Ver­än­der­te Motiv­la­ge – und der erfor­der­li­che Hin­weis

Will das Gericht von einem ande­ren Tat­mo­tiv als Anknüp­fungs­punkt für die Annah­me des Mord­merk­mals der nied­ri­gen Beweg­grün­de als die Ankla­ge aus­ge­hen, muss es dem Ange­klag­ten gemäß § 265 Abs. 2 Nr. 3 i.V.m. Abs. 1 StPO einen förm­li­chen Hin­weis dar­auf ertei­len, dass es die Annah­me des Mord­merk­mals der nied­ri­gen Beweg­grün­de auf eine Motiv­la­ge zu stüt­zen gedenkt, die von der in der Ankla­ge­schrift ange­nom­me­nen deut­lich abweicht.

Ver­än­der­te Motiv­la­ge – und der erfor­der­li­che Hin­weis

Mit dem Gesetz zur effek­ti­ve­ren und pra­xis­taug­li­che­ren Aus­ge­stal­tung des Straf­ver­fah­rens vom 17.08.2017 [1] hat der Gesetz­ge­ber in § 265 Abs. 2 Nr. 3 StPO die Hin­weis­pflicht des § 265 Abs. 1 StPO auf Fäl­le erwei­tert, in denen sich in der Haupt­ver­hand­lung die Sach­la­ge gegen­über der Schil­de­rung des Sach­ver­halts in der zuge­las­se­nen Ankla­ge ändert und dies zur genü­gen­den Ver­tei­di­gung vor dem Hin­ter­grund des Gebots recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) und des rechts­staat­li­chen Grund­sat­zes des fai­ren Ver­fah­rens [2] einen Hin­weis erfor­der­lich macht [3]. Der Gesetz­ge­ber hat dabei an die Recht­spre­chung ange­knüpft, wonach eine Ver­än­de­rung der Sach­la­ge eine Hin­weis­pflicht aus­löst, wenn sie in ihrem Gewicht einer Ver­än­de­rung eines recht­li­chen Gesichts­punkts gleich­steht [4]. Die durch den Bun­des­ge­richts­hof hier­zu ent­wi­ckel­ten Gesichts­punk­te woll­te der Gesetz­ge­ber kodi­fi­zie­ren, wei­ter­ge­hen­de Hin­weis­pflich­ten hin­ge­gen nicht ein­füh­ren [5]. Danach bestehen Hin­weis­pflich­ten auf eine geän­der­te Sach­la­ge bei einer wesent­li­chen Ver­än­de­rung des Tat­bil­des bei­spiels­wei­se betref­fend die Tat­zeit, den Tat­ort, das Tat­ob­jekt, die Tatrich­tung, die Per­son eines Betei­lig­ten oder bei der Kon­kre­ti­sie­rung einer im Tat­säch­li­chen unge­nau­en Fas­sung des Ankla­ge­sat­zes. Hin­ge­gen sind Hin­wei­se etwa hin­sicht­lich der Bewer­tung von Indi­z­tat­sa­chen nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers auch zukünf­tig nicht erfor­der­lich. Eben­so wenig muss das Gericht unter dem Gesichts­punkt des fai­ren Ver­fah­rens vor der Urteils­be­ra­tung sei­ne Beweis­wür­di­gung offen­le­gen oder sich zum Inhalt und Ergeb­nis ein­zel­ner Beweis­erhe­bun­gen erklä­ren [6].

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs war aber auch bereits nach der alten Rechts­la­ge (§ 265 Abs. 1 und 4 StPO aF) aner­kannt, dass ein förm­li­cher Hin­weis dann zu ertei­len ist, wenn die Ver­ur­tei­lung auf ein schon in der Ankla­ge­schrift ange­nom­me­nes Mord­merk­mal gestützt wer­den soll, sich aber die Tat­sa­chen­grund­la­ge, die die­ses nach Auf­fas­sung des Gerichts aus­füllt, gegen­über der­je­ni­gen ändert, von der die Ankla­ge aus­ge­gan­gen ist [7]. Dies bedeu­tet für das Mord­merk­mal der nied­ri­gen Beweg­grün­de, dass der Ange­klag­te nicht nur davon in Kennt­nis zu set­zen ist, durch wel­che bestimm­ten Tat­sa­chen das Gericht das Mord­merk­mal als erfüllt ansieht; viel­mehr ist er auch dar­über zu infor­mie­ren, dass sich die­se Tat­sa­chen aus Sicht des Gerichts gegen­über der Ankla­ge­schrift oder aber auch einem frü­her erteil­ten Hin­weis geän­dert haben kön­nen [8].

Nach die­sen Maß­stä­ben war hier ein Hin­weis gebo­ten; denn die Tat­sa­chen­grund­la­ge, auf wel­che das Land­ge­richt das Mord­merk­mal der nied­ri­gen Beweg­grün­de stützt, weicht wesent­lich von der­je­ni­gen der Ankla­ge ab. Die Urteils­grün­de gehen von einem ande­ren Tat­mo­tiv und damit zur sub­jek­ti­ven Tat­sei­te von einem ande­ren Sach­ver­halt aus als die Ankla­ge.

Nach die­sen Maß­stä­ben war in dem hier ent­schie­de­nen Fall ein Hin­weis gebo­ten; denn die Tat­sa­chen­grund­la­ge, auf wel­che das Land­ge­richt das Mord­merk­mal der nied­ri­gen Beweg­grün­de stützt, weicht wesent­lich von der­je­ni­gen der Ankla­ge ab. Die Urteils­grün­de gehen von einem ande­ren Tat­mo­tiv und damit zur sub­jek­ti­ven Tat­sei­te von einem ande­ren Sach­ver­halt aus als die Ankla­ge.

In der Ankla­ge­schrift wur­de das Vor­lie­gen nied­ri­ger Beweg­grün­de damit begrün­det, dass der Ange­klag­te die Auf­de­ckung sei­ner Falsch­an­ga­ben im Sor­ge­rechts­streit, den ihm des­we­gen dro­hen­den Ver­lust des erschli­che­nen Sor­ge­rechts sowie die Aus­übung des Sor­ge­rechts durch K. durch deren Tötung ver­hin­dern woll­te. Dem­ge­gen­über begrün­det das Land­ge­richt in den Urteils­grün­den das Vor­lie­gen nied­ri­ger Beweg­grün­de wesent­lich damit, dass der Ange­klag­te gestützt auf sein Sor­ge­recht, das er sich mit der Tötung der Mut­ter des gemein­sa­men Kin­des erhal­ten woll­te, in einem lau­fen­den Straf­ver­fah­ren Vor­tei­le bei der Straf­be­mes­sung oder Straf­voll­stre­ckung sichern woll­te.

Die­se Beweg­grün­de wei­chen deut­lich von­ein­an­der ab. Zwar geht das Urteil in glei­cher Wei­se wie die Ankla­ge davon aus, dass sich der Ange­klag­te mit der Tötung von K. das Sor­ge­recht für den gemein­sa­men Sohn erhal­ten woll­te. Eine Ver­bin­dung zwi­schen Tötungs­hand­lung und der Fra­ge einer Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung oder einer güns­ti­ge­ren Straf­voll­stre­ckung in einem lau­fen­den Straf­ver­fah­ren gegen den Ange­klag­ten wird in der Ankla­ge­schrift aber nicht her­ge­stellt. Viel­mehr wird erst­mals in den Urteils­grün­den als Grund für die Annah­me nied­ri­ger Beweg­grün­de dar­auf abge­stellt, dass der Ange­klag­te die Tat beging, um gestützt auf das bestehen­de Sor­ge­recht dem Straf­voll­zug zu ent­ge­hen. Gera­de aber des­we­gen, weil der Ange­klag­te das Leben der Getö­te­ten der­art gering­ge­schätzt habe, dass es aus sei­ner Sicht hin­ter sei­nen per­sön­li­chen Inter­es­sen habe zurück­tre­ten müs­sen, hat das Land­ge­richt die Beweg­grün­de des Ange­klag­ten für die Tötung als nied­rig gewer­tet.

Der Hin­weis auf die geän­der­te Tat­sa­chen­grund­la­ge war auch zur genü­gen­den Ver­tei­di­gung erfor­der­lich. Denn erst die­ser hät­te dem Ange­klag­ten ermög­licht, sich gegen den Vor­wurf einer in der Vor­stel­lung des Ange­klag­ten bestehen­den Kon­ne­xi­tät zwi­schen Sor­ge­recht und güns­ti­gem Ver­lauf eines lau­fen­den Straf­ver­fah­rens als Motiv für eine Tötung sei­ner ehe­ma­li­gen Lebens­ge­fähr­tin zu ver­tei­di­gen. Die blo­ße Anga­be in der Ankla­ge­schrift, dass der Ange­klag­te gegen das amts­ge­richt­li­che Urteil Beru­fung ein­ge­legt hat­te, genügt dafür nicht. Es kann dahin­ste­hen, ob der Hin­weis ent­behr­lich gewe­sen wäre, wenn die Ände­rung der Sach­la­ge durch den Gang der Haupt­ver­hand­lung für die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ohne wei­te­res ersicht­lich gewe­sen wäre [9]; denn dies war hier nicht der Fall.

Den danach erfor­der­li­chen Hin­weis hät­te der Vor­sit­zen­de der Straf­kam­mer förm­lich ertei­len müs­sen. Er wäre als wesent­li­che Förm­lich­keit des Ver­fah­rens in das Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­koll auf­zu­neh­men gewe­sen (§ 273 Abs. 1 Satz 1 StPO) und kann nur durch die­ses bewie­sen wer­den (§ 274 Satz 1 StPO) [10].

Das Urteil beruht auf dem Ver­fah­rens­feh­ler. Zwar hat der Ange­klag­te sei­ne Täter­schaft ins­ge­samt in Abre­de gestellt. Auch hat er ange­ge­ben, dass er sich Haft­er­leich­te­run­gen durch ein gemein­sa­mes Sor­ge­recht nicht ver­spro­chen habe. Der Bun­des­ge­richts­hof kann gleich­wohl nicht aus­schlie­ßen, dass sich der Ange­klag­te zu sei­nen Zie­len und zu dem von ihm geplan­ten Vor­ge­hen im anste­hen­den Beru­fungs­ver­fah­ren anders als gesche­hen ver­tei­digt hät­te, wenn er dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den wäre, dass vom Land­ge­richt zwi­schen die­sem Ver­fah­ren und der Fra­ge, ob nied­ri­ge Beweg­grün­de vor­lie­gen, ein Zusam­men­hang gese­hen wird.

Die Ver­ur­tei­lung wegen Mor­des hat daher bereits wegen des Ver­fah­rens­feh­lers kei­nen Bestand. Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung mehr, ob der Schluss des Land­ge­richts, der Ange­klag­te habe sich auch des­halb zur Tat ent­schlos­sen, weil er dadurch einen sich abzeich­nen­den Straf­voll­zug ver­mei­den woll­te, auf einer trag­fä­hi­gen ver­stan­des­mä­ßig ein­seh­ba­ren Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht oder sich als blo­ße Ver­mu­tung erweist, die letzt­lich nicht mehr als einen Ver­dacht zu begrün­den ver­mag [11]. Das­sel­be gilt für die Fra­ge, ob die vom Land­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Gesamt­wür­di­gung von Tat und Täter­per­sön­lich­keit unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Vor­ver­ur­tei­lun­gen die Fest­stel­lung einer beson­de­ren Schuld­schwe­re im Sin­ne von § 57a Abs. 1 Satz 1 StGB hät­te tra­gen kön­nen [12].

Der Ver­fah­rens­feh­ler nötigt auch zur Auf­he­bung der Urteils­fest­stel­lun­gen. Aller­dings sind die Fest­stel­lun­gen zum äuße­ren Gesche­hen im Gegen­satz zu denen zur inne­ren Tat­sei­te von dem Ver­fah­rens­feh­ler nicht betrof­fen und haben daher Bestand (§ 353 Abs. 2 StPO). Auch inso­weit kön­nen ergän­zen­de Fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den, sofern sie den bis­he­ri­gen nicht wider­spre­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Juli 2019 – 1 StR 185/​19

  1. BGBl. I S. 3202, 3210[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.12 2005 – 2 BvR 1769/​04[]
  3. vgl. BT-Drs. 18/​11277, S. 37 sowie BGH, Urteil vom 09.05.2019 – 1 StR 688/​18 Rn. 14[]
  4. BT-Drs. 18/​11277, S. 37 unter Hin­weis auf BGH, Urteil vom 20.11.2014 – 4 StR 234/​14 Rn. 13; vgl. auch BGH, Beschluss vom 18.06.2019 – 5 StR 20/​19 Rn. 14[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 09.05.2019 – 1 StR 688/​18 Rn. 15[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 09.05.2019 aaO mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18 Rn. 9 mwN[]
  8. BGH aaO[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 08.05.2018 – 5 StR 65/​18 Rn. 5 mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 14.06.2018 – 3 StR 206/​18 Rn. 13[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 08.11.1996 – 2 StR 534/​96, BGHR StPO § 261 Über­zeu­gungs­bil­dung 26 mwN[]
  12. vgl. dazu BGH, Beschlüs­se vom 19.05.2015 – 1 StR 152/​15, NStZ 2015, 635; und vom 15.04.1999 – 4 StR 93/​99, BGHR StGB § 57a Abs. 1 Schuld­schwe­re 22[]