Urin­pro­ben in San­ta Fu

Das Straf­voll­zugs­ge­setz lässt bei kon­kre­tem Anlass – wozu auch eine ein­schlä­gi­ge Vor­be­las­tung des betrof­fe­nen Straf­ge­fan­ge­nen zählt – die Anord­nung der Abga­be von Urin­pro­ben zum Nach­weis eines even­tu­ell vor­aus­ge­gan­ge­nen Dro­gen­kon­sums zu. Die Wei­ge­rung, einer sol­chen Anord­nung Fol­ge zu leis­ten, kann gemäß § 102 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 82 Abs. 1 StVoll­zG dis­zi­pli­na­risch geahn­det wer­den.

Urin­pro­ben in San­ta Fu

Die­se Rechts­auf­fas­sung ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den 1. Sie ent­spricht der Recht­spre­chung ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te 2. Ins­be­son­de­re führt das aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG abzu­lei­ten­de Ver­bot eines Zwangs zur Selbst­be­zich­ti­gung 3 nicht zu einem ande­ren Ergeb­nis 4.

In die­sem Zusam­men­hang kommt es nach Ansicht des BVerfG auch nicht dar­auf an, ob sich die im jetz vom BVerfG ent­schie­de­nen Ver­fah­ren ange­grif­fe­nen Aus­füh­run­gen des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg 5 zur Fra­ge der Ver­wert­bar­keit des Ergeb­nis­ses der Urin­pro­be für ein sich anschlie­ßen­des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wegen eines auf­grund der Urinkon­trol­le fest­ge­stell­ten Dro­gen­kon­sums eben­falls noch in den Gren­zen des ver­fas­sungs­recht­lich Ver­tret­ba­ren hal­ten, oder ob dem Umstand, dass es sich um eine unter Zwang gewon­ne­ne Pro­be han­delt, durch die Annah­me eines Ver­wer­tungs­ver­bo­tes sowohl in einem even­tu­el­len spä­te­ren Straf­ver­fah­ren 6 als auch in dem aus Anlass eines posi­ti­ven Test­ergeb­nis­ses durch­ge­führ­ten voll­zug­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren Rech­nung zu tra­gen wäre 7. Die Aus­füh­run­gen des Ober­lan­des­ge­richts Ham­burgs hier­zu haben kei­ne ent­schei­dungs­tra­gen­de Bedeu­tung, da im vor­lie­gen­den Fall nicht die Recht­mä­ßig­keit dis­zi­pli­na­ri­scher Ahn­dung eines durch Urinkon­trol­le nach­ge­wie­se­nen Dro­gen­kon­sums zu beur­tei­len war. Zur Prü­fung gestellt war allein die dis­zi­pli­na­ri­sche Ahn­dung der Wei­ge­rung des Beschwer­de­füh­rers, an einer sol­chen Kon­trol­le durch Abga­be einer Urin­pro­be mit­zu­wir­ken.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. August 2009 – 2 BvR 2280/​07

  1. vgl. für die Unter­su­chungs­haft BVerfG, Beschluss vom 06.11.2007 – 2 BvR 1136/​07, NStZ 2008, S. 292 f.[]
  2. vgl., neben oder anstel­le von § 56 Abs. 2 StVoll­zG, auf den die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts abstellt, § 101 Abs. 2 StVoll­zG her­an­zie­hend, OLG Koblenz, Beschluss vom 16.08.1989 – 2 Vollz (Ws) 28/​89, ZfStrVo 1990, 51, 52 f.; OLG Ros­tock, Beschluss vom 02.05.2004 – VAs 1/​04, StV 2004, 611; KG, Beschluss vom 26.01.2006 – 5 Ws 16/​06 Vollz, 5 Ws 630/​05 Vollz; für die Unter­su­chungs­haft OLG Olden­burg, Beschluss vom 14.06.2005 – 1 Ws 304/​05, StV 2007, S. 88; vgl. auch Thür. OLG, Beschluss vom 31.01.2005 – 1 Ws 409/​04, ZfStrVo 2006, S. 118 f.; aus der Lite­ra­tur zustim­mend Arloth, StVoll­zG, 2. Aufl. 2008, § 56 Rn. 9; a.A.: Rie­ken­brauk, in: Schwind/​Böhm/​Jehle, StVoll­zG, 4. Aufl. 2005, § 56 Rn. 8, sowie – einen über die Anlas­s­tat hin­aus kon­kre­ter begrün­de­ten Kon­sum­ver­dacht for­dernd – Boetticher/​Stöver, in: Feest, AK-StVoll­zG, 5. Aufl. 2006, § 56 Rn. 3; eben­so wohl OLG Dres­den, Beschluss vom 12.05.2004 – 2 Ws 660/​03, NStZ 2005, 588; für das Erfor­der­nis eines kon­kre­ten Ver­dachts ohne Erläu­te­rung, ob ein­schlä­gi­ge Vor­be­las­tung hier­für aus­rei­chen soll, Cal­lies­s/­Mül­ler-Dietz, StVoll­zG, 11. Aufl. 2008, § 56 Rn. 5[]
  3. vgl.BVerfGE 55, 144, 150; 56, 37, 41 f.[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2007, a.a.O., S. 293; OLG Olden­burg, Beschluss vom 14.06.2005 – 1 Ws 304/​05, StV 2007, S. 88 für die Unter­su­chungs­haft; KG, Beschluss vom 26.01.2006 – 5 Ws 16/​06 Vollz, 5 Ws 630/​05 Vollz, für den Straf­voll­zug[]
  5. OLG Ham­burg, Beschluss vom 19.09.2007 – 3 Vollz (Ws) 47/​07[]
  6. vgl. OLG Olden­burg, a.a.O., S. 88[]
  7. befür­wor­tend inso­weit Geri­cke, StV 2003, 305, 307; Poll­äh­ne, StV 2007, 89, 91[]