Ver­bots­irr­tum und Anwalts­aus­kunft

Die blo­ße Beru­fung des Ange­klag­ten auf einen Ver­bots­irr­tum nötigt nicht dazu, einen sol­chen als gege­ben anzu­neh­men. Es bedarf viel­mehr einer Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de, die für das Vor­stel­lungs­bild des Ange­klag­ten von Bedeu­tung waren [1].

Ver­bots­irr­tum und Anwalts­aus­kunft

Feh­len­de Unrechts­ein­sicht

Der Täter hat bereits dann aus­rei­chen­de Unrechts­ein­sicht, wenn er bei Bege­hung der Tat mit der Mög­lich­keit rech­net, Unrecht zu tun, und dies bil­li­gend in Kauf nimmt. Es genügt mit­hin das Bewusst­sein, die Hand­lung ver­sto­ße gegen irgend­wel­che, wenn auch im Ein­zel­nen nicht klar vor­ge­stell­te gesetz­li­che Bestim­mun­gen [2].

Im hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies für den Bun­des­ge­richts­hof: Dem Ange­klag­ten war aus dem ers­ten Straf­ver­fah­ren bewusst, dass er sich in einem recht­li­chen Grenz­be­reich beweg­te. Die ihm zuteil gewor­de­ne recht­li­che Bera­tung erfolg­te zu Geschäfts­mo­del­len, die dar­auf aus­ge­legt waren, eine als mög­lich erkann­te Straf­bar­keit zu umge­hen. Dies setzt aber eine gedank­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den Gren­zen straf­ba­ren Ver­hal­tens vor­aus und schließt die Mög­lich­keit mit ein, sich bei einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der Geset­zes­la­ge straf­bar zu machen [3]. So lag es hier, denn der Ange­klag­te konn­te sich für die ledig­lich erhoff­te Annah­me der Straf­lo­sig­keit auf kei­ne höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen stüt­zen. Des­we­gen kommt auch dem Aspekt, dass der Begriff der Ver­brei­tung (urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke) im Sin­ne des Art. 4 Abs. 1 RL 2001/​29/​EG durch den EuGH erst in die­sem Ver­fah­ren eine wei­te­re Aus­le­gung erfah­ren hat, für die Irr­tums­fra­ge kei­ne aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung zu.

Ver­meid­bar­keit des Ver­bots­irr­tums

Unver­meid­bar ist ein Ver­bots­irr­tum erst dann, wenn der Täter alle sei­ne geis­ti­gen Erkennt­nis­kräf­te ein­ge­setzt und etwa auf­kom­men­de Zwei­fel durch Nach­den­ken oder erfor­der­li­chen­falls durch Ein­ho­lung ver­läss­li­chen und sach­kun­di­gen Rechts­rats besei­tigt hat [4]. Dabei müs­sen sowohl die Aus­kunfts­per­son als auch die Aus­kunft aus der Sicht des Täters ver­läss­lich sein; die Aus­kunft selbst muss zudem einen unrechts­ver­nei­nen­den Inhalt haben. Eine Aus­kunft ist in die­sem Sin­ne nur dann ver­läss­lich, wenn sie objek­tiv, sorg­fäl­tig, ver­ant­wor­tungs­be­wusst und ins­be­son­de­re nach pflicht­ge­mä­ßer Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge erteilt wor­den ist [5]. Bei der Aus­kunfts­per­son ist dies der Fall, wenn sie die Gewähr für eine die­sen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­de Aus­kunfts­er­tei­lung bie­tet, sie muss ins­be­son­de­re sach­kun­dig und unvor­ein­ge­nom­men sein und mit der Ertei­lung der Aus­kunft kei­ner­lei Eigen­in­ter­es­se ver­fol­gen [6].

Auf der Grund­la­ge des­sen sah der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall die vom Ange­klag­ten ent­fal­te­ten Bemü­hun­gen zur Klä­rung der Rechts­la­ge als nicht aus­rei­chend an:

Zum einen boten eini­ge Aus­kunfts­per­so­nen nicht die Gewähr für eine ver­läss­li­che Aus­kunft. Zu Recht hat das Land­ge­richt dar­auf abge­stellt, dass die Aus­kunft des Geschäfts­füh­rers der Fir­ma D. und deren Anwalt D‘. im Inter­es­se der Fir­ma D. erfolg­te, was für den Ange­klag­ten ohne wei­te­res erkenn­bar war. Abge­se­hen von einer unge­wis­sen Sach­kun­de zu Fra­gen des deut­schen Urhe­ber­rechts, hät­te er daher berück­sich­ti­gen müs­sen, dass die­se Aus­kunfts­per­so­nen mög­li­cher­wei­se vor­ein­ge­nom­men waren und mit der Aus­kunft Eigen­in­ter­es­sen ver­folg­ten, näm­lich durch sei­ne wei­te­re Mit­wir­kung an dem Geschäfts­mo­dell Ein­nah­men unter Ver­let­zung der Urhe­ber­rech­te in Deutsch­land zu erzie­len.

Zum ande­ren waren die Aus­künf­te der ande­ren Rechts­an­wäl­te für den Ange­klag­ten, der auf­grund des ers­ten Straf­ver­fah­rens um das Risi­ko einer Straf­bar­keit bei dem Han­del von unli­zen­sier­ten Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke nach Deutsch­land wuss­te, nicht hin­rei­chend ver­läss­lich.

Der Rat eines Rechts­an­walts ist nicht ohne wei­te­res bereits des­halb ver­trau­ens­wür­dig, weil er von einer kraft ihrer Berufs­stel­lung ver­trau­ens­wür­di­gen Per­son erteilt wor­den ist. Maß­ge­bend ist viel­mehr, ob der Rechts­rat – aus der Sicht des Anfra­gen­den – nach ein­ge­hen­der sorg­fäl­ti­ger Prü­fung erfolgt und von der not­wen­di­gen Sach­kennt­nis getra­gen ist [7]. Eher zur Absi­che­rung als zur Klä­rung bestell­te Gefäl­lig­keits­gut­ach­ten schei­den als Grund­la­ge unver­meid­ba­rer Ver­bots­irr­tü­mer aus [8]. Aus­künf­te, die erkenn­bar vor­der­grün­dig und man­gel­haft sind oder nach dem Wil­len des Anfra­gen­den ledig­lich eine „Fei­gen­blatt­funk­ti­on“ erfül­len sol­len, kön­nen den Täter eben­falls nicht ent­las­ten. Viel­mehr muss der Bera­ten­de eine voll­stän­di­ge Kennt­nis von allen tat­säch­lich gege­be­nen, rele­van­ten Umstän­den haben. Ins­be­son­de­re bei kom­ple­xen Sach­ver­hal­ten und erkenn­bar schwie­ri­gen Rechts­fra­gen ist regel­mä­ßig ein detail­lier­tes, schrift­li­ches Gut­ach­ten erfor­der­lich, um einen unver­meid­ba­ren Ver­bots­irr­tum zu begrün­den [9].

Auch der vom Ange­klag­ten nur ein­mal kon­tak­tier­te Rechts­an­walt U. konn­te kei­ne Aus­kunft auf­grund sorg­fäl­ti­ger Prü­fung und Kennt­nis aller Umstän­de ertei­len. Denn er hat­te den Ange­klag­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Fra­ge einer Urhe­ber­rechts­ver­let­zung genaue­rer Abklä­rung bedür­fe, wel­che aber nicht erfolg­te. Zutref­fend fol­gert das Land­ge­richt hier­aus, dass dies kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für einen unver­meid­ba­ren Irr­tum des Ange­klag­ten bot.

Zudem hät­te berück­sich­tigt wer­den dür­fen, dass der Ange­klag­te sich einer­seits dar­auf beruft, er habe auf den Rechts­rat Rechts­an­walts U. s und des auch von ihm bezahl­ten Rechts­an­walts der Fir­ma D. ver­traut, ande­rer­seits aber eine Über­prü­fung der Sub­stanz die­ser Aus­künf­te durch Nich­t­ent­pflich­tung von der Schwei­ge­pflicht der Rechts­an­wäl­te nicht ermög­licht hat.

Die Aus­kunft des Rechts­an­walt Sk. muss als nicht ver­läss­lich gewer­tet wer­den, da die­se weder „ein­deu­tig“ oder „klar“, son­dern ledig­lich eine all­ge­mei­ne und ohne kon­kre­te Prü­fung und Kennt­nis der Aus­ge­stal­tung des geän­der­ten Geschäfts­mo­dells geäu­ßer­te Rechts­auf­fas­sung gewe­sen sei. Dies wird von den Fest­stel­lun­gen getra­gen, denn Rechts­an­walt Sk. hat dem Ange­klag­ten unge­fragt ledig­lich sei­ne – ohne Wis­sen um die genau­en Umstän­den des prak­ti­zier­ten Geschäfts­mo­dells ersicht­lich wenig sub­stan­ti­ier­te – Auf­fas­sung bei Kennt­nis um den kon­tro­ver­sen Mei­nungs­stand bekun­det. Eine sol­che Aus­kunft hat schon kei­nen hin­rei­chend unrechts­ver­nei­nen­den Inhalt. Auf die­sem ihm güns­ti­gen Stand­punkt durf­te der Ange­klag­te nicht vor­schnell ver­trau­en [10] und sei­ne Augen nicht vor gegen­tei­li­gen Ansich­ten und Ent­schei­dun­gen ver­schlie­ßen. Denn es reicht nicht aus, wenn er auf­grund der Aus­kunft nicht mehr als eine Hoff­nung haben kann, das ihm bekann­te Straf­ge­setz grei­fe nicht ein [11]. Nach­fra­gen sei­tens des Ange­klag­ten erfolg­ten aber nicht.

Soweit die Revi­si­on sich dar­auf beruft, dem Ange­klag­ten hät­te auch bei wei­ter­ge­hen­den Bemü­hun­gen ange­sichts der erst in die­sem Ver­fah­ren erfolg­ten Ent­schei­dung des EuGH zur Aus­le­gung des Art. 4 Abs. 1 der RL 2001/​29/​EG kein der jet­zi­gen Rechts­la­ge ent­spre­chen­der Hin­weis erteilt wer­den kön­nen, führt dies zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Ange­sichts des schon vor der Vor­ab­ent­schei­dung des EuGH bestehen­den straf­recht­lich abge­si­cher­ten Urhe­ber­rechts­schut­zes war das vom Ange­klag­ten prak­ti­zier­te Geschäfts­mo­dell mit dem Risi­ko der Straf­bar­keit behaf­tet. Eine den dar­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen an Ver­läss­lich­keit genü­gen­de, ins­be­son­de­re auf der Grund­la­ge einer dem Ange­klag­ten oblie­gen­den umfas­sen­den Dar­stel­lung des Geschäfts­mo­dells erfol­gen­de Aus­kunft hät­te auf die­ses Risi­ko hin­ge­wie­sen und spä­tes­tens hier­durch beim Ange­klag­ten die Ein­sicht geweckt, es bestehe die Mög­lich­keit der Straf­bar­keit. Ob das Ver­brei­ten dabei ent­spre­chend der Vor­ab­ent­schei­dung des EuGH weit aus­ge­legt oder – enger – an das hier gege­be­ne Erfor­der­nis des Über­gangs der tat­säch­li­chen Ver­fü­gungs­ge­walt geknüpft wird, ist für das Vor­stel­lungs­bild uner­heb­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Okto­ber 2012 – 1 StR 213/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 18.08.2009 – 1 StR 107/​09, NStZ-RR 2010, 85; BGH, Urteil vom 08.09.2011 – 1 StR 38/​11, NStZ 2012, 160[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, NStZ-RR 2009, 13; BGH, Beschluss vom 24.02.2011 – 5 StR 514/​09, NJW 2011, 1236, 1239 mwN[]
  3. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 08.12.2009 – 1 StR 277/​09, BGHSt 54, 243, 258; BGH, Urteil vom 08.09.2011 – 1 StR 38/​11, NStZ 2012, 160[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 27.01.1966 – KRB 2/​65, BGHSt 21, 18, 20; BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, NStZ-RR 2009, 13[]
  5. vgl. Vogel in LK 12. Aufl. § 17 Rn. 78, 85[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.12.1999 – 2 StR 365/​99, BGHR StGB § 17 Ver­meid­bar­keit 4; BGH, Urteil vom 13.09.1994 – 1 StR 357/​94, BGHSt 40, 257, 264[]
  7. BGH, Urteil vom 15.12.1999 – 2 StR 365/​99, BGHR StGB § 17 Ver­meid­bar­keit 4[]
  8. vgl. Fischer, StGB, 59. Aufl. § 17 Rn. 9 a[]
  9. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, NStZ-RR 2009, 13 mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.1985 – 3 StR 82/​85[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/​07, NStZ-RR 2009, 13 mwN[]