Ver­än­de­rung eines tat­säch­li­chen Umstands – oder unge­naue Ankla­ge

Ob die Ver­än­de­rung eines tat­säch­li­chen Umstan­des zu einer Hin­weis­pflicht in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 265 Abs. 1 StPO führt, hängt davon ab, ob sie in ihrem Gewicht der Ver­än­de­rung eines recht­li­chen Gesichts­punk­tes gleich­steht, auf die sich § 265 Abs. 1 StPO unmit­tel­bar bezieht 1. Dabei kommt es auf den Ein­zel­fall an 2.

Ver­än­de­rung eines tat­säch­li­chen Umstands – oder unge­naue Ankla­ge

Bei einer im Tat­säch­li­chen unge­nau­en Fas­sung der Ankla­ge­schrift ist ein Hin­weis ent­spre­chend § 265 StPO grund­sätz­lich nicht vor­ge­schrie­ben, wenn im Lau­fe der Haupt­ver­hand­lung nähe­re Kon­kre­ti­sie­run­gen von Ein­zel­fäl­len durch die genaue­re Beschrei­bung von Tat­mo­da­li­tä­ten oder Begleit­um­stän­den erge­ben.

Ein Hin­weis kann nur aus­nahms­wei­se gebo­ten sein, etwa um das Recht des Ange­klag­ten auf recht­li­ches Gehör oder den Schutz vor Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen zu gewähr­leis­ten 3.

Dar­an gemes­sen kam dem Umstand, dass sich in der Haupt­ver­hand­lung in eini­gen Fäl­len ein wei­te­rer Über­ga­be­ort erge­ben hat, kein eine Hin­weis­pflicht aus­lö­sen­des Gewicht zu. Die den gesetz­li­chen Straf­tat­be­stän­den zuge­ord­ne­ten Tat­hand­lun­gen des Ange­klag­ten und der Zeu­gin K. sind von der Ver­än­de­rung nicht betrof­fen. Auch wur­de die Tatrich- tung dadurch in kei­ner Wei­se ver­än­dert. Dass die bestell­ten Betäu­bungs­mit­tel von der Zeu­gin K. bei ihren regel­mä­ßi­gen Beschaf­fungs­fahr­ten nicht nur in D. , son­dern auch in H. über­nom­men wur­den, liegt inner­halb der mög­li­chen Varia­ti­ons­brei­te des Gesche­hens­bil­des der Tat im wei­te­ren Sin­ne und konn­te den Ange­klag­ten daher nicht über­ra­schen 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Novem­ber 2014 – 4 StR 234/​14

  1. BGH, Urteil vom 03.09.1963 – 5 StR 306/​63, BGHSt 19, 88, 89[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 12.01.2011 – 1 StR 582/​10, BGHSt 56, 121, wesent­li­che Ver­än­de­rung des dem gesetz­li­chen Straf­tat­be­stand zuge­ord­ne­ten Tat­ver­hal­tens durch Aus­tausch der Bezug­s­tat beim Ver­de­ckungs­mord; Beschluss vom 08.11.2005 – 2 StR 296/​05, NStZ-RR 2006, 213, 214, Tat­zeit­ver­än­de­rung bei Ali­bi­behaup­tung für die in der Ankla­ge bezeich­ne­te Tat­zeit; Urteil vom 15.11.1978 – 2 StR 456/​78, BGHSt 28, 196, 197 f., Annah­me einer ande­ren schuld­haf­ten Hand­lung als Ursa­che für den tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolg[]
  3. BGH, Urteil vom 20.02.2003 – 3 StR 222/​02, BGHSt 48, 221, 224 ff.; wei­ter gehend – aber nicht tra­gend ent­schie­den – BGH, Urteil vom 29.07.1998 – 1 StR 94/​98, BGHSt 44, 153, 157; Urteil vom 04.11.1997 – 1 StR 273/​97, BGHSt 43, 293, 299; Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44; wei­te­re Nach­wei­se bei LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 265 Rn. 78[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 15.09.1999 – 2 StR 530/​98, BGHR StPO § 265 Abs. 4 Hin­weis­pflicht 15[]