Ver­fol­gungs­wahn, Sui­zid­ver­such – und die Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie

Die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus nach § 63 StGB darf nur ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei der Bege­hung der Anlas­s­tat auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht 1.

Ver­fol­gungs­wahn, Sui­zid­ver­such – und die Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie

Wegen feh­len­der Ein­sichts­fä­hig­keit ist schuld­un­fä­hig, wer infol­ge der bei ihm fest­ge­stell­ten Stö­rung im kon­kre­ten Fall die äuße­ren Umstän­de sei­nes Tuns oder deren ihre Straf­wür­dig­keit begrün­den­den Bedeu­tungs­ge­halt nicht erkannt hat 2. Dies ist im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen 3.

Soweit das Land­ge­richt im Rah­men der Beweis­wür­di­gung dazu aus­führt, es sei mit dem Sach­ver­stän­di­gen davon aus­zu­ge­hen, dass der Beschul­dig­te zur Tat­zeit und "mut­maß­lich" wäh­rend eines ins­ge­samt wesent­lich grö­ße­ren Zeit­rau­mes mas­si­ve Stö­run­gen von Auf­merk­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on und Auf­fas­sung gezeigt habe, sodass ihm eine adäqua­te Rea­li­täts­prü­fung sei­nes Erle­bens nicht mehr mög­lich gewe­sen sei, wird damit nur das all­ge­mein vor­han­de­ne Stö­rungs­bild auf­ge­zeigt. Dass es ihm im Zeit­punkt der Anlas­s­tat unmög­lich war, das Unrecht einer Brand­le­gung zu erken­nen und er des­halb tat­säch­lich ohne Unrechts­ein­sicht gehan­delt hat, wird damit nicht belegt. Das fest­ge­stell­te Wah­nerle­ben lässt kei­nen unmit­tel­ba­ren Bezug – etwa im Sin­ne ent­spre­chen­der impe­ra­ti­ver Stim­men – zu der Ent­schei­dung für die Brand­le­gung am 19.08.2014 erken­nen. Die für den Ent­schluss zur Anlas­s­tat maß­geb­li­che Sui­zid­be­reit­schaft fin­det zwar ihre Ursa­che in der durch die psy­chi­sche Erkran­kung aus­ge­lös­ten sozia­len Iso­la­ti­on. Für eine feh­len­de Unrechts­ein­sicht bie­tet sie kei­nen trag­fä­hi­gen Anknüp­fungs­punkt.

Die für eine Unter­brin­gung nach § 63 StGB erfor­der­li­che Gefähr­lich­keits­pro­gno­se ist nur dann gege­ben, wenn eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des besteht, dass der Täter infol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustan­des in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen wer­de 1. Dabei kann auch zurück­lie­gen­den Taten eine indi­zi­el­le Bedeu­tung für die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se zukom­men, doch wird dies regel­mä­ßig nur bei Taten der Fall sein, die in einem inne­ren Zusam­men­hang zu der fest­ge­stell­ten Erkran­kung gestan­den haben und deren Ursa­che nicht in ande­ren, nicht krank­heits­be­ding­ten Umstän­den zu fin­den ist 4. Dazu bedarf es kon­kre­ter Dar­le­gun­gen. Allein die Fest­stel­lung, dass der Beschul­dig­te "auch in Ita­li­en durch Brand­stif­tung auf­fäl­lig gewor­den war" reicht dafür nicht aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juli 2015 – 4 StR 277/​15

  1. BGH, Urteil vom 10.12 2014 – 2 StR 170/​14, NStZ-RR 2015, 72, 73 mwN[][]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.03.1986 – 4 StR 40/​86, BGHSt 34, 22, 25; SSW-StG­B/­Kas­par, 2. Aufl., § 20 Rn. 6 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 20.11.2012 – 1 StR 504/​12, NJW 2013, 246 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2012 – 4 StR 224/​12, NStZ-RR 2012, 337, 338; Urteil vom 11.08.2011 – 4 StR 267/​11, Rn. 14[]