Unter­su­chungs­haft – und die 6‑Mo­nats-Haft­prü­fungs­frist

Die 6‑Mo­nats-Frist des § 121 Abs. 1 StPO berech­net sich nach §§ 42, 43 StPO. Der Tag, an dem die Unter­su­chungs­haft beginnt, rech­net für die Berech­nung der Frist daher nicht mit. Endet die Frist an einem nach § 43 Abs. 2 StPO bestimm­ten Werk­tag und beginnt an die­sem die Haupt­ver­hand­lung, sind die Akten dem Ober­lan­des­ge­richt nicht zur beson­de­ren Haft­prü­fung nach § 121 StPO vor­zu­le­gen.

Unter­su­chungs­haft – und die 6‑Mo­nats-Haft­prü­fungs­frist

Ob für die Berech­nung der Frist aus § 121 Abs. 1 StPO die Rege­lung der StPO für Monats­fris­ten (§ 43 StPO) gilt, wird in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung unter­schied­lich beant­wor­tet. Die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge wirkt sich in zwei­er­lei Hin­sicht aus: Wen­det man § 43 StPO an, endet die Frist zum einen mit Ablauf des Tages des letz­ten Monats, der durch sei­ne Zahl dem Tag ent­spricht, an dem die Frist begon­nen hat (§ 43 Abs. 1 StPO). Der Tag, an dem die Unter­su­chungs­haft begon­nen hat, zählt dann also nicht mit 1. Fällt das Ende der so berech­ne­ten Frist auf einen Sonn­tag, einen all­ge­mei­nen Fei­er­tag oder einen Sonn­abend, endet die Frist zum ande­ren erst mit Ablauf des nächs­ten Werk­ta­ges (§ 43 Abs. 2 StPO). Die Anwen­dung von § 43 StPO führt also dazu, dass die Unter­su­chungs­haft rein rech­ne­risch etwas län­ger als sechs Mona­te andau­ern kann, bevor gemäß § 121 Abs. 2 StPO der Haft­be­fehl auf­zu­he­ben, des­sen Voll­zug aus­zu­set­zen oder durch das Ober­lan­des­ge­richt Haft­fort­dau­er anzu­ord­nen ist.

In der Kom­men­tie­rung zu § 43 StPO wird zumeist ver­tre­ten, dass die Frist aus § 121 Abs. 1 StPO kei­ne Frist im Sin­ne von § 43 StPO sei, da die §§ 42 f. StPO für bestimm­ba­re Zeit­räu­me, in denen oder mit deren Ablauf ein Straf­ver­fol­gungs­or­gan eine Pro­zess­hand­lung vor­neh­men müs­se, nicht gel­ten wür­den 2.

In der Kom­men­tie­rung zu § 121 StPO zählt ein Teil der Lite­ra­tur den Tag, an dem die Unter­su­chungs­haft begon­nen hat, ohne nähe­re Begrün­dung mit, wen­det § 43 Abs. 1 StPO also nicht an 3. Zur Anwend­bar­keit von § 43 Abs. 2 StPO ver­hält sich die­se Lite­ra­tur nicht.

Ein ande­rer Teil der Kom­men­tie­rung zu § 121 StPO äußert sich wider­sprüch­lich. So führt Wan­kel in: KMR, StPO, Stand Dezem­ber 2012, unter Rn. 2 zu § 121 aus, die Frist­be­rech­nung erfol­ge nach § 43 StPO, rech­net unter Rn. 3 zu § 121 den "Tag der U‑Haft" ohne nähe­re Begrün­dung aber ein. Auch Herr­mann in: Satz­ger /​Schluckebier /​Widmaier, StPO, ver­weist unter Rn. 46 zu § 121 hin­sicht­lich der Berech­nung der Frist "all­ge­mein" auf § 43 StPO, rech­net unter Rn. 42 zu § 121 den Tag des Beginns der Unter­su­chungs­haft aber eben­falls ein.

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm 4 und ein im Vor­drin­gen befind­li­cher Teil der Lite­ra­tur wen­den § 43 Abs. 1 StPO an und zäh­len den Tag, an dem die Unter­su­chungs­haft begon­nen hat, nicht mit 5. Zur Anwend­bar­keit von § 43 Abs. 2 StPO ver­hält sich auch die­se Ansicht nicht aus­drück­lich, über­wie­gend wird § 43 StPO aber ohne Ein­schrän­kung für anwend­bar erklärt 6.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart schließt sich letzt­ge­nann­ter Ansicht an und hält in deren Kon­se­quenz § 43 StPO ins­ge­samt für anwend­bar.

Die gesetz­li­che Rege­lung ist ein­deu­tig. Das Gesetz spricht hin­sicht­lich der in § 121 Abs. 1 StPO genann­ten sechs Mona­te aus­drück­lich von einer Frist (vgl. § 121 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2 StPO). Die all­ge­mei­ne Rege­lung der StPO für Monats­fris­ten fin­det sich in § 43 StPO; eine abwei­chen­de Rege­lung für die Frist aus § 121 Abs. 1 StPO ent­hält das Gesetz nicht. Hät­te der Gesetz­ge­ber die Berech­nung die­ser Frist abwei­chend regeln wol­len, hät­te er dies tun kön­nen. So hat er im Rah­men der Vor­schrif­ten über die Ver­haf­tung und die vor­läu­fi­ge Fest­nah­me etwa Son­der­re­ge­lun­gen dahin­ge­hend getrof­fen, bis wann ein Beschul­dig­ter spä­tes­tens einem Gericht vor­zu­füh­ren ist (§§ 115 Abs. 1, 115a Abs. 1, 128 Abs. 1 Satz 1 StPO). Für die Berech­nung von Fris­ten ent­hal­ten die Vor­schrif­ten über die Ver­haf­tung und die vor­läu­fi­ge Fest­nah­me hin­ge­gen kei­ne Son­der­re­ge­lun­gen, obwohl in ihnen neben der Frist aus § 121 Abs. 1 StPO noch wei­te­re Fris­ten bestimmt wer­den, so etwa die Wochen­frist aus § 118 Abs. 5 StPO, deren Berech­nung sich im Übri­gen auch nach der Auf­fas­sung von Hil­ger in: Löwe-Rosen­berg, a. a. O., § 118 Rn. 17, nach § 43 StPO rich­tet.

Dabei ver­kennt das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart nicht, dass bei die­ser Lösung ein Inter­es­sen­wi­der­spruch für den Rechts­un­ter­wor­fe­nen inso­weit besteht, als sich Frist­ver­län­ge­run­gen in der Regel zu sei­nen Guns­ten aus­wir­ken – ins­be­son­de­re bei Rechts­mit­tel­fris­ten, hier durch die Anwen­dung der Fris­ten­re­ge­lun­gen aber zu sei­nem Nach­teil in sein Frei­heits­grund­recht ein­ge­grif­fen wird. Dies dürf­te der Grund dafür sein, wes­halb ein Teil der Lite­ra­tur den Tag der Inhaf­tie­rung auf­grund Haft­be­fehls con­tra legem in die Frist­be­rech­nung ein­stellt.

Indes gebie­ten auch das Frei­heits­grund­recht des Rechts­un­ter­wor­fe­nen und das Rechts­staats­prin­zip nicht, von der ein­deu­ti­gen gesetz­li­chen Rege­lung abzu­wei­chen und den sich aus die­ser Rege­lung erge­ben­den Haft­prü­fungs­ter­min durch die Nicht­an­wen­dung von § 43 Abs. 1 StPO um einen Tag und durch die Nicht­an­wen­dung von § 43 Abs. 2 StPO um höchs­tens weni­ge Tage vor­zu­zie­hen. Die Frei­heits­grund­rech­te und das Rechts­staats­prin­zip gebie­ten kei­ne bestimm­te Fris­ten­re­ge­lung; sie sind auch dann noch gewahrt, wenn sich das Fris­ten­de durch die Anwen­dung von § 43 StPO im Ver­gleich zu einer rein rech­ne­ri­schen Betrach­tung gering­fü­gig nach hin­ten ver­schiebt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2014 – 1 HEs 89/​14

  1. vgl. zu die­ser Kon­se­quenz Mey­er-Goß­ner /​Schmitt, StPO, 57. Aufl., § 121 Rn. 4 und § 43 Rn. 1[]
  2. vgl. etwa Mey­er-Goß­ner /​Schmitt, a. a. O., vor § 42 Rn. 2 [im Ergeb­nis abwei­chend aber die dor­ti­ge Kom­men­tie­rung zu § 121, sie­he unten]; Maul in: Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, 7. Aufl., § 43 Rn. 6 [im Ergeb­nis abwei­chend aber auch die dor­ti­ge Kom­men­tie­rung zu § 121, sie­he unten]; Graal­mann-Schee­rer in: Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Aufl., vor § 42 Rn. 1 Fn. 2[]
  3. Hil­ger in: Löwe-Rosen­berg, a. a. O., § 121 Rn. 13; Krauß in: Beck’scher Online-Kom­men­tar zur StPO, Stand 24.03.2014, § 121 Rn. 3; Paeff­gen in: Sys­te­ma­ti­scher Kom­men­tar zur StPO, 4. Aufl., § 121 Rn. 4; Pfeif­fer, StPO, 5. Aufl., § 121 Rn. 2; Tsam­bi­ka­kis in: Rad­tke /​Hohmann, StPO, § 121 Rn. 4[]
  4. OLG Hamm, Beschluss vom 08.08.2007 – 3 Ws 429/​07, BeckRS 2007, 15322[]
  5. Mey­er-Goß­ner /​Schmitt, a. a. O., § 121 Rn. 4 [anders noch die 55. Aufl.]; Schult­heis in: Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, a. a. O., § 121 Rn. 6 [anders noch die 5. Aufl.]; Post­hoff in: Hei­del­ber­ger Kom­men­tar zur StPO, 5. Aufl., § 121 Rn. 7 [anders noch die 4. Aufl.][]
  6. Mey­er-Goß­ner /​Schmitt, a. a. O.; Schult­heis, a. a. O.[]