Ver­fas­sungs­be­schwer­de in Straf­sa­chen – und die Einlegungsfrist

Im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren gegen straf­ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen ist die Anga­be aller Zugangs­zeit­punk­te – also sowohl des Zugangs bei dem oder den Verteidiger(n) als auch beim Beschul­dig­ten – oder die Klar­stel­lung, dass nur eine ein­zi­ge (gege­be­nen­falls form­lo­se) Bekannt­ga­be erfolgt ist, jeden­falls dann erfor­der­lich, wenn sich die Ein­hal­tung der Monats­frist nicht ohne Wei­te­res aus den Unter­la­gen ergibt.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de in Straf­sa­chen – und die Einlegungsfrist

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist inner­halb der Monats­frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG nicht nur ein­zu­le­gen, son­dern auch zu begrün­den1. Die all­ge­mei­ne Begrün­dungs­last des § 23 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG ver­langt grund­sätz­lich auch, dass der Beschwer­de­füh­rer inner­halb der Monats­frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG zu den Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de vor­trägt, soweit deren Vor­lie­gen nicht aus sich her­aus erkenn­bar ist. Hier­zu gehört im Zwei­fels­fall auch die schlüs­si­ge Dar­le­gung, dass die Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG ein­ge­hal­ten ist, sofern sich dies nicht ohne Wei­te­res aus den Unter­la­gen ergibt2

Gemäß § 93 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG beginnt die Monats­frist mit der Zustel­lung oder form­lo­sen Mit­tei­lung der in voll­stän­di­ger Form abge­fass­ten Ent­schei­dung, wenn die­se nach den maß­ge­ben­den ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten von Amts wegen vor­zu­neh­men ist. Im Fal­le mehr­fa­cher Bekannt­ma­chung einer straf­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung beginnt der Lauf der Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG bereits mit der zuerst bewirk­ten Zustel­lung oder form­lo­sen Mit­tei­lung der den Rechts­weg been­den­den Ent­schei­dung3.

Im Straf­pro­zess erfolgt die Bekannt­ma­chung von Ent­schei­dun­gen von Amts wegen wahl­wei­se durch Zustel­lung oder form­lo­se Mit­tei­lung, wenn die Ent­schei­dun­gen – wie hier – nicht in Anwe­sen­heit der betrof­fe­nen Per­son erge­hen und kei­ne straf­pro­zes­sua­le Frist in Gang set­zen (vgl. § 35 Abs. 2 Satz 2 StPO).

Die frist­aus­lö­sen­de Zustel­lung oder form­lo­se Mit­tei­lung im Straf­ver­fah­ren kann dabei nicht nur an die von der Ent­schei­dung betrof­fe­ne Per­son, son­dern auch an einen durch Rechts­ge­schäft bestell­ten oder kraft Geset­zes ermäch­tig­ten Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten erfol­gen4. Gemäß § 145a Abs. 1 StPO gel­ten der gewähl­te Ver­tei­di­ger, des­sen Voll­macht sich bei den Akten befin­det, sowie der bestell­te Ver­tei­di­ger kraft Geset­zes als ermäch­tigt, Zustel­lun­gen und sons­ti­ge Mit­tei­lun­gen für den Beschul­dig­ten in Emp­fang zu neh­men5

Ent­schei­det sich das Straf­ge­richt gemäß § 145a Abs. 1 StPO für eine Zustel­lung an den Wahl- oder Pflicht­ver­tei­di­ger, so wird der Beschul­dig­te hier­von unter­rich­tet und erhält gemäß § 145a Abs. 3 Satz 1 StPO zugleich form­los eine Abschrift der Ent­schei­dung6. Hier­in liegt eine form­lo­se Mit­tei­lung der in voll­stän­di­ger Form abge­fass­ten Ent­schei­dung im Sin­ne des § 93 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG7

Da § 145a Abs. 1 StPO nicht zur Zustel­lung oder sons­ti­gen Mit­tei­lung an den Wahl- oder Pflicht­ver­tei­di­ger ver­pflich­tet und § 172 Abs. 1 Satz 1 ZPO kei­ne Anwen­dung fin­det, kann umge­kehrt eben­so eine Zustel­lung nur an den Beschul­dig­ten erfol­gen; in die­sem Fall ist aber dem Ver­tei­di­ger nach § 145a Abs. 3 Satz 2 StPO eine Abschrift zu über­mit­teln8. Auch dies stellt eine form­lo­se Mit­tei­lung der in voll­stän­di­ger Form abge­fass­ten Ent­schei­dung im Sin­ne des § 93 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG dar und ist daher geeig­net, die Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG aus­zu­lö­sen9

Ange­sichts des­sen ist im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren die Anga­be aller Zugangs­zeit­punk­te – also sowohl des Zugangs bei dem oder den Verteidiger(n) als auch beim Beschul­dig­ten – oder die Klar­stel­lung, dass nur eine ein­zi­ge (gege­be­nen­falls form­lo­se) Bekannt­ga­be erfolgt ist, jeden­falls dann erfor­der­lich, wenn sich die Ein­hal­tung der Monats­frist nicht ohne Wei­te­res aus den Unter­la­gen ergibt. Ein dif­fe­ren­zier­ter Vor­trag zu den jewei­li­gen Zugangs­zeit­punk­ten wird ins­be­son­de­re dann not­wen­dig, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de über einen Monat nach dem Ent­schei­dungs­da­tum der ange­grif­fe­nen letzt­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­geht und der Ver­tei­di­ger einen Zugangs­zeit­punkt bei sich selbst angibt, nach dem die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nur einen Tag vor Ablauf der Monats­frist gemäß § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG erho­ben wur­de. Andern­falls kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Beschul­dig­te die Ent­schei­dung bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt erhal­ten hat10

Eine eigen­ver­ant­wort­li­che Fest­stel­lung des Frist­be­ginns ist dem Bevoll­mäch­ti­gen im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren auch zumut­bar, da er die­sen in aller Regel durch Aus­tausch mit dem Beschwer­de­füh­rer oder durch Ein­sicht in die Gerichts­ak­te unpro­ble­ma­tisch ermit­teln kann11.

Hier­von aus­ge­hend kann im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren auf Grund­la­ge des Beschwer­de­vor­trags nicht zuver­läs­sig beur­teilt wer­den, ob die Ver­fas­sungs­be­schwer­de die Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG wahrt. In der Ver­fas­sungs­be­schwer­de­schrift teilt der Bevoll­mäch­tig­te des Beschwer­de­füh­rers ledig­lich mit, dass der Beschluss vom 20.12.2019 ihm am 2.01.2020 zuge­stellt wor­den sei. Zu einer Über­mitt­lung der Ent­schei­dung an den Beschwer­de­füh­rer ver­hält sich der Bevoll­mäch­tig­te indes­sen nicht ausdrücklich.

Ein Vor­trag zur Zustel­lung der Ent­schei­dung an den Beschwer­de­füh­rer war hier aber erfor­der­lich. Die Ent­schei­dung des Land­ge­richts ist bereits am 20.12.2019 ergan­gen. Wenn es für die Frist­be­rech­nung auf den Tag der Zustel­lung bei dem Bevoll­mäch­tig­ten ankä­me, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de erst am letz­ten Tag der Ein­le­gungs­frist ein­ge­gan­gen. Es kann jedoch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Ent­schei­dung dem Beschwer­de­füh­rer selbst in der Zeit zwi­schen dem 20.12.2019 und dem 1.01.2020 zuge­stellt oder form­los mit­ge­teilt wur­de. Für die Berech­nung der Ein­le­gungs­frist käme es dann auf die­sen Zeit­punkt an, mit der Fol­ge, dass die Ver­fas­sungs­be­schwer­de das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht mehr recht­zei­tig erreicht hätte.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. August 2021 – 2 BvR 171/​20

  1. vgl. BVerfGK 3, 207 <207 f.> stRspr[]
  2. vgl. BVerfGK 14, 468 <469> BVerfG, Beschluss vom 30.05.2013 – 2 BvR 885/​13 2; Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 3; Beschluss vom 11.07.2018 – 2 BvR 1548/​14, Rn. 15[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.04.1999 – 2 BvR 299/​94, Rn. 4; Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 5[]
  4. vgl. Schmitt, in: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 64. Aufl.2021, § 37 Rn. 3[]
  5. vgl. hier­zu auch BVerfG, Beschluss vom 11.07.2006 – 2 BvR 386/​06, Rn. 7[]
  6. vgl. hier­zu BVerfG, Beschluss vom 20.03.2001 – 2 BvR 2058/​00, Rn. 4[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 10; Beschluss vom 24.02.2021 – 2 BvR 428/​18, Rn. 6[]
  8. sie­he auch Nr. 108 RiStBV; vgl. Vale­ri­us, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, 1. Aufl.2014, § 37 Rn. 13; Schmitt, in: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 64. Aufl.2021, § 145a Rn. 6[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.11.1990 – 2 BvR 1378/​90 1; Beschluss vom 09.10.2003 – 2 BvR 1351/​03, Rn. 2; Beschluss vom 11.07.2006 – 2 BvR 386/​06, Rn. 7; Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 9; Beschluss vom 24.02.2021 – 2 BvR 428/​18, Rn. 7[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 12 f.; Beschluss vom 24.02.2021 – 2 BvR 428/​18, Rn. 8[]
  11. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.06.2014 – 2 BvR 1004/​13, Rn. 15; vgl. auch VerfGH Leip­zig, Beschluss vom 30.11.2017 – Vf. 122-IV-17 u.a.19; Beschluss vom 24.02.2021 – 2 BvR 428/​18, Rn. 9[]

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