Unter­su­chungs­haft und der Ermitt­lungs­rich­ter des Bun­des­ge­richts­hofs

Sitzt der Beschul­dig­te auf­grund eines Haft­be­fehls des Ermitt­lungs­rich­ters des Bun­des­ge­richts­hofs in Unter­su­chungs­haft, ist für die Anord­nung von Beschrän­kun­gen, die dem Beschul­dig­ten auf­grund des Zwecks der Unter­su­chungs­haft auf­zu­er­le­gen sind, gemäß § 126 Abs. 1, § 169 Abs. 1 Satz 2 StPO der Ermitt­lungs­rich­ter des Bun­des­ge­richts­hofs bis zur Ankla­ge­er­he­bung auch dann zustän­dig, wenn die Unter­su­chungs­haft in Nie­der­sach­sen voll­zo­gen wird. § 134a Abs. 1 Satz 2 NJVoll­zG ändert hier­an nichts.

Unter­su­chungs­haft und der Ermitt­lungs­rich­ter des Bun­des­ge­richts­hofs

Die auf­grund des Zwecks der Unter­su­chungs­haft erfor­der­li­chen Beschrän­kun­gen bestim­men sich (auch) in die­sem Fall nach § 119 StPO und nicht nach §§ 133 ff. NJVoll­zG [1].

Aller­dings ist gemäß § 134a Abs. 1 NJVoll­zG Gericht im Sin­ne des den Voll­zug der Unter­su­chungs­haft betref­fen­den Teils die­ses Geset­zes das für die Haft­prü­fung (§ 117 StPO) zustän­di­ge Gericht; han­delt es sich hier­bei nicht um ein Gericht des Lan­des Nie­der­sach­sen, so ist nach § 134 Abs. 1 Satz 2 NJVoll­zG das Amts­ge­richt zustän­dig, in des­sen Bezirk sich der Gefan­ge­ne in Unter­su­chungs­haft befin­det.

Neben die­ser die gericht­li­che Zustän­dig­keit betref­fen­den Rege­lung ent­hält das NJVoll­zG Vor­schrif­ten, die unmit­tel­bar den Zweck der Unter­su­chungs­haft betref­fen. So kön­nen dem Gefan­ge­nen etwa gemäß § 135 Abs. 2 NJVoll­zG Beschrän­kun­gen auf­er­legt wer­den, die der Zweck der Unter­su­chungs­haft erfor­dert.

Die vor­ste­hend genann­ten Bestim­mun­gen ver­mö­gen weder in for­mel­ler Hin­sicht etwas an der aus­schließ­li­chen Zustän­dig­keit des Ermitt­lungs­rich­ters des Bun­des­ge­richts­hofs zu ändern, noch füh­ren sie sach­lich dazu, dass sich die zur Siche­rung des Ver­fah­rens die­nen­den Beschrän­kun­gen in der Unter­su­chungs­haft hier nicht nach § 119 StPO, son­dern nach den Vor­schrif­ten des NJVoll­zG zu rich­ten hät­ten.

Zwar ver­tritt das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le [2] die Auf­fas­sung, dass sich Anord­nun­gen zur Aus­ge­stal­tung der Unter­su­chungs­haft in Nie­der­sach­sen allei­ne nach den §§ 135 ff NJVoll­zG rich­ten und § 119 StPO nF in Nie­der­sach­sen kei­ne Anwen­dung fin­de. Die­se Auf­fas­sung ver­mag indes nicht zu über­zeu­gen. Es ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass dem nie­der­säch­si­schen Lan­des­ge­setz­ge­ber die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz zur Schaf­fung von Rege­lun­gen, die den Zweck der Unter­su­chungs­haft unmit­tel­bar betref­fen, eben­so fehlt wie die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für eine Ände­rung der haft­rich­ter­li­chen Zustän­dig­keit, nament­lich der hier maß­geb­li­chen Zustän­dig­keit in Ermitt­lungs­ver­fah­ren, die in die Zustän­dig­keit des Gene­ral­bun­des­an­walts beim Bun­des­ge­richts­hof und damit hin­sicht­lich der vor Ankla­ge­er­he­bung zu tref­fen­den gericht­li­chen Maß­nah­men in die Zustän­dig­keit des Ermitt­lungs­rich­ters des Bun­des­ge­richts­hofs fal­len.

Seit dem 1.09.2006 ist nach der Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG durch das Gesetz zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes vom 28.08.2006 [3] das Recht des Unter­su­chungs­haft­voll­zugs – nicht hin­ge­gen das die Anord­nung und Fort­dau­er der Unter­su­chungs­haft sowie die Auf­er­le­gung von der Ver­fah­rens­si­che­rung die­nen­den Beschrän­kun­gen betref­fen­de gericht­li­che Ver­fah­rens­recht – aus­schließ­lich Sache der Län­der. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber kann im Rah­men der kon­kur­rie­ren­den Gesetz­ge­bung – nach wie vor – sol­che Maß­nah­men regeln, die den Zweck der Unter­su­chungs­haft (Abwehr von Flucht, Ver­dun­ke­lungs- und Wie­der­ho­lungs­ge­fah­ren) betref­fen [4]. Von die­ser Gesetz­ge­bungs­be­fug­nis hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber bereits durch § 119 Abs. 3 Alt. 1 StPO aF vor der oben genann­ten Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG und anschlie­ßend durch die seit dem 1.01.2010 gel­ten­de Neu­fas­sung des § 119 StPO Gebrauch gemacht, so dass sich Beschrän­kun­gen, die wegen des Zwecks der Unter­su­chungs­haft erfor­der­lich sind, nach § 119 StPO nF rich­ten [5].

Hier­von ist ersicht­lich auch der Gesetz­ge­ber aus­ge­gan­gen. So las­sen sich der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der oben genann­ten Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG [6] kei­ne Hin­wei­se dar­auf ent­neh­men, dass hier­durch dem Haft­rich­ter Kom­pe­ten­zen ent­zo­gen wer­den soll­ten [7]. Aus den Mate­ria­li­en des Geset­zes zur Ände­rung des Unter­su­chungs­haft­rechts [8] ergibt sich viel­mehr ein­deu­tig, dass der Gesetz­ge­ber davon aus­ging, in die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des fal­le auch nach der Föde­ra­lis­mus­re­form noch die zuvor in § 119 Abs. 3 Alt. 1 StPO aF gere­gel­te Anord­nung sol­cher Beschrän­kun­gen, die zur Errei­chung des Zwecks der Unter­su­chungs­haft erfor­der­lich sind. Der Gesetz­ge­ber woll­te mit­hin die inso­weit bestehen­den Kom­pe­ten­zen des Haft­rich­ters im Zuge der Föde­ra­lis­mus­re­form ersicht­lich nicht ein­schrän­ken.

Soweit die Lan­des­ge­set­ze – wie hier das NJVoll­ZG – bezüg­lich der Rege­lung von Maß­nah­men, die der Zweck der Unter­su­chungs­haft erfor­dert, von der Straf­pro­zess­ord­nung, nament­lich von § 119 StPO, abwei­chen­de Rege­lun­gen ent­hal­ten, ist ent­spre­chen­des Lan­des­recht im Hin­blick auf die Sperr­wir­kung des Art. 72 Abs. 1 GG unwirk­sam [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Febru­ar 2012 – 3 BGs 82/​12

  1. ent­ge­gen OLG Cel­le, StV 2010, 194; Anschluss an OLG Olden­burg, StV 2008, 195; vgl. auch OLG Frank­furt, NStZ-RR 2010, 294; OLG Ros­tock, NStZ 2010, 350; OLG Hamm, NStZ-RR 2010, 221 [3. Straf­se­nat] und NStZ-RR 2010, 292 [2. Straf­se­nat]; KG, StV 2010, 370; OLG Köln, NStZ 2011, 55[]
  2. OLG Cel­le, StV 2010, 194[]
  3. BGBl. I S.2034[]
  4. Mey­er-Goß­ner, StPO, 54. Aufl., § 119 Rn. 2; Beck­OK-StPO/­Krauß, Stand: 15.10.2011, § 119 Rn. 1 f.; König, NStZ 2010, 185 f.; Paeff­gen, StV 2009, 46; Kaze­le, StV 2010, 258; OLG Olden­burg, StV 2008, 195, 196[]
  5. sie­he nur OLG Köln, NStZ 2011, 55; OLG Frank­furt, NStZ-RR 2010, 294; OLG Olden­burg, aaO S.196 f.; Mey­er-Goß­ner, aaO; BeckOKStPO/​Krauß, aaO Rn. 1a und 2; König, aaO; Paeff­gen, aaO; Kaze­le, aaO[]
  6. vgl. nur BT-Drs. 16/​813, S. 9 und 12[]
  7. eben­so Kaze­le, aaO S. 260; Paeff­gen, aaO.[]
  8. vgl. ins­be­son­de­re BT-Drs. 16/​11644, S. 1, 12, 23 ff.[]
  9. Krauß, aaO Rn. 1a mwN; vgl. hier­zu auch die zum NJVoll­zG bereits erfolg­ten Vor­la­gen gemäß Art. 100a Abs. 1 GG an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, die man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­ge indes für unzu­läs­sig erklärt wor­den sind, BVerfGE 121, 233; BVerfG, Beschluss vom 20.11.2008 – 2 BvL 16/​08[]