Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gno­se

Die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 Satz 1 StGB setzt die Fest­stel­lung vor­aus, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei Bege­hung der Anlas­s­tat auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Bege­hung auf die­sem Zustand beruht.

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – und die erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gno­se

Der Defekt­zu­stand muss, um die not­wen­di­ge Gefähr­lich­keits­pro­gno­se zu tra­gen, von län­ge­rer Dau­er sein.

Pro­gnos­tisch muss eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des bestehen, der Täter wer­de in Fol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustands in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen, durch wel­che die Opfer see­lisch oder kör­per­lich erheb­lich geschä­digt oder erheb­lich gefähr­det wer­den oder schwe­rer wirt­schaft­li­cher Scha­den ange­rich­tet wird (§ 63 Satz 1 StGB).

Der Tatrich­ter hat die der Unter­brin­gungs­an­ord­nung zugrun­de lie­gen­den Umstän­de in den Urteils­grün­den so umfas­send dar­zu­stel­len, dass das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt wird, die Ent­schei­dung nach­zu­voll­zie­hen1.

Eine Straf­tat von erheb­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne des § 63 Satz 1 StGB liegt vor, wenn die­se min­des­tens der mitt­le­ren Kri­mi­na­li­tät zuzu­rech­nen ist, den Rechts­frie­den emp­find­lich stört und geeig­net ist, das Gefühl der Rechts­si­cher­heit der Bevöl­ke­rung erheb­lich zu beein­träch­ti­gen.

Straf­ta­ten, die im Höchst­maß mit Frei­heits­stra­fe unter fünf Jah­ren bedroht sind, sind daher nicht ohne Wei­te­res dem Bereich der Straf­ta­ten von erheb­li­cher Bedeu­tung zuzu­rech­nen. Hier­zu gehö­ren bei­spiels­wei­se die Belei­di­gung, die üble Nach­re­de und die nicht­öf­fent­li­che Ver­leum­dung (§§ 185 bis 187 StGB), die Nöti­gung (§ 240 StGB) und Bedro­hung (§ 241 StGB), Sach­be­schä­di­gun­gen (§ 303 StGB), der Haus­frie­dens­bruch (§ 123 StGB) und auch Nach­stel­lun­gen (§ 238 StGB), soweit sie nicht mit aggres­si­ven Über­grif­fen ein­her­ge­hen. Zu erwar­ten­de Gewalt- und Aggres­si­ons­de­lik­te sind, soweit es sich nicht um blo­ße Baga­tel­len han­delt, regel­mä­ßig zu den erheb­li­chen Taten zu rech­nen2.

Gene­rell ist auf die kon­kre­ten Umstän­de und Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls abzu­stel­len, wobei neben der kon­kre­ten Art der dro­hen­den Taten und dem Gewicht der jeweils bedroh­ten Rechts­gü­ter auch die zu erwar­ten­de Häu­fig­keit und Rück­fall­fre­quenz von Bedeu­tung sein kön­nen3. Das heißt, dass neben einer rein qua­li­ta­ti­ven Bewer­tung ergän­zend auch eine quan­ti­ta­ti­ve Betrach­tung anzu­stel­len ist. Je höher die zu erwar­ten­de Rück­fall­fre­quenz ist, des­to eher kom­men, in Gren­zen, auch Abstri­che bei der auf die ein­zel­ne Tat bezo­ge­nen schwe­ren Ver­let­zungs­fol­gen in Betracht, wobei maß­geb­lich ist, inwie­weit sich aus der Art der kon­kret dro­hen­den Taten und der zu erwar­ten­den Rück­fall­fre­quenz ins­ge­samt eine schwe­re Stö­rung des Rechts­frie­dens ergibt4. Die erfor­der­li­che Pro­gno­se ist dabei auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Täters, sei­nes Vor­le­bens und der von ihm began­ge­nen Anlasstat(en) zu ent­wi­ckeln5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Mai 2018 – 2 StR 121/​18

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschluss vom 23.08.2017 – 2 StR 278/​17 12; BGH, Beschlüs­se vom 21.12 2016 – 1 StR 594/​16, NStZ-RR 2017, 76; vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16 9; vom 10.11.2015 – 1 StR 265/​15, NStZ-RR 2016, 76 f.; vom 15.01.2015 – 4 StR 419/​14, NStZ 2015, 394, 395 jeweils mwN []
  2. BVerfG, Beschluss vom 22.08.2017 – 2 BvR 2039/​16 44 mwN; BGH, Beschluss vom 22.02.2011 – 4 StR 635/​10, NStZ-RR 2011, 202 []
  3. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 22.08.2017 – 2 BvR 2039/​16, aaO; BVerfG; vom 24.07.2013 – 2 BvR 298/​12 22, BT-Drs. 18/​7244 S. 18 f. []
  4. BGH, Urteil vom 15.11.2017 – 5 StR 439/​17 27; BT-Drs. 18/​7244 S. 18 f. []
  5. BGH, Beschluss vom 23.05.2017 – 1 StR 164/​17 6 mwN []