Unzu­rei­chen­de Dol­met­scher­leis­tun­gen in der Haupt­ver­hand­lung

Die Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers in gericht­li­chen Ver­hand­lun­gen bei Betei­li­gung der deut­schen Spra­che nicht mäch­ti­ger Ange­klag­ter regelt aus­schließ­lich § 185 Abs. 1 Satz 1 GVG, nicht § 187 Abs. 1 Satz 1 GVG.

Unzu­rei­chen­de Dol­met­scher­leis­tun­gen in der Haupt­ver­hand­lung

Wer­den unzu­rei­chen­de Über­set­zungs­leis­tun­gen des in der gericht­li­chen Ver­hand­lung hin­zu­ge­zo­ge­nen Dol­met­schers bean­stan­det, bedarf es dazu Vor­trag zu den kon­kre­ten Män­geln der Über­set­zung und deren Aus­wir­kun­gen auf die Mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten, dem Gang des Ver­fah­rens zu fol­gen und die wesent­li­chen Ver­fah­rens­vor­gän­ge zu erfas­sen.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall rüg­te der Ange­klag­te C. die Ver­let­zung von § 187 GVG und bean­stan­de­te in die­sem Zusam­men­hang, es sei trotz der Anwe­sen­heit eines Über­set­zers für die alba­ni­sche Spra­che in der Haupt­ver­hand­lung und des­sen simul­ta­ner Über­set­zung wegen erheb­li­cher Ein­schrän­kun­gen der Dol­met­scher­tä­tig­keit eine Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen der Ver­tei­di­gung und dem Ange­klag­ten nur schwer mög­lich gewe­sen. Erfor­der­li­che Unter­re­dun­gen hät­ten des­halb nicht unmit­tel­bar im Rah­men der Haupt­ver­hand­lung erfol­gen kön­nen, son­dern außer­halb die­ser statt­fin­den müs­sen. Dies habe zu erheb­li­chen Ein­schrän­kun­gen der Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten geführt. Einen von der Ver­tei­di­gung in der Haupt­ver­hand­lung vom 20.10.2016 gestell­ten Antrag, dem Ange­klag­ten C. einen Dol­met­scher "zur Sei­te zu stel­len" und "die Ver­hand­lung so lan­ge zu unter­bre­chen, bis ein ent­spre­chen­der Dol­met­scher anwe­send ist", habe das Land­ge­richt ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf die stän­di­ge Anwe­sen­heit eines Dol­met­schers abge­lehnt.

Der Bun­des­ge­richts­hof legt die Bean­stan­dung dahin gehend aus 1, dass die Ver­let­zung von § 185 Abs. 1 Satz 1 GVG statt § 187 Abs. 1 Satz 1 GVG gerügt wird. Aus der Revi­si­ons­be­grün­dung geht unmiss­ver­ständ­lich her­vor, eine für eine effek­ti­ve Ver­tei­di­gung unzu­rei­chen­de Über­set­zung wäh­rend der Haupt­ver­hand­lung gel­tend machen zu wol­len. Die Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers in gericht­li­chen Ver­hand­lun­gen, also auch straf­ge­richt­li­chen Haupt­ver­hand­lun­gen, regelt § 187 GVG jedoch nicht. Wie sich aus Wort­laut und Ent­ste­hungs­ge­schich­te 2 unmiss­ver­ständ­lich ergibt, erfasst die­se Vor­schrift allein die Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers außer­halb von gericht­li­chen Ver­hand­lun­gen 3. Eine auf die Ver­let­zung von § 187 Abs. 1 Satz 1 GVG zie­len­de Ver­fah­rens­rüge wäre ange­sichts des Vor­trags der Revi­si­on daher hier von vorn­her­ein erfolg­los.

Eine nach der Angriffs­rich­tung der Rüge allein in Fra­ge kom­men­de Bean­stan­dung der Anwen­dung von § 185 Abs. 1 Satz 1 GVG durch das Land­ge­richt ist aller­dings nicht in einer § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO genü­gen­den Wei­se aus­ge­führt.

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt dabei nicht die in der Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, bei erfolg­ter Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers in der Haupt­ver­hand­lung kön­ne mit der Revi­si­on nicht gel­tend gemacht wer­den, die­ser sei für die Auf­ga­be unge­eig­net gewe­sen 4. Wird nicht die über § 185 Abs. 1 Satz 1 GVG, § 338 Nr. 5 StPO rüg­ba­re Abwe­sen­heit eines Dol­met­schers trotz feh­len­der deut­scher Sprach­kennt­nis­se des Ange­klag­ten gel­tend gemacht, son­dern wer­den unzu­rei­chen­de Dol­met­scher­leis­tun­gen bean­stan­det, kann dies einen rela­ti­ven Revi­si­ons­grund (§ 337 StPO) dar­stel­len 5. Der Bun­des­ge­richts­hof neigt dazu, jeden­falls die Bean­stan­dung einer für die Gewähr­leis­tung einer sach­ge­rech­ten Ver­tei­di­gung unge­nü­gen­den Über­set­zung des in der Haupt­ver­hand­lung hin­zu­ge­zo­ge­nen Dol­met­schers ledig­lich im Rah­men von § 338 Nr. 8 StPO für anfecht­bar zu erach­ten.

Unab­hän­gig von der Zuord­nung der hier behaup­te­ten Ver­let­zung von § 185 Abs. 1 Satz 1 GVG bei erfolg­ter, aber unge­nü­gen­der Über­set­zung wäh­rend der Haupt­ver­hand­lung zu § 337 StPO oder zu § 338 Nr. 8 StPO, erfor­dert § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO jeden­falls kon­kre­ten Tat­sa­chen­vor­trag zu den Män­geln der Über­set­zung 6 und deren Aus­wir­kun­gen auf die Mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten, dem Gang der Ver­hand­lung zu fol­gen und die wesent­li­chen Ver­fah­rens­vor­gän­ge so zu erfas­sen, wie dies für die Wah­rung sei­ner Rech­te erfor­der­lich ist. Art und Umfang des Revi­si­ons­vor­trags müs­sen dar­auf gerich­tet sein, allein auf sei­ner Grund­la­ge – des­sen Rich­tig­keit unter­stellt – dem Revi­si­ons­ge­richt zu ermög­li­chen, den Erfolg der Rüge zu beur­tei­len 7. Bean­stan­dun­gen unzu­rei­chen­der Über­set­zung in der Haupt­ver­hand­lung müs­sen sich dabei auf die nicht genü­gen­de Erfül­lung der Auf­ga­ben des hin­zu­ge­zo­ge­nen Dol­met­schers bezie­hen. Die­se bestehen vor allem dar­in, den Pro­zess­ver­kehr zwi­schen dem Gericht und ande­ren am Ver­fah­ren betei­lig­ten Per­so­nen dadurch zu ermög­li­chen, dass er die im Pro­zess abge­ge­ben Erklä­run­gen durch Über­tra­gung in eine ande­re Spra­che der ande­ren Sei­te ver­ständ­lich macht 8. Durch eine sol­che Über­set­zung wird der Anspruch des Ange­klag­ten auf ein fai­res Ver­fah­ren gesi­chert 9.

Dem genüg­te im vor­lie­gen­den Fall der Revi­si­ons­vor­trag nicht. Er erschöpft sich weit­ge­hend dar­in, eine wegen des erhöh­ten Auf­wan­des bei vier Ange­klag­ten "sehr ein­ge­schränk­te" Aus­übung der Dol­met­scher­tä­tig­keit sowie damit ver­bun­de­ne Beschrän­kun­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem Ange­klag­ten C. und sei­nem Ver­tei­di­ger gel­tend zu machen. Wor­in kon­kret die Män­gel der Simul­tan­über­set­zung bestan­den haben sol­len und wie sich dies auf die Auf­ga­ben­er­fül­lung des Dol­met­schers aus­ge­wirkt haben soll, legt die Revi­si­on nicht dar. Erst recht fehlt es an kon­kre­tem Tat­sa­chen­vor­trag zu den Aus­wir­kun­gen auf die Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten. Soweit Män­gel der Laut­spre­cher­an­la­ge behaup­tet wer­den, weist dies kei­nen unmit­tel­ba­ren Bezug zur Über­set­zungs­leis­tung auf. Im Übri­gen fehl­te auch dies­be­züg­lich nähe­rer Tat­sa­chen­vor­trag.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. August 2017 – 1 StR 671/​16

  1. zu den Vor­aus­set­zun­gen KK-StPO/Ge­ri­cke, 7. Aufl., § 344 Rn. 34 f. mwN[]
  2. vgl. BT-Drs. 17/​12578 S. 10 lin­ke Spal­te[]
  3. KK-StPO/­Die­mer aaO, GVG § 187 Rn. 1; Otte in Radtke/​Hohmann, StPO, GVG § 187 Rn. 1; Walt­her in BeckOK/​StPO, Ed. 27, § 187 Rn. 1; SK-StPO/­Fris­ter, 5. Aufl., Band IX, GVG § 187 Rn. 1; sie­he auch BT-Drs. 17/​12578 S. 10 lin­ke Spal­te[]
  4. RG, Urteil vom 18.06.1942 – 3 D 260/​42, RGSt 76, 177, 178; sie­he aber auch SK-StPO/­Fris­ter aaO, GVG § 185 Rn. 18 am Ende[]
  5. BGH, Beschluss vom 26.06.1991 – 2 StR 583/​90, bei Holtz MDR 1991, 1025; SK-StPO/­Fris­ter aaO, GVG § 185 Rn. 18; LR/​Wickern, StPO, 26. Aufl., Band 10, GVG § 185 Rn. 37; sie­he auch BGH, Beschluss vom 23.01.1985 – 1 StR 722/​84, NStZ 1985, 376 f.[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.01.1985 – 1 StR 722/​84, NStZ 1985, 376 f.; und vom 26.06.1991 – 2 StR 583/​90, bei Holtz MDR 1991, 1025; Walt­her in BeckOK/​StPO, Ed. 27, § 185 Rn. 8; Schmitt in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., GVG § 185 Rn. 10[]
  7. KK-StPO/Ge­ri­cke aaO § 344 Rn. 38 mwN[]
  8. vgl. bereits RG aaO RGSt 76, 177, 178; BGH, Urteil vom 28.11.1950 – 2 StR 50/​50, BGHSt 1, 4, 6; SK-StPO/­Fris­ter aaO, GVG § 185 Rn. 10 mwN[]
  9. BT-Drs. 17/​12758 S. 11 lin­ke Spal­te[]