Ver­ein­fach­tes Jugend­ver­fah­ren – und die Abga­be nach Wohn­sitz­wech­sel

Im ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­ren nach § 76 Abs. 1 JGG ist eine Ände­rung der ört­li­chen Zustän­dig­keit durch Abga­be nach § 42 Abs. 3 JGG unzu­läs­sig.

Ver­ein­fach­tes Jugend­ver­fah­ren – und die Abga­be nach Wohn­sitz­wech­sel

Die Vor­schrift ist in die­sem Son­der­ver­fah­ren nicht anwend­bar1. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­ne Ver­an­las­sung, von sei­ner Recht­spre­chung und der herr­schen­den Rechts­auf­fas­sung in der Lite­ra­tur abzu­wei­chen.

Die über­wie­gend auf Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen gestütz­ten Aus­füh­run­gen des Amts­ge­richt Vil­lin­gen­Schwen­nin­gen2für eine Anwend­bar­keit des § 42 Abs. 3 Satz 1 JGG auch im ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­ren las­sen besor­gen, dass dem Amts­ge­richt außer Blick gera­ten sein könn­te, dass es, wenn der Jugend­rich­ter es – wie hier – für gebo­ten hält, das Ver­fah­ren wegen eines Auf­ent­halts­wech­sels des Jugend­li­chen an den für den neu­en Wohn­sitz zustän­di­gen Jugend­rich­ter abzu­ge­ben, tat­säch­lich die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Son­der­ver­fah­ren nach §§ 76 ff. JGG ver­neint, soweit die Durch­füh­rung vor dem von der Staats­an­walt­schaft ange­ru­fe­nen Gericht in Betracht kommt3. In einem sol­chen Fall hat der Jugend­rich­ter daher, da sei­ner Ansicht nach die Vor­aus­set­zun­gen hier­für bei dem ange­ru­fe­nen Gericht feh­len, die Ent­schei­dung im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren abzu­leh­nen.

Die dar­ge­leg­te Rechts­auf­fas­sung des Amts­ge­richt Vil­lin­gen­Schwen­nin­gen4 ver­kennt zudem das grund­sätz­li­che Erfor­der­nis einer die gericht­li­che Unter­su­chung eröff­nen­den Ent­schei­dung, bevor eine Zustän­dig­keits­über­tra­gung in Betracht kommt5. Auf die in die­sem Zusam­men­hang vom Jugend­rich­ter ange­stell­ten Über­le­gun­gen zum Wort­laut der Vor­schrift kommt es nicht an. Viel­mehr ergibt sich die Not­wen­dig­keit der Ver­fah­rens­er­öff­nung durch das ursprüng­lich ange­gan­ge­ne Gericht vor Über­tra­gung der ört­li­chen Zustän­dig­keit auf ein ande­res Gericht aus dem Umstand, dass bis zu die­sem Zeit­punkt die Staats­an­walt­schaft ihre erho­be­ne Ankla­ge zurück­neh­men und andern­orts anhän­gig machen kann. In die­ses Recht darf nicht durch gericht­li­che Beschlüs­se nach § 42 Abs. 3 JGG (oder § 12 Abs. 2 StPO) ein­ge­grif­fen wer­den6. Eine sol­che end­gül­ti­ge Bin­dung der Staats­an­walt­schaft, wie sie der Eröff­nungs­be­schluss bewirkt, ist aber im ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­ren gera­de nicht vor­ge­se­hen7.

Der Hin­weis des Amts­ge­richts Vil­lin­gen­Schwen­nin­gen auf die hier gleich­zei­tig mit der Antrag­stel­lung nach § 76 JGG bean­trag­te Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens, soll­te nicht im ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­ren ent­schie­den wer­den, führt zu kei­ner ande­ren Bewer­tung. Ent­ge­gen der Annah­me des vor­le­gen­den Amts­ge­richts begrün­det die­se Fall­ge­stal­tung – auch wenn es nach einem Ableh­nungs­be­schluss kei­ner noch­mals geson­dert ein­zu­rei­chen­den Ankla­ge bedürf­te (§ 77 Abs. 2 JGG) – gera­de kei­ne der Eröff­nungs­ent­schei­dung ‚ver­gleich­ba­re Bin­dung‘. Viel­mehr ent­sprä­che der Ver­fah­rens­stand nach Ableh­nung einer Ent­schei­dung im ver­ein­fach­ten Jugend­ver­fah­ren dann dem­je­ni­gen nach einer bereits erho­be­nen Ankla­ge, mit der die Staats­an­walt­schaft regel­mä­ßig die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens bean­tragt. Auch in die­sem Zwi­schen­ver­fah­ren, das der Vor­be­rei­tung der Eröff­nungs­ent­schei­dung dient, besteht die Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis der Staats­an­walt­schaft fort.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Juni 2019 – 2 ARs 80/​19

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.11.1958 – 2 ARs 182/​58, BGHSt 12, 180, 182; vom 31.01.1961 – 2 ARs 1/​61, BGHSt 15, 314, 316; Eisen­berg, JGG, 20. Aufl., § 42 Rn.20; Brunner/​Dölling, JGG, 13. Aufl., § 42 Rn. 13; BeckOKJGG/​Wellershoff, 13. Ed., § 42 Rn. 27; BeckOKJGG/​Gertler, 13. Ed., § 77 Rn. 8; Münch­Komm-StPO/­Höff­ler, § 42 Rn. 11; Münch­Komm-StPO/­Kas­par, § 77 JGG Rn. 4; Schatz in Diemer/​Schatz/​Sonnen, JGG, 7. Aufl., § 42 Rn. 24; a. A. NKJGG/​Schady, 10. Aufl., § 42 Rn. 12 mwN []
  2. AG Vil­lin­gen­Schwen­nin­gen, Beschluss vom 26.02.2019 6 Ds 26 Js 2662/​19 jug. (2), BeckRS 2019, 3497 []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.11.1958 – 2 ARs 182/​58BGHSt 12, 180 []
  4. AG Vil­lin­gen­Schwen­nin­gen, Beschluss vom 26.02.2019 6 Ds 26 Js 2662/​19 jug. (2), BeckRS 2019, 3497 []
  5. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 18.12 2013 – 2 ARs 432/​13BeckRS 2014, 1645; vom 16.07.1997 – 2 ARs 250/​97NStZ-RR 1997, 380; Eisen­berg, JGG, 20. Aufl., § 42 Rn.19 m. w. N. []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 11.10.1957 – 2 ARs 167/​57BGHSt 10, 391 []
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.11.1958 – 2 ARs 182/​58BGHSt 12, 180; vom 31.01.1961 – 2 ARs 1/​61BGHSt 15, 314 []