Ver­fah­rens­feh­ler – als straf­pro­zes­sua­le Ver­fah­rens­hin­der­nis­se

Ein Ver­fah­rens­hin­der­nis wird nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs durch sol­che Umstän­de begrün­det, die es aus­schlie­ßen, dass über einen Pro­zess­ge­gen­stand mit dem Ziel einer Sach­ent­schei­dung ver­han­delt wer­den darf.

Ver­fah­rens­feh­ler – als straf­pro­zes­sua­le Ver­fah­rens­hin­der­nis­se

Die Umstän­de müs­sen dabei so schwer wie­gen, dass von ihrem Vor­han­den­sein oder Nicht­vor­han­den­sein die Zuläs­sig­keit des gesam­ten Ver­fah­rens abhän­gig gemacht wer­den muss 1.

Bei blo­ßen Ver­fah­rens­feh­lern wird dies in der Regel nicht der Fall sein.

Der Gesetz­ge­ber sieht selbst bei einem Ver­stoß gegen § 136a Abs. 1 StPO kei­nen Anlass, ein Ver­fah­rens­hin­der­nis anzu­neh­men, son­dern legt in § 136a Abs. 3 Satz 2 StPO nur ein (nicht dis­po­ni­bles) Ver­wer­tungs­ver­bot fest 2.

Für den Fall der rechts­staats­wid­ri­gen Tat­pro­vo­ka­ti­on hat der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs zuletzt unter sehr hohen Anfor­de­run­gen und unter Beru­fung dar­auf, dass dies bei der "scho­nen­den Ein­pas­sung der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in das natio­na­le Rechts­sys­tem" erfor­der­lich sei, ein Ver­fah­rens­hin­der­nis bejaht 3. Die­se Ent­schei­dung kann jedoch nicht ohne Wei­te­res auf ande­re Ver­fah­rens­feh­ler über­tra­gen wer­den. Ein durch rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung bewirk­ter Ver­stoß gegen Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur in außer­ge­wöhn­li­chen Ein­zel­fäl­len, in denen eine ange­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung des Ver­sto­ßes im Rah­men der Sach­ent­schei­dung bei umfas­sen­der Gesamt­wür­di­gung nicht mehr in Betracht kommt, zu einem Ver­fah­rens­hin­der­nis füh­ren 4.

Selbst die Kom­bi­na­ti­on einer Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung mit einer feh­ler­haf­ten Akten­füh­rung sei­tens der Staats­an­walt­schaft wiegt nicht der­art schwer, dass sich eine Ent­schei­dung in der Sache ver­bie­tet. Der Bun­des­ge­richts­hof kann offen las­sen, ob das Hin­zu­tre­ten von Feh­lern in der Akten­füh­rung bei gra­vie­ren­den Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen ein Ver­fah­rens­hin­der­nis ent­ste­hen las­sen könn­te. Bei der hier gege­be­nen Sach­la­ge lässt sich die Ver­zö­ge­rung des Ver­fah­rens, die nicht ein­mal in der Nähe eines Ver­fah­rens­hin­der­nis­ses ange­sie­delt wer­den kann, unter Beach­tung der Rege­lun­gen der §§ 199, 198 GVG 5 aus­rei­chend kom­pen­sie­ren. Die unzu­rei­chen­de Akten­füh­rung kann ein Gesichts­punkt sein, der im Rah­men der Beweis­wür­di­gung Belang gewin­nen kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Sep­tem­ber 2016 – 1 StR 104/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.12 1987 – 3 StR 104/​87, BGHSt 35, 137, 140; vom 25.10.2000 – 2 StR 232/​00, BGHSt 46, 159, 168 f. mit zahlr. w.N.; und vom 11.08.2016 – 1 StR 196/​16 Rn. 6; sie­he auch Kud­lich in Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, 1. Aufl., Einl. Rn. 353 und Küh­ne in Löwe/​Rosenberg, StPO, 27. Aufl., Einl. K. Rn. 37 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 25.10.2000 – 2 StR 232/​00, BGHSt 46, 159[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.06.2015 – 2 StR 97/​14, BGHSt 60, 276; vgl. aber auch BGH, Beschluss vom 19.05.2015 – 1 StR 128/​15, BGHSt 60, 238[]
  4. BGH, Urteil vom 25.10.2000 – 2 StR 232/​00, BGHSt 46, 159, 171; vgl. auch Mey­er-Goß­ner, Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen und Pro­zess­hin­der­nis­se, 2011, S. 5 ff.[]
  5. vgl. hier­zu Graf in Beck­OK-StPO, Ed. 26, § 199 GVG Rn. 8 ff.[]