Ver­fah­rens­rügen, Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot – und die erfor­der­li­che Revi­si­ons­be­grün­dung

Im Rah­men einer Ver­fah­rens­rüge sind die den gel­tend gemach­ten Ver­stoß ent­hal­te­nen Tat­sa­chen grund­sätz­lich so voll­stän­dig und genau dar­zu­le­gen, dass das Revi­si­ons­ge­richt allein anhand der Revi­si­ons­be­grün­dung in die Lage ver­setzt wird, über den gel­tend gemach­ten Man­gel end­gül­tig zu ent­schei­den.

Ver­fah­rens­rügen, Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot – und die erfor­der­li­che Revi­si­ons­be­grün­dung

Für den Revi­si­ons­vor­trag wesent­li­che Schrift­stü­cke oder Akten­stel­len sind im Ein­zel­nen zu bezeich­nen und – in der Regel durch wört­li­che Zita­te bezie­hungs­wei­se ein­ge­füg­te Abschrif­ten oder Ablich­tun­gen – zum Bestand­teil der Revi­si­ons­be­grün­dung zu machen 1.

Rügt der Beschwer­de­füh­rer, das Gericht habe zu Unrecht das Vor­lie­gen eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­tes für Beweis­mit­tel ange­nom­men, die auf­grund einer Woh­nungs­durch­su­chung erlangt wor­den sind, ist in aller Regel zunächst der Beschluss mit­zu­tei­len, durch den das zustän­di­ge Amts­ge­richt die Woh­nungs­durch­su­chung ange­ord­net hat 2. Fehlt es an einer aus­rei­chen­den Dar­stel­lung der Ver­dachts- und Beweis­la­ge im ermitt­lungs­rich­ter­li­chen Beschluss oder wird die Recht­mä­ßig­keit der Maß­nah­me im Übri­gen kon­kret in Zwei­fel gezo­gen, ist dar­über hin­aus die Ver­dachts- und Beweis­la­ge, die im Zeit­punkt der Anord­nung gege­ben war, anhand der Akten­la­ge zu rekon­stru­ie­ren und mit­zu­tei­len 3.

Erst auf die­ser Grund­la­ge kann das Revi­si­ons­ge­richt die Recht­mä­ßig­keit der Durch­su­chungs­an­ord­nung umfas­send beur­tei­len und gege­be­nen­falls wei­ter­ge­hend prü­fen, ob, soll­te die ermitt­lungs­rich­ter­li­che Anord­nung rechts­feh­ler­haft sein, aus dem Ver­fah­rens­feh­ler im kon­kre­ten Fall ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot folgt. Denn über das Bestehen eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­tes ist regel­mä­ßig nach den Umstän­den des Ein­zel­falls unter Abwä­gung aller maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te sowie der wider­strei­ten­den Inter­es­sen zu ent­schei­den 4.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de das Revi­si­ons­vor­brin­gen im hier ent­schie­de­nen Fall nicht gerecht. Die Beschwer­de­füh­re­rin hat die Dar­stel­lung der Ver­fah­rens­tat­sa­chen auf die von ihr in die Revi­si­ons­be­grün­dung ein­ge­rück­ten Urteils­grün­de, die vom Bun­des­ge­richts­hof ohne­hin zur Kennt­nis zu neh­men sind 5, sowie auf die Wie­der­ga­be von Tei­len des Ablaufs der Haupt­ver­hand­lung beschränkt. Dies genügt hier nicht.

Die Beschwer­de­füh­re­rin hat bereits den Wort­laut der amts­ge­richt­li­chen Durch­su­chungs- und Beschlag­nah­me­an­ord­nung nicht mit­ge­teilt. Ohne des­sen Kennt­nis ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof die Rechts­mä­ßig­keit des Beschlus­ses nicht zu beur­tei­len. Es ist nicht erkenn­bar, ob sich der Wort­laut der Anord­nung in dem im ange­grif­fe­nen Urteil dar­ge­stell­ten Inhalt erschöpft. Dane­ben fehlt es an der Mit­tei­lung maß­geb­li­cher Tei­le des Ermitt­lungs­stan­des zum Zeit­punkt der amts­ge­richt­li­chen Beschluss­fas­sung. Es man­gelt an der Dar­le­gung des Inhalts der anony­men Anzei­ge und des Fahn­dungs­auf­rufs sowie der Täter­be­schrei­bung durch den Geschä­dig­ten des Raub­über­falls, sodass der Bun­des­ge­richts­hof nicht beur­tei­len kann, ob das Amts­ge­richt dem Umstand, dass die­se Täter­be­schrei­bung auf den wei­te­ren benann­ten Täter N. pass­te, zu Recht als ein den anony­men Hin­weis stüt­zen­des Beweis­mit­tel ange­se­hen hat. Zudem hät­te es der nähe­ren Dar­stel­lung des Ver­fah­rens­gan­ges, mit­hin des Inhalts des Wider­spruchs der Ver­tei­di­gung gegen die von der Staats­an­walt­schaft erstreb­te Beweis­erhe­bung, sowie des Beschwer­de­ver­fah­rens bedurft, in dem das Land­ge­richt die Rechts­wid­rig­keit des Durch­su­chungs- und Beschlag­nah­me­be­schlus­ses fest­ge­stellt hat. Ohne Mit­tei­lung des Beschwer­de­ver­fah­rens bleibt offen, ob die­ses wei­te­re Erkennt­nis­se zum Ermitt­lungs­ver­fah­ren offen­bart.

Der Umstand, dass die Urteils­grün­de Aus­füh­run­gen dazu ent­hal­ten, war­um die Bewei­se zum Ergeb­nis der Woh­nungs­durch­su­chung aus Sicht der Straf­kam­mer nicht erho­ben wer­den durf­ten, befreit die beschwer­de­füh­ren­de Staats­an­walt­schaft nicht von der Anbrin­gung einer zuläs­si­gen Ver­fah­rens­rüge 6.

In sys­te­ma­ti­scher Hin­sicht gehört das hier in Fra­ge ste­hen­de Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot dem Ver­fah­rens­recht an, denn es bestimmt den Umfang des Beweis­ma­te­ri­als, den das Tat­ge­richt auf sei­nem Weg zur Urteils­fin­dung benut­zen darf 7. Die Rüge der Ver­let­zung von Ver­fah­rens­nor­men unter­liegt jedoch der Dis­po­si­ti­ons­frei­heit des Beschwer­de­füh­rers (§ 352 Abs. 1 StPO). Eine nicht gebo­te­ne Dar­stel­lung im Urteil zu den Ver­fah­rens­vor­gän­gen kann das auf die Sach­be­schwer­de gesetz­lich deter­mi­nier­te Prü­fungs­recht des Revi­si­ons­ge­richts nicht erwei­tern.

Neben die­se sys­te­ma­ti­schen Beden­ken tre­ten wei­te­re Vor­be­hal­te. Die Ver­mi­schung von Ver­fah­rens- und Sach­rü­ge birgt ins­be­son­de­re die Gefahr von Frik­tio­nen.

Das Tat­ge­richt ist nicht ver­pflich­tet, den für ein Ver­wer­tungs­ver­bot rele­van­ten Ver­fah­rens­stoff ganz oder teil­wei­se im Urteil fest­zu­stel­len 8. Eine ent­spre­chen­de Dar­stel­lung ist recht­lich nicht gebo­ten. Die voll­stän­di­ge Wie­der­ga­be der maß­geb­li­chen Ver­fah­rens­vor­gän­ge in den Urteils­grün­den ist damit nicht gewähr­leis­tet. Zudem kann das Tat­ge­richt die zugrun­de­lie­gen­den Ver­fah­rens­vor­gän­ge im Frei­be­weis­ver­fah­ren ermit­teln, so dass die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nur eine ein­ge­schränk­te Mög­lich­keit der Ein­fluss­nah­me auf den Umfang der "Beweis­erhe­bung" haben; § 244 Abs. 3 bis Abs. 5 StPO gel­ten nicht 9. Hiel­te man das Revi­si­ons­ge­richt gleich­wohl für ver­pflich­tet, auf die Sach­rü­ge die – gege­be­nen­falls unvoll­stän­di­gen – Urteils­fest­stel­lun­gen zum Beweis­ver­wer­tungs­ge­bot zu prü­fen, wäre die Gefahr eines unrich­ti­gen Revi­si­ons­ur­teils evi­dent.

Auf die zuläs­si­ge Ver­fah­rens­rüge über­prüft das Revi­si­ons­ge­richt die Ver­fah­rens­grund­la­gen eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots eigen­stän­dig im Frei­be­weis. Sei­ne tat­säch­li­che Sicht der Ver­fah­rens­vor­gän­ge ist allei­ne maß­geb­lich. Fest­stel­lun­gen des Tat­ge­richts sind für das Revi­si­ons­ge­richt nicht bin­dend 10. Die Not­wen­dig­keit einer mate­ri­ell­recht­li­chen Prü­fung unmaß­geb­li­cher Urteils­aus­füh­run­gen des Tat­ge­richts erschließt sich aus revi­si­ons­recht­li­cher Sicht indes nicht.

Die mate­ri­ell­recht­li­che Prü­fung eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots auf der Grund­la­ge der Urteils­aus­füh­run­gen schafft die Gefahr wider­sprüch­li­cher Ergeb­nis­se. Ergä­be die Prü­fung einer zuläs­sig erho­be­nen Ver­fah­rens­rüge, dass der Tatrich­ter ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot zutref­fend ange­nom­men hat, den Ver­fah­rens­stoff für des­sen Nicht­vor­lie­gen im Urteil jedoch unzu­rei­chend dar­ge­stellt hät­te, hät­te das Revi­si­ons­ge­richt die Revi­si­on zu ver­wer­fen, da es aus­schlie­ßen könn­te, dass das Urteil auf dem "Dar­stel­lungs­man­gel" beruh­te. Ohne zuläs­si­ge Ver­fah­rens­rüge wäre ihm hin­ge­gen der Beru­hens­aus­schluss man­gels eige­ner Erkennt­nis- und Prü­fungs­mög­lich­keit ver­wehrt. Das Urteil unter­fie­le – wenig plau­si­bel – auf die Sach­rü­ge der Auf­he­bung.

Eben­so wenig ver­mag zu über­zeu­gen, dass die Aus­führ­lich­keit der Urteils­grün­de zum Ver­fah­rens­ab­lauf über die Fra­ge einer mög­li­chen Erstre­ckung der Revi­si­ons­ent­schei­dung auf nicht­re­vi­die­ren­de Ange­klag­te ent­schei­den soll. Denn im Fal­le einer erfolg­rei­chen Sach­rü­ge müss­te das Revi­si­ons­ge­richt kon­se­quen­ter­wei­se auch eine mög­li­che Erstre­ckung der Ent­schei­dung auf wei­te­re Ange­klag­te gemäß § 357 StPO in den Blick neh­men 11, wäh­rend bei einer erfolg­rei­chen Ver­fah­rens­rüge eine Erstre­ckung auf nicht­re­vi­die­ren­de Ange­klag­te nicht statt­fin­det.

Soweit die nicht tra­gen­den Aus­füh­run­gen des 5. Straf­se­nats in einem Urteil vom 18.04.2007 12 dahin zu ver­ste­hen sein soll­ten, das Revi­si­ons­ge­richt sei auf die ledig­lich erho­be­ne Sach­rü­ge mög­li­cher­wei­se befugt, auf der Grund­la­ge der Urteils­fest­stel­lun­gen zu prü­fen, ob die Sub­sum­ti­on des Land­ge­richts des­sen ver­fah­rens­recht­li­che Fol­ge­run­gen recht­fer­ti­gen, könn­te der hier ent­schei­den­de 2. Straf­se­nat dem dor­ti­gen Ansatz aus den vor­ste­hen­den Grün­den nicht fol­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. August 2018 – 2 StR 131/​18

  1. BGH, Urteil vom 10.07.2014 – 3 StR 140/​14, NStZ-RR 2014, 318 ff.; Beschluss vom 24.01.2012 – 4 StR 493/​11, juris; KK-StPO/Ge­ri­cke, 7. Aufl., § 344 Rn. 38 ff. mwN; eben­so Nr. 156 Abs. 3 RiSt­BV[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – 3 StR 337/​10, NStZ 2011, 471, 472[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 08.02.2018 – 3 StR 400/​17 17; Urteil vom 10.07.2014 – 3 StR 140/​14, aaO; Urteil vom 13.01.2011 – 3 StR 337/​10, aaO[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 09.11.2010 – 2 BvR 2101/​09, NStZ 2011, 103, 104; BGH, Urteil vom 10.07.2014 – 3 StR 140/​14, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 10.07.2014 – 3 StR 140/​14, aaO; KK-StPO/Ge­ri­cke, aaO, § 344 Rn. 39 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 16.03.2011 – 1 StR 60/​11, wis­tra 2011, 276, 277; Jähn­ke in Fest­schrift für Mey­er-Goß­ner, 2001, S. 559, 566; Schä­fer in Fest­schrift für Riess, 2002, S. 477, 482[]
  7. BGH, Urteil vom 24.03.1964 – 3 StR 60/​63, BGHSt 19, 273, 275; Jähn­ke, aaO, S. 559 ff. mwN; Mos­ba­cher, NJW 2007, 3686[]
  8. Mos­ba­cher, aaO; Jähn­ke, aaO, S. 562; Schä­fer, aaO, S. 482[]
  9. Mos­ba­cher, aaO[]
  10. OLG Ham­burg, Beschluss vom 04.02.2008 – 1 Ss 226/​07, NJW 2008, 2597, 2598[]
  11. Jähn­ke, aaO, S. 568; Mos­ba­cher, aaO, S. 3687[]
  12. BGH, Urteil vom 18.04.2007 – 5 StR 546/​06, BGHSt 51, 285, 287 f.[]