Urteils­auf­he­bung nur im Straf­aus­spruch – und die Teil­rechts­kraft

Führt die Revi­si­on nur teil­wei­se zur Urteils­auf­he­bung, erwächst der bestehen blei­ben­de Teil in Rechts­kraft; die­ser ist im neu­en Ver­fah­ren nicht mehr nach­zu­prü­fen 1.

Urteils­auf­he­bung nur im Straf­aus­spruch – und die Teil­rechts­kraft

Der neue Tatrich­ter, an den das Ver­fah­ren nach Zurück­ver­wei­sung gelangt, hat ledig­lich den noch offe­nen Ver­fah­rens­ge­gen­stand neu zu ver­han­deln und zu ent­schei­den 2.

Das bedeu­tet, dass der Schuld­spruch rechts­kräf­tig wird, wenn das ange­foch­te­ne Urteil allein im Straf­aus­spruch auf­ge­ho­ben wird (sog. hori­zon­ta­le Teil­rechts­kraft).

Aber auch inner­halb des Rechts­fol­gen­aus­spruchs kann hori­zon­ta­le Teil­rechts­kraft bezüg­lich ein­zel­ner Rechts­fol­gen ein­tre­ten, wenn ledig­lich der Straf­aus­spruch auf­ge­ho­ben wird.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung gilt dies, wenn das Tat­ge­richt auf wei­te­re Rechts­fol­gen erkannt hat, die von Art und Höhe der Stra­fe unab­hän­gig sind, was sich nach den für die Rechts­mit­tel­be­schrän­kung gel­ten­den Grund­sät­zen rich­tet 3. Dies kann etwa der Fall sein, wenn neben der Stra­fe Siche­rungs­maß­re­geln nach §§ 63 ff. StGB ange­ord­net wor­den sind 4. Nichts ande­res gilt, wenn der Tatrich­ter die Fra­ge einer Maß­re­gel­an­ord­nung geprüft, jedoch von einer sol­chen Anord­nung abge­se­hen hat 5.

Maß­ge­bend für den Umfang einer Auf­he­bung ist inso­weit die For­mu­lie­rung im Tenor der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung 6. Dabei umfasst die Auf­he­bung des Rechts­fol­gen­aus­spruchs alle Rechts­fol­gen der Tat, unab­hän­gig davon, ob die­se vom erst­in­stanz­li­chen Gericht ange­ord­net wor­den sind, wäh­rend die Auf­he­bung des Straf­aus­spruchs ledig­lich die zur Ahn­dung der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Tat zu ver­hän­gen­den Stra­fen betrifft 7.

Dies zugrun­de gelegt, ist hier im Hin­blick auf die im ers­ten Urteil erfolg­te Nicht­an­ord­nung einer Maß­re­gel nach § 64 StGB Teil­rechts­kraft ein­ge­tre­ten.

Nach der Ent­schei­dungs­for­mel des (ers­ten) Beschlus­ses des Bun­des­ge­richts­hofs wur­de das im ers­ten Rechts­gang ergan­ge­ne Urteil des Land­ge­richts – aus­schließ­lich – im Straf­aus­spruch auf­ge­ho­ben; die Ent­schei­dung über die Maß­re­gel nach § 64 StGB als wei­te­re – vom Land­ge­richt abge­lehn­te – Rechts­fol­ge war hier­von mit­hin nicht erfasst. Hät­te der Bun­des­ge­richts­hof sei­ne auf­he­ben­de Ent­schei­dung auch auf die Nicht­an­ord­nung der Maß­re­gel erstre­cken wol­len, wäre dies in der Beschluss­for­mel zum Aus­druck zu brin­gen gewe­sen 8.

Dem steht auch nicht das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 22.06.1960 9 ff.)) ent­ge­gen. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof in jenem Urteil unter Hin­weis auf § 76 StGB aF, wonach Neben­stra­fen, Neben­fol­gen und Maß­re­geln der Bes­se­rung und Siche­rung nur neben der Gesamt­stra­fe, nicht neben den ihr zugrun­de lie­gen­den Ein­zel­stra­fen zu ver­hän­gen und anzu­ord­nen waren, ent­schie­den, dass bei Auf­he­bung des Gesamt­stra­fen­aus­spruchs auch die dane­ben ange­ord­ne­ten Neben­stra­fen, Neben­fol­gen oder Siche­rungs­maß­re­geln bereits als gesetz­li­che Fol­ge des § 76 StGB aF ent­fal­len, und es des­halb eines dies­be­züg­li­chen geson­der­ten Aus­spruchs in der Ent­schei­dungs­for­mel nicht bedurf­te. Die­se Recht­spre­chung ist aber mit Weg­fall des § 76 StGB aF über­holt 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2017 – 4 StR 443/​16

  1. BGH, Urteil vom 27.08.2009 – 3 StR 250/​09, BGHSt 54, 135, 137; Geri­cke in Karls­ru­her Kom­men­tar, 7. Aufl., § 353 Rn. 31[]
  2. BGH aaO; Woh­lers in Sys­te­ma­ti­scher Kom­men­tar zur StPO, 4. Aufl., § 354 Rn. 79; Wied­ner in Beck'scher Online-Kom­men­tar StPO, Stand: 1.10.2016, § 354 Rn. 99[]
  3. BGH aaO; Mey­er-Goß­ner in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 59. Aufl., § 353 Rn. 8; Woh­lers aaO, § 353 Rn. 13[]
  4. BGH, Urteil vom 29.08.1984 – 4 StR 397/​85, BGHSt 33, 306, 310 [Ent­zie­hung der Fahr­erlaub­nis]; Beschluss vom 04.08.1982 – 3 StR 206/​82, NStZ 1982, 483 [Maß­re­gel nach § 63 StGB]; Mey­er-Goß­ner aaO, § 353 Rn. 8 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 08.01.2002 – 5 StR 573/​01[]
  6. BGH, Urteil vom 27.08.2009 – 3 StR 250/​09, aaO; vgl. auch Geri­cke aaO, § 353 Rn.20[]
  7. vgl. Wied­ner aaO, § 353 Rn. 44[]
  8. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 13.10.2016 – 4 StR 248/​16; vom 13.03.2013 – 4 StR 28/​13; vom 22.08.1995 – 4 StR 465/​95[]
  9. BGH, Urteil vom 22.06.1960 – 2 StR 221/​60, BGHSt 14, 381 ff.[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 27.08.2009 – 3 StR 250/​09, aaO[]
  11. vgl.…

    Das verkündete Urteil - und die Beweiskraft des ProtokollsDas ver­kün­de­te Urteil – und die Beweis­kraft des Pro­to­kolls Mit der Beweis­kraft des Pro­to­kolls für die Vor­le­sung einer schrift­lich fixier­ten Ent­schei­dungs­for­mel ((Anschluss an BGH, Beschluss vom 11.03.2015 – XII ZB 571/​13, Rn. 14[]