung im Unrechts­ge­halt ange­nom­men wer­den. Nicht näher begrün­det und nach­voll­zieh­bar ist über­dies die Berück­sich­ti­gung eines "nied­ri­gen sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus" der Beschul­dig­ten bei der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Juli 2018 – 1 StR 287/​18

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16, mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12, NStZ-RR 2013, 141, 142; vom 01.10.2013 – 3 StR 311/​13, StV 2015, 216; und vom 02.09.2015 – 2 StR 239/​15 9; Urteil vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16 10[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12, R&P 2014, 31, 32; BGH, Beschluss vom 07.06.2016 – 4 StR 79/​16, NStZ-RR 2016, 306; Urteil vom 21.02.2017 – 1 StR 618/​16 10[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 21.12 2016 – 1 StR 594/​16, NStZ-RR 2017, 76; und vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16, NStZ-RR 2017, 74, 75, jeweils mwN[]