Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und die pro­zes­sua­le Überholung

Ver­letzt eine gericht­li­che Ent­schei­dung den Beschwer­de­füh­rer in sei­nen Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten, so hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach § 95 Abs. 1 BVerfGG nicht nur die­se Ver­let­zung fest­zu­stel­len, son­dern nach § 95 Abs. 2 BVerfGG die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung auch auf­zu­he­ben und die Sache an ein zustän­di­ges Gericht zurückzuverweisen.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und die pro­zes­sua­le Überholung

Die Rechts­fol­gen einer ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung regelt § 95 Abs. 2 BVerfGG inso­fern abschlie­ßend1

Nur aus­nahms­wei­se kommt in Betracht, dass sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf die nach § 95 Abs. 1 BVerfGG aus­zu­spre­chen­de Fest­stel­lung einer Grund­rechts­ver­let­zung beschränkt, wenn die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung kei­ne belas­ten­de Wir­kung mehr für den Beschwer­de­füh­rer ent­fal­tet2

Eine pro­zes­sua­le Über­ho­lung führt grund­sätz­lich zu einer der­ar­ti­gen Beschrän­kung des Rechts­fol­gen­aus­spruchs3, denn von pro­zes­su­al über­hol­ten Ent­schei­dun­gen geht regel­mä­ßig kei­ne belas­ten­de Wir­kung mehr für den Beschwer­de­füh­rer aus, die durch eine Auf­he­bung der Ent­schei­dung zu besei­ti­gen wäre4. Das gilt jeden­falls dann, wenn Fach­ge­rich­te in vol­lem Umfang und unter Aus­wechs­lung der Begrün­dung neu über die Streit­fra­ge ent­schie­den haben5

Soweit im hier ent­schie­de­nen Fall die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen die Inhaf­tie­rung des Beschwer­de­füh­rers betref­fen, liegt eine sol­che Kon­stel­la­ti­on vor. Inso­weit sind der ange­grif­fe­ne Haft­be­fehl des Amts­ge­richts und die Beschwer­de­ent­schei­dun­gen von Land­ge­richt und Ober­lan­des­ge­richt durch die inzwi­schen ergan­ge­ne Haft­fort­dau­er­ent­schei­dung, die das Land­ge­richt nach § 268b StPO bei Urteils­fäl­lung getrof­fen hat, pro­zes­su­al über­holt6

Bei einer Haft­fort­dau­er­ent­schei­dung des Gerichts bei Urteils­fäl­lung nach § 268b StPO ent­schei­det das Gericht in vol­lem Umfang und gege­be­nen­falls unter Aus­wechs­lung der Begrün­dung neu über die wei­te­re Inhaf­tie­rung. Das ergibt sich aus der Pflicht des Gerichts, bei Urteils­fäl­lung nach den Regeln des mate­ri­el­len Haft­rechts auf­grund der in der Haupt­ver­hand­lung gewon­ne­nen Erkennt­nis­se, ins­be­son­de­re des nach sei­ner Über­zeu­gung fest­ste­hen­den Sach­ver­halts, von Amts wegen zu prü­fen, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine Fort­dau­er der Unter­su­chungs­haft wei­ter­hin vor­lie­gen7. Als zeit­lich letz­te Haft­ent­schei­dung bil­det außer­dem nur der Haft­be­fehl nach § 268b StPO die Grund­la­ge für den wei­te­ren Voll­zug der Unter­su­chungs­haft; die vor­an­ge­gan­ge­nen Haft­ent­schei­dun­gen beein­flus­sen die fort­dau­ern­de Inhaf­tie­rung nicht mehr. Einer Auf­he­bung der vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen bedarf es daher, soweit sie die Haft­fort­dau­er betref­fen, nicht8.

Die mit der Ver­wer­fung der Haft­be­schwer­de ver­bun­de­ne – den Beschwer­de­füh­rer belas­ten­de – Kos­ten­ent­schei­dun­gen von Land­ge­richt und Ober­lan­des­ge­richt bestehen aller­dings fort9. Inso­weit sind die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se nach § 95 Abs. 2 BVerfGG auf­zu­he­ben und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung über die Kos­ten des gesam­ten fach­ge­richt­li­chen Beschwer­de­ver­fah­rens an das Ober­lan­des­ge­richt zurückzuverweisen. 

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Juli 2021 – 2 BvR 575/​21

  1. vgl. BVerfGE 6, 386 <388> 89, 381 <393 f.>[]
  2. vgl. BVerfGE 6, 386 <388> 89, 381 <394>[]
  3. vgl. BVerfGE 36, 274 <275> 53, 152 <163> BVerfG, Beschluss vom 21.04.2015 – 2 BvR 2462/​13, Rn. 51; Beschluss vom 11.05.2017 – 2 BvR 30/​15, Rn. 23; sie­he auch Lenz/​Hansel, BVerfGG, 3. Aufl.2020, § 95 Rn. 39; Hömig, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 95 Rn. 22 []
  4. vgl. Net­ters­heim, in: Bar­c­zak, BVerfGG, § 95 Rn. 34[]
  5. vgl. BVerfGE 139, 345 <263 Rn. 51 f.> 149, 293 <317 Rn. 60>[]
  6. vgl. BVerfGE 36, 264 <275> BVerfGK 5, 230 <234 f.>[]
  7. vgl. Stu­cken­berg, in: Löwe-Rosen­berg, StPO, 27. Aufl.2021, § 268b Rn. 4; Mol­den­hau­er, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, 1. Aufl.2016, § 268b Rn. 7; Kuckein/​Bartel, in: Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, 8. Aufl.2019, § 268b Rn. 4[]
  8. vgl. BVerfGK 5, 230 <234 f.>[]
  9. vgl. BVerfGE 53, 152 <163>[]

Bild­nach­weis: