Neue Beweis­mit­tel im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren

Ein Beweis­mit­tel, das unter Ver­stoß gegen § 261 StPO im Urteil ver­wer­tet wor­den ist, ist nicht allein aus die­sem Grund "neu" im Sin­ne von § 359 Nr. 5 StPO. Für die Neu­heit eines Beweis­mit­tels im Sin­ne des Wie­der­auf­nah­me­rechts ist allein ent­schei­dend, ob es bei der Ent­schei­dungs­fin­dung vom Gericht berück­sich­tigt wor­den ist. Das Beweis­mit­tel muss dafür nicht zwin­gend pro­zess­ord­nungs­ge­mäß in die Haupt­ver­hand­lung ein­ge­führt wor­den sein.

Neue Beweis­mit­tel im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren

Zen­tra­les Anlie­gen des Straf­pro­zes­ses ist die Erfor­schung der mate­ri­el­len Wahr­heit. Des­halb führt das Land­ge­richt … zu Recht aus, dass das Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren der Besei­ti­gung rechts­kräf­ti­ger Fehl­ent­schei­dun­gen dient, deren Bestand aus Grün­den der Wahr­heit, der Gerech­tig­keit und der Rechts­be­wäh­rung uner­träg­lich ist 1. Aller­dings ist das Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren, auch dar­auf weist schon das Land­ge­richt zu Recht hin, kein wei­te­res Rechts­mit­tel­ver­fah­ren zur Kor­rek­tur feh­ler­haf­ter Urtei­le, son­dern ein außer­or­dent­li­cher Rechts­be­helf, des­sen Anwen­dung im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit auf sol­che Fäl­le beschränkt blei­ben muss, in denen die Feh­ler­haf­tig­keit des Urteils ein uner­träg­li­ches Maß erreicht 2.

Ver­stö­ße gegen ver­fah­rens­recht­li­che Bestim­mun­gen füh­ren nicht stets und zwangs­läu­fig zu einem mate­ri­ell fal­schen Urteil. Des­halb hat ein Ver­stoß allein gegen for­ma­le Vor­schrif­ten über die Beweis­erhe­bung in der Haupt­ver­hand­lung nicht die Wir­kung, ein Beweis­mit­tel als „neu“ i. S. d. Wie­der­auf­nah­me­rechts zu defi­nie­ren. Da das Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren nicht der Kor­rek­tur von Ver­fah­rens­feh­lern dient, kann der Ver­stoß gegen § 261 StPO zwar einen Revi­si­ons­grund, für sich allei­ne aber – nur wegen des Feh­lers im Ver­fah­ren – kei­nen Wie­der­auf­nah­me­grund dar­stel­len. Ansons­ten wür­de qua­si „durch die Hin­ter­tür der Neu­heit“ der Ver­stoß gegen § 261 StPO einem Beweis­mit­tel, das Gegen­stand der Urteils­be­ra­tung und ‑fin­dung war, die Qua­li­tät ver­schaf­fen, trotz im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht oder nicht erfolg­reich aus­ge­führ­ter Ver­fah­rens­rüge im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren die Rechts­kraft zu durch­bre­chen. Aus Grün­den der mate­ri­el­len Gerech­tig­keit sieht der Senat kein Bedürf­nis einer der­art wei­ten Bestim­mung der „Neu­heit“ von Beweis­mit­teln. Die „Rich­tig­keit des Rechts­gan­ges“ ist nicht stets „Sach­vor­aus­set­zung für Wahr­heit und Gerech­tig­keit“ 3.

Es kommt somit für die Beur­tei­lung der „Neu­heit“ nur dar­auf an, was das Gericht tat­säch­lich zur Kennt­nis genom­men hat. Woher das Wis­sen der Rich­ter zur Zeit der Urteils­be­ra­tung und ‑abstim­mung stammt, ist für die Fra­ge der „Neu­heit“ ohne Belang. Es kann aus den Akten oder aus dem Inbe­griff der Haupt­ver­hand­lung resul­tie­ren. Das OLG Hamm 4 hielt es für aus­rei­chend, dass die Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel „noch in der Bera­tung zur Spra­che gekom­men sind“. Ver­wer­tet das Gericht bei der Urteils­be­ra­tung unter Ver­stoß gegen § 261 StPO eine Tat­sa­che oder ein Beweis­mit­tel, ohne dass dies Gegen­stand der Haupt­ver­hand­lung war, so liegt dar­in ein Revi­si­ons­grund aber kein Wie­der­auf­nah­me­grund 5.

Von der Fra­ge der „Neu­heit“ zu tren­nen ist die Schwie­rig­keit, im Ein­zel­fall zu klä­ren, ob Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel, die in die Haupt­ver­hand­lung nicht oder nicht pro­zess­ord­nungs­ge­mäß ein­ge­führt wur­den, bei der Ent­schei­dungs­fin­dung vom Gericht tat­säch­lich berück­sich­tigt wor­den sind 6. Dies kann jedoch zumin­dest dann kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen, wenn, wie hier, das frag­li­che Beweis­mit­tel aus­drück­lich und umfäng­lich im Urteil erwähnt, gewür­digt oder sogar voll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben wird 7. Das Urteil des Land­ge­richts … zitiert im hier ent­schie­de­nen Fall den frag­li­chen Ver­trag und sei­ne deut­sche Über­set­zung nicht nur voll­stän­dig wört­lich, son­dern es setzt sich auch an vie­len Stel­len der Beweis­wür­di­gung mit ihm aus­ein­an­der. Es gibt ein­deu­tig zu erken­nen, dass es sich nicht nur mit der Exis­tenz der Urkun­de, son­dern auch mit dem Inhalt bzw. Rege­lungs­ge­halt die­ser Ver­trä­ge beschäf­tigt hat („unge­ach­tet des nicht ein­deu­ti­gen Inhalts die­ser Ver­trä­ge …“.

Hier kommt hin­zu, dass die frag­li­chen Schrift­stü­cke sogar in der Haupt­ver­hand­lung erör­tert, wenn auch nicht pro­zess­ord­nungs­ge­mäß durch Ver­le­sung ein­ge­führt wurden.Aus die­sem Grund grei­fen zumin­dest hier auch nicht die von Mey­er 8 und Was­ser­burg 9 ins Feld geführ­ten Beden­ken hin­sicht­lich des Anspruchs eines Ange­klag­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs bzw. bezüg­lich der nicht voll­stän­di­gen Sach­in­for­ma­ti­on von Lai­en­rich­tern, falls die ver­fah­rens­feh­ler­haft im Urteil berück­sich­tig­ten Beweis­mit­tel im Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren nicht als „neu“ gewer­tet wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 20. März 2012 – 4 Ws 276/​11

  1. Schmidt in KK, StPO, 6. Auf­la­ge vor § 359 Rn. 1[]
  2. KK-Schmidt a. a. O. Rn. 5[]
  3. so aber Mey­er JZ 1968, 7, 9[]
  4. OLG Hamm, GA 1957, 96[]
  5. Eschel­bach in KMR, StPO, 34. Ergän­zungs­lie­fe­rung, Janu­ar 2003, § 359 Rn. 155; im Ergeb­nis so auch: Löwe/Ro­sen­berg-Gös­sel, StPO, 25. Auf­la­ge, § 359 Rn. 94; Beck Online Kom­men­tar StPO, Edi­ti­on 12, Stand: 15.10.2011, § 359 Rn. 25; Marxen/​Tiemann, Die Wie­der­auf­nah­me in Straf­sa­chen, 2. Auf­la­ge, Rn. 186 und 193; a. A.: Mey­er-Goß­ner a.a.O. § 359 Rn. 30; SK StPO, 29. Ergän­zungs­lie­fe­rung, Dezem­ber 2002, § 359 Rn. 42; Alter­na­tiv­kom­men­tar zur StPO, § 359 Rn. 49; HK-StPO, § 359 Rn. 18; Anwalts­kom­men­tar StPO, § 359 Rn. 29; Was­ser­burg, Die Wie­der­auf­nah­me des Straf­ver­fah­rens, 1983, S.313/ 314 u. 319; dif­fe­ren­zie­rend: Mey­er a.a.O. S. 10: „auch kann die Ver­let­zung der Form­vor­schrif­ten über die ord­nungs­ge­mä­ße Ein­füh­rung des Beweis­mit­tels in die Haupt­ver­hand­lung allein natür­lich nicht zur Wie­der­auf­nah­me füh­ren“[]
  6. auf die­ses Pro­blem wei­sen u.a. Was­ser­burg (a.a.O. S. 319/​320) und Mey­er (a.a.O. S.9) hin[]
  7. s. auch Mey­er a.a.O. S.10 Fußn.45: „Aus die­sem Grund genügt es auch, wenn eine Urkun­de zwar in den Urteils­grün­den, nicht aber im Pro­to­koll erwähnt wird“[]
  8. Mey­er, a.a.O. S. 8, 9[]
  9. Was­ser­burg, a.a.O. S. 319/​320[]