Ver­harm­lo­sung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mords

Eine Ver­ur­tei­lung nach § 130 Abs. 3 StGB wegen Bil­li­gung, Leug­nung oder Ver­harm­lo­sung bestimm­ter unter der Herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus began­ge­ner Ver­bre­chen kommt in allen Vari­an­ten – und damit auch in der Form des Ver­harm­lo­sens – nur bei Äuße­run­gen in Betracht, die geeig­net sind, den öffent­li­chen Frie­den zu gefähr­den. Dies ist bei der Ver­harm­lo­sung eigens fest­zu­stel­len und nicht wie bei ande­ren Vari­an­ten indi­ziert.

Ver­harm­lo­sung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mords

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de statt­ge­ge­ben, die sich gegen eine sol­che Ver­ur­tei­lung wegen Volks­ver­het­zung rich­te­te. Der Ver­ur­tei­lung lagen nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kei­ne trag­fä­hi­gen Fest­stel­lun­gen zugrun­de, nach denen die Äuße­run­gen des Beschwer­de­füh­rers geeig­net waren, den öffent­li­chen Frie­den in dem von der Mei­nungs­frei­heit gebo­te­nen Ver­ständ­nis als Fried­lich­keit der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zu gefähr­den. Die mög­li­che Kon­fron­ta­ti­on mit beun­ru­hi­gen­den Mei­nun­gen, auch wenn sie in ihrer gedank­li­chen Kon­se­quenz gefähr­lich und selbst wenn sie auf eine prin­zi­pi­el­le Umwäl­zung der gel­ten­den Ord­nung gerich­tet sind, gehört zum frei­heit­li­chen Staat. Eine Ver­harm­lo­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Ideo­lo­gie oder eine anstö­ßi­ge Geschichts­in­ter­pre­ta­ti­on die­ser Zeit allein begrün­den eine Straf­bar­keit nicht.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Der Beschwer­de­füh­rer, der die Inter­net­prä­senz "Netz­ra­dio Ger­ma­nia" betrieb, ver­öf­fent­lich­te auf sei­ner Inter­net­sei­te und auf sei­nem You­Tube-Account eine Audio­da­tei, in der ein Drit­ter die ers­te "Wehr­machts­aus­stel­lung", die vor eini­gen Jah­ren in Deutsch­land an ver­schie­de­nen Orten gezeigt wur­de, wegen der teil­wei­se unrich­tig dar­ge­stell­ten Fotos von Sol­da­ten der Wehr­macht kri­ti­siert. Den Aus­stel­lungs­ver­ant­wort­li­chen wer­den Fäl­schun­gen und Mani­pu­la­tio­nen sowie Volks­ver­het­zung und den alli­ier­ten Sie­ger­mäch­ten "Lügen­pro­pa­gan­da" vor­ge­wor­fen. His­to­ri­sche Wahr­hei­ten wür­den ver­folgt und bestraft, Men­schen sei­en frei­wil­lig mit der SS in Lager gegan­gen. Holo­caust-Über­le­ben­den wird vor­ge­wor­fen, mit Vor­trä­gen über die Mas­sen­ver­nich­tung Geld zu ver­die­nen und es wird die The­se ver­tre­ten, dass Wider­stands­kämp­fer gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus und Zeu­gen in den Gerichts­pro­zes­sen zu des­sen Auf­ar­bei­tung gelo­gen hät­ten.

Die Ent­schei­dun­gen der Straf­ge­rich­te[↑]

Das Amts­ge­richt ver­ur­teil­te den Beschwer­de­füh­rer wegen Volks­ver­het­zung zu einer Geld­stra­fe von 70 Tages­sät­zen in Höhe von je 30, – €. Er habe sich durch das öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chen und Ver­brei­ten der Audio­da­tei über sei­ne Inter­net­prä­senz wegen Volks­ver­het­zung gemäß § 130 Abs. 3, Abs. 5 StGB schul­dig gemacht.

Das Land­ge­richt Pader­born ver­warf die Beru­fung des Beschwer­de­füh­rers mit der Maß­ga­be, dass er wegen Volks­ver­het­zung zu einer Geld­stra­fe von 100 Tages­sät­zen zu je 30, – € ver­ur­teilt wur­de1. Zur Begrün­dung führ­te das Land­ge­richt ins­be­son­de­re Fol­gen­des aus: Durch die kom­men­tar­lo­se Ein­stel­lung der oben genann­ten Rede des P. als Audio­da­tei vor dem Hin­ter­grund­bild "Netz Radio Ger­ma­nia – Volks­auf­klä­rung jetzt auch per Fern- und Funk­spre­cher" auf der You­Tube-Prä­senz sei­ner eige­nen Inter­net­sei­te habe sich der Beschwer­de­füh­rer die Aus­sa­gen des P. zu eigen gemacht und durch die zitier­ten For­mu­lie­run­gen den Völ­ker­mord in den genann­ten Ver­nich­tungs- und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ver­harm­lost.

Die ver­ton­ten Äuße­run­gen des Zeu­gen P. bezö­gen sich, dafür ste­he schon das Syn­onym "Ausch­witz", auf unter der Herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus began­ge­ne Hand­lun­gen der in § 6 Abs. 1 VStGB bezeich­ne­ten Art. Die­se Äuße­run­gen sei­en zudem durch das Ein­stel­len auf der Inter­net­platt­form You­Tube öffent­lich getä­tigt wor­den. Der gespro­che­ne Text beinhal­te zudem eine Ver­harm­lo­sung des Holo­caust. Ein Ver­harm­lo­sen lie­ge vor, wenn der Äußern­de die Anknüp­fungs­tat­sa­chen für die Tat­säch­lich­keit der NS-Gewalt­ta­ten her­un­ter­spie­le, beschö­ni­ge oder in ihrem wah­ren Gewicht ver­schleie­re. Nicht erfor­der­lich sei das Bestrei­ten des Völ­ker­mor­des als his­to­ri­sches Gesamt­ge­sche­hen; es genü­ge ein "Her­un­ter­rech­nen der Opfer­zah­len" und sons­ti­ge For­men des Rela­ti­vie­rens oder Baga­tel­li­sie­rens sei­nes Unrechts­ge­hal­tes. Ein sol­ches Rela­ti­vie­ren und Baga­tel­li­sie­ren lie­ge hier vor. Das NS-Gewalt- und Mas­sen­ver­nich­tungs­un­recht sowohl im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz als auch in den deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Dach­au, Buchen­wald und Ber­gen-Bel­sen sei eine geschicht­li­che Tat­sa­che. Dem­ge­gen­über gehe die Aus­sa­ge der ein­schlä­gi­gen Text­pas­sa­gen der Rede des Zeu­gen P. erkenn­bar dahin, dass es nicht in dem geschicht­lich aner­kann­ten Umfang zu dem Mas­sen­mord in Ausch­witz und anders­wo gekom­men sei. Viel­mehr wer­de durch den mehr­fa­chen Gebrauch der Begrif­fe Lügen, Pro­pa­gan­da und Lügen­pro­pa­gan­da sug­ge­riert, dass die Zahl der Opfer in so erheb­li­cher Wei­se nach unten kor­ri­giert wer­den müs­se, dass es in die­sem Zusam­men­hang als ange­bracht erschei­ne, der bis­he­ri­gen Geschichts­schrei­bung bewusst betrie­be­ne ein­sei­ti­ge Kol­lek­tiv­schuld­zu­wei­sung gegen­über dem deut­schen Volk und den Gebrauch von Lügen zu beschei­ni­gen. Der Kon­text der ver­ton­ten Rede zei­ge ein umfas­sen­des Her­un­ter­spie­len der Opfer­zah­len durch den Ver­fas­ser P., nicht nur ein zah­len­mä­ßi­ges Infra­ge­stel­len im Rand­be­reich der geschicht­lich fest­ste­hen­den Grö­ßen­ord­nung, zumal die­se Zah­len von ihm nicht genannt wür­den. Im Vor­der­grund des gesam­ten gespro­che­nen Tex­tes ste­he das Anpran­gern angeb­li­cher Lügen im Zusam­men­hang mit den Gräu­el­ta­ten der NS-Herr­schaft. So wür­den nicht nur die Opfer­zah­len infra­ge gestellt, son­dern auch Bele­ge wie die Erzäh­lun­gen eines Elie Wie­sel oder das Tage­buch der Anne Frank als ver­meint­lich fal­sche geschicht­li­che Tat­sa­che ent­larvt. Zeit­zeu­gen wür­den als Lüg­ner bezeich­net, wenn P. äuße­re: "Oder weil all die angeb­li­chen Zeu­gen nicht belangt wer­den sol­len, die vor Gerich­ten gelo­gen und Mein­ei­de geschwo­ren haben, wenn sie behaup­ten, es wären auf deut­schem Boden, ob in Dach­au, Buchen­wald oder Ber­gen-Bel­sen Häft­lin­ge ver­gast wor­den?". Dem Zuhö­rer wer­de hier­durch sug­ge­riert, dass es auf deut­schem Boden nicht zu Gräu­el­ta­ten gegen Häft­lin­ge in den vor­ge­nann­ten Lagern gekom­men sei. Denn der Arti­kel set­ze sich mit kei­nem Wort damit aus­ein­an­der, dass – wenn es dort auch nicht zu Ver­ga­sun­gen gekom­men sei – den­noch Tau­sen­de von Men­schen auf­grund ande­rer Umstän­de, wie etwa den men­schen­un­wür­di­gen Lebens­be­din­gun­gen, Hun­ger oder Erschöp­fung den Tod gefun­den hät­ten. P. erwe­cke den Ein­druck, dass eine zutref­fen­de Beur­tei­lung der Ver­bre­chen durch bewusst betrie­be­ne Lügen­pro­pa­gan­da unter­bun­den wer­de. Dies impli­zie­re die Aus­sa­ge, dass die bis­he­ri­gen als gesi­chert gel­ten­den Erkennt­nis­se über Anzahl und Schick­sal der Opfer im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz oder in ande­ren von den deut­schen Macht­ha­bern unter­hal­te­nen Kon­zen­tra­ti­ons- und Arbeits­la­gern das Ergeb­nis einer bewuss­ten und gewoll­ten Geschichts­fäl­schung sei­en, deren Rich­tig­stel­lung zu einer ent­schei­dend güns­ti­ge­ren Beur­tei­lung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unrecht­s­ta­ten füh­ren wür­de.

Die ver­ton­te Rede des Zeu­gen P. sei auch geeig­net gewe­sen, den öffent­li­chen Frie­den zu stö­ren. Gestört sei der öffent­li­che Frie­den unter ande­rem dann, wenn das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in die öffent­li­che Rechts­si­cher­heit erschüt­tert wer­de und die Äuße­rung auf die Betrof­fe­nen als Aus­druck uner­träg­li­cher Miss­ach­tung wir­ke. Der ver­ton­te Arti­kel eben­so wie der gesam­te Inter­net­auf­tritt des "Netz­ra­dio Ger­ma­nia" rich­te­ten sich an ein für eine Ver­het­zung poten­zi­ell auf­nah­me­be­rei­tes Publi­kum. Wie sich aus der in der münd­li­chen Ver­hand­lung in Augen­schein genom­me­nen Inter­net­prä­senz erge­be, sei offen­sicht­lich, dass sich die Inter­net­sei­te "Netz­ra­dio Ger­ma­nia" an ein Publi­kum am äuße­ren rech­ten Rand des poli­ti­schen Spek­trums rich­te. Durch die ver­ton­te Rede sei eine Gefah­ren­quel­le geschaf­fen wor­den, die ins­be­son­de­re bei der zum Tat­zeit­punkt und auch noch aktu­el­len poli­ti­schen Lage geeig­net gewe­sen sei, das Mit­ein­an­der zwi­schen Juden und ande­ren in Deutsch­land leben­den Bevöl­ke­rungs­grup­pen emp­find­lich zu stö­ren und deren Ver­trau­en auf Rechts­si­cher­heit zu beein­träch­ti­gen.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on ver­warf das Ober­lan­des­ge­richt Hamm als unbe­grün­det, da die Nach­prü­fung des Urteils kei­nen Rechts­feh­ler zum Nach­teil des Beschwer­de­füh­rers erge­ben habe2.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sah den Beschwer­de­füh­rer durch die Ent­schei­dun­gen des Land­ge­richts Pader­born und des Ober­lan­des­ge­richts Hamm in sei­nem Grund­recht aus Arti­kel 5 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt. Es hob daher die Ent­schei­dun­gen des Land­ge­richts Pader­born wie des Ober­lan­des­ge­richts Hamm auf und ver­wies die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Land­ge­richt Pader­born zurück.

Soweit der Beschwer­de­füh­rer rügt, durch das ange­grif­fe­ne Urteil des Land­ge­richts und den ange­grif­fe­nen Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts in sei­nen Rech­ten aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ver­letzt zu sein, nimmt die Kam­mer die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung an, weil dies zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te des Beschwer­de­füh­rers ange­zeigt ist (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG).

Das Urteil des Land­ge­richts und der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts ver­let­zen den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Art. 5 Abs. 1 GG.

Schutz­be­reich der Mei­nungs­frei­heit[↑]

Maß­stab ist die Mei­nungs­frei­heit des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG.

Gegen­stand des Schutz­be­reichs des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG sind Mei­nun­gen, das heißt durch das Ele­ment der Stel­lung­nah­me und des Dafür­hal­tens gepräg­te Äuße­run­gen3. Sie fal­len stets in den Schutz­be­reich von Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG, ohne dass es dabei dar­auf ankä­me, ob sie sich als wahr oder unwahr erwei­sen, ob sie begrün­det oder grund­los, emo­tio­nal oder ratio­nal sind, als wert­voll oder wert­los, gefähr­lich oder harm­los ein­ge­schätzt wer­den4.

Neben Mei­nun­gen sind vom Schutz des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG auch Tat­sa­chen­mit­tei­lun­gen umfasst, da und soweit sie Vor­aus­set­zung für die Bil­dung von Mei­nun­gen sind bezie­hungs­wei­se sein kön­nen5. Nicht mehr in den Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG fal­len hin­ge­gen bewusst oder erwie­sen unwah­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, da sie zu der ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten Mei­nungs­bil­dung nichts bei­tra­gen kön­nen6.

Das Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit ist aller­dings nicht vor­be­halt­los gewähr­leis­tet. Nach Art. 5 Abs. 2 GG unter­liegt es ins­be­son­de­re den Schran­ken, die sich aus den all­ge­mei­nen Geset­zen erge­ben. Ein­grif­fe in die Mei­nungs­frei­heit müs­sen danach for­mell auf ein all­ge­mei­nes, nicht gegen eine bestimm­te Mei­nung gerich­te­tes Gesetz gestützt sein, und mate­ri­ell in Blick auf die Mei­nungs­frei­heit als für die demo­kra­ti­sche Ord­nung grund­le­gen­des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­grund­recht den Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­an­for­de­run­gen genü­gen.

Mei­nungs­frei­heit und die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gewalt­herr­schaft[↑]

Hin­sicht­lich des for­mel­len Erfor­der­nis­ses der All­ge­mein­heit mei­nungs­be­schrän­ken­der Geset­ze erkennt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aller­dings eine Aus­nah­me für Geset­ze an, die auf die Ver­hin­de­rung einer pro­pa­gan­dis­ti­schen Affir­ma­ti­on der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt- und Will­kür­herr­schaft zwi­schen den Jah­ren 1933 und 1945 zie­len. Es trägt damit der iden­ti­täts­prä­gen­den Bedeu­tung der deut­schen Geschich­te Rech­nung und lässt die­se in das Ver­ständ­nis des Grund­ge­set­zes ein­flie­ßen7.

Von die­ser Aus­nah­me bleibt jedoch der mate­ri­el­le Gehalt der Mei­nungs­frei­heit unbe­rührt. Ins­be­son­de­re kennt das Grund­ge­setz kein all­ge­mei­nes Grund­prin­zip, das ein Ver­bot der Ver­brei­tung rechts­ra­di­ka­len oder auch natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­guts schon in Bezug auf die geis­ti­ge Wir­kung sei­nes Inhalts erlaub­te. Viel­mehr gewähr­leis­tet Art. 5 Abs. 1 und 2 GG die Mei­nungs­frei­heit als Geis­tes­frei­heit unab­hän­gig von der inhalt­li­chen Bewer­tung ihrer Rich­tig­keit, recht­li­chen Durch­setz­bar­keit oder Gefähr­lich­keit. Art. 5 Abs. 1 und 2 GG erlaubt nicht den staat­li­chen Zugriff auf die Gesin­nung, son­dern ermäch­tigt erst dann zum Ein­griff, wenn Mei­nungs­äu­ße­run­gen die rein geis­ti­ge Sphä­re des Für-rich­tig-Hal­tens ver­las­sen und in Rechts­gut­ver­let­zun­gen oder erkenn­bar in Gefähr­dungs­la­gen umschla­gen8. Dies ist der Fall, wenn sie den öffent­li­chen Frie­den in dem Ver­ständ­nis als Fried­lich­keit der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung gefähr­den und so den Über­gang zu Aggres­si­on oder Rechts­bruch mar­kie­ren9.

Die­sen Anfor­de­run­gen haben auch Fach­ge­rich­te bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der die Mei­nungs­frei­heit beschrän­ken­den Geset­ze Rech­nung zu tra­gen, damit die wert­set­zen­de Bedeu­tung der Mei­nungs­frei­heit auch auf der Rechts­an­wen­dungs­ebe­ne gewahrt bleibt. Zwi­schen Grund­rechts­schutz und Grund­rechts­schran­ken fin­det eine Wech­sel­wir­kung in dem Sin­ne statt, dass die Schran­ken zwar dem Wort­laut nach dem Grund­recht Gren­zen set­zen, ihrer­seits aber aus der Erkennt­nis der grund­le­gen­den Bedeu­tung die­ses Grund­rechts im frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Staat aus­ge­legt und so in ihrer das Grund­recht begren­zen­den Wir­kung selbst wie­der ein­ge­schränkt wer­den müs­sen10.

Mei­nungs­frei­heit und der öffent­li­che Frie­den[↑]

Einer Nach­prü­fung anhand die­ser Maß­stä­be hielt im vor­lie­gen­den Fall die Ent­schei­dung des Land­ge­richts als letz­te Tat­sa­chen­in­stanz nicht stand. Das Land­ge­richt hat im Rah­men der Anwen­dung des § 130 Abs. 3 StGB kei­ne trag­fä­hi­gen Fest­stel­lun­gen getrof­fen, nach denen die Äuße­run­gen des Beschwer­de­füh­rers geeig­net waren, den öffent­li­chen Frie­den in dem ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Ver­ständ­nis als Fried­lich­keit der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zu stö­ren.

Die Äuße­run­gen, die der Ver­ur­tei­lung zu Grun­de gelegt wur­den, unter­fal­len als mit dif­fu­sen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen ver­misch­te Wert­ur­tei­le dem Schutz­be­reich des Grund­rechts der Mei­nungs­frei­heit. Nicht zu bean­stan­den ist, dass das Land­ge­richt die auf der Web­sei­te des Beschwer­de­füh­rers ver­öf­fent­lich­ten, von einem Drit­ten gemach­ten Äuße­run­gen die­sem zuge­rech­net hat.

In der Bestra­fung wegen der Ver­brei­tung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Tex­tes liegt ein Ein­griff in die­ses Grund­recht. Die Ein­griffs­grund­la­ge liegt in § 130 Abs. 3 und 5 StGB, auf den das Land­ge­richt die Ver­ur­tei­lung gestützt hat. Dass § 130 Abs. 3 StGB kein all­ge­mei­nes Gesetz ist, son­dern spe­zi­fisch nur Äuße­run­gen zum Natio­nal­so­zia­lis­mus unter Stra­fe stellt, steht der Ver­ur­tei­lung nach den oben genann­ten Maß­stä­ben nicht ent­ge­gen. Als Vor­schrift, die auf die Ver­hin­de­rung einer pro­pa­gan­dis­ti­schen Affir­ma­ti­on der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt- und Will­kür­herr­schaft zwi­schen den Jah­ren 1933 und 1945 gerich­tet ist, ist sie von der for­mel­len Anfor­de­rung der All­ge­mein­heit, wie sie sonst nach Art. 5 Abs. 2 GG gilt, aus­ge­nom­men.

Der Ein­griff genügt der Mei­nungs­frei­heit jedoch in mate­ri­el­ler Hin­sicht nicht. Die Straf­ge­rich­te haben den Anfor­de­run­gen des Art. 5 Abs. 1 GG nicht hin­rei­chend Rech­nung getra­gen.

§ 130 Abs. 3 StGB ist auf die Bewah­rung des öffent­li­chen Frie­dens gerich­tet. Ent­spre­chend ver­langt der Tat­be­stand der Norm schon sei­nem Wort­laut nach eine Äuße­rung, die geeig­net ist, den öffent­li­chen Frie­den zu stö­ren. Zwar bedarf das Tat­be­stands­merk­mal der Eig­nung zur Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens in Bezug auf das Bestimmt­heits­ge­bot des Art. 103 Abs. 2 GG einer nähe­ren Kon­kre­ti­sie­rung durch die wei­te­ren Tat­be­stands­merk­ma­le; auch kann, wenn die­se ver­wirk­licht sind, eine Frie­dens­stö­rung in der Regel ver­mu­tet wer­den11. Dies setzt aber umge­kehrt vor­aus, dass die wei­te­ren Tat­be­stands­merk­ma­le ihrer­seits im Lich­te der Frie­dens­stö­rung aus­ge­legt wer­den. Inso­weit kommt eine Ver­ur­tei­lung nach § 130 Abs. 3 StGB in allen Vari­an­ten – und damit auch in der Form des Ver­harm­lo­sens – nur dann in Betracht, wenn hier­von allein sol­che Äuße­run­gen erfasst wer­den, die geeig­net sind, den öffent­li­chen Frie­den im Sin­ne der Anfor­de­run­gen des Art. 5 Abs. 1 GG zu gefähr­den. Soweit sich dies aus den übri­gen Tat­be­stands­merk­ma­len selbst nicht ein­deu­tig ergibt, ist die Eig­nung zur Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens eigens fest­zu­stel­len. Anders als in den Fäl­len der Leug­nung und der Bil­li­gung, in denen die Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens indi­ziert ist, erscheint dies für den Fall der Ver­harm­lo­sung gebo­ten.

Im Lich­te des Art. 5 Abs. 1 GG erge­ben sich an die Eig­nung zur Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens nähe­re Anfor­de­run­gen.

Aus­gangs­punkt ist die Mei­nungs­frei­heit als Geis­tes­frei­heit. Ein­grif­fe in Art. 5 Abs. 1 GG dür­fen nicht dar­auf gerich­tet sein, Schutz­maß­nah­men gegen­über rein geis­tig blei­ben­den Wir­kun­gen von bestimm­ten Mei­nungs­äu­ße­run­gen zu tref­fen. Das Anlie­gen, die Ver­brei­tung ver­fas­sungs­feind­li­cher Ansich­ten zu ver­hin­dern, ist eben­so­we­nig ein Grund, Mei­nun­gen zu beschrän­ken, wie deren Wert­lo­sig­keit oder auch Gefähr­lich­keit. Legi­tim ist es dem­ge­gen­über, Rechts­gut­ver­let­zun­gen zu unter­bin­den12.

Danach ist dem Begriff des öffent­li­chen Frie­dens ein ein­ge­grenz­tes Ver­ständ­nis zugrun­de zu legen. Nicht trag­fä­hig ist ein Ver­ständ­nis des öffent­li­chen Frie­dens, das auf den Schutz vor sub­jek­ti­ver Beun­ru­hi­gung der Bür­ger durch die Kon­fron­ta­ti­on mit pro­vo­kan­ten Mei­nun­gen und Ideo­lo­gi­en zielt. Die mög­li­che Kon­fron­ta­ti­on mit beun­ru­hi­gen­den Mei­nun­gen, auch wenn sie in ihrer gedank­li­chen Kon­se­quenz gefähr­lich und selbst wenn sie auf eine prin­zi­pi­el­le Umwäl­zung der gel­ten­den Ord­nung gerich­tet sind, gehört zum frei­heit­li­chen Staat. Der Schutz vor einer "Ver­gif­tung des geis­ti­gen Kli­mas" ist eben­so wenig ein Ein­griffs­grund wie der Schutz der Bevöl­ke­rung vor einer Krän­kung ihres Rechts­be­wusst­seins durch tota­li­tä­re Ideo­lo­gi­en oder eine offen­kun­dig fal­sche Inter­pre­ta­ti­on der Geschich­te13. Eine Ver­harm­lo­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Ideo­lo­gie oder eine anstö­ßi­ge Geschichts­in­ter­pre­ta­ti­on die­ser Zeit allein begrün­den eine Straf­bar­keit nicht14.

Ein legi­ti­mes Schutz­gut ist der öffent­li­che Frie­den hin­ge­gen in einem Ver­ständ­nis als Gewähr­leis­tung von Fried­lich­keit. Ziel ist hier der Schutz vor Äuße­run­gen, die ihrem Inhalt nach erkenn­bar auf rechts­gut­ge­fähr­den­de Hand­lun­gen hin ange­legt sind. Die Wah­rung des öffent­li­chen Frie­dens bezieht sich inso­weit auf die Außen­wir­kun­gen von Mei­nungs­äu­ße­run­gen etwa durch Appel­le oder Emo­tio­na­li­sie­run­gen, die bei den Ange­spro­che­nen Hand­lungs­be­reit­schaft aus­lö­sen oder Hemm­schwel­len her­ab­set­zen oder Drit­te unmit­tel­bar ein­schüch­tern15. Eine Ver­ur­tei­lung kann dann an Mei­nungs­äu­ße­run­gen anknüp­fen, wenn sie über die Über­zeu­gungs­bil­dung hin­aus mit­tel­bar auf Real­wir­kun­gen ange­legt sind und etwa in Form von Appel­len zum Rechts­bruch, aggres­si­ven Emo­tio­na­li­sie­run­gen oder durch Her­ab­set­zung von Hemm­schwel­len rechts­gut­ge­fähr­den­de Fol­gen unmit­tel­bar aus­lö­sen kön­nen16.

Die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen nicht. Das Vor­lie­gen der Eig­nung einer Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens begrün­det das Land­ge­richt in ers­ter Linie damit, dass das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in die öffent­li­che Rechts­si­cher­heit erschüt­tert wer­de und die Äuße­run­gen als Aus­druck uner­träg­li­cher Miss­ach­tung wirk­ten. Damit wird aber in der Sache nicht mehr als eine Ver­gif­tung des geis­ti­gen Kli­mas und eine Krän­kung des Rechts­be­wusst­seins der Bevöl­ke­rung gel­tend gemacht, die die Fried­lich­keits­schwel­le noch nicht erreicht. Nichts ande­res gilt für die nicht näher sub­stan­ti­ier­te, ersicht­lich allein auf den rechts­ge­rich­te­ten Inhalt der Äuße­run­gen abstel­len­de Behaup­tung, dass die Äuße­rung geeig­net sei, das Mit­ein­an­der ver­schie­de­ner Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu beein­träch­ti­gen. Dass sich die Inter­net­sei­te an ein Publi­kum am äuße­ren rech­ten Rand des poli­ti­schen Spek­trums rich­te, begrün­det für sich genom­men eine Gefähr­dung des öffent­li­chen Frie­dens im Sin­ne der Fried­lich­keit der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung nicht.

Die Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens ergibt sich auch nicht mit­tel­bar aus den fach­ge­richt­li­chen Wür­di­gun­gen der Äuße­run­gen selbst. Das Land­ge­richt stellt inso­weit fest, dass mit den Äuße­run­gen die Gewalt­ta­ten des NS-Regimes rela­ti­viert und baga­tel­li­siert wür­den. Dabei wirft das Gericht dem Beschwer­de­füh­rer nicht vor, dass hier­durch Aggres­si­vi­tät geschürt und die Gewalt­herr­schaft oder Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus gegen die Mensch­lich­keit gebil­ligt oder geleug­net wür­den. Abge­stellt wird viel­mehr auf eine ein­sei­tig beschö­ni­gen­de Dar­stel­lung des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Indem die Äuße­run­gen der bis­he­ri­gen Geschichts­schrei­bung eine ein­sei­ti­ge Kol­lek­tiv­schuld­zu­wei­sung und den Gebrauch von Lügen beschei­nig­ten und dabei die Opfer weder erwähn­ten noch wür­dig­ten, sug­ge­rier­ten sie, dass es nicht in dem geschicht­lich aner­kann­ten Umfang zu dem Mas­sen­mord in Ausch­witz und anders­wo gekom­men sei. Hier­mit wird das Errei­chen der Schwel­le einer Eig­nung zur Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens im Sin­ne der Infra­ge­stel­lung der Fried­lich­keit der Aus­ein­an­der­set­zung – wie durch die Ver­herr­li­chung von Gewalt, die Het­ze auf bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen oder auch durch eine emo­tio­na­li­sie­ren­de Prä­sen­ta­ti­on – nicht dar­ge­tan. Die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit sind nicht schon dann über­schrit­ten, wenn die aner­kann­te Geschichts­schrei­bung oder die Opfer nicht ange­mes­sen gewür­digt wer­den. Viel­mehr sind von ihr auch offen­sicht­lich anstö­ßi­ge, absto­ßen­de und bewusst pro­vo­zie­ren­de Äuße­run­gen gedeckt, die wis­sen­schaft­lich halt­los sind und das Wert­fun­da­ment unse­rer gesell­schaft­li­chen Ord­nung zu dif­fa­mie­ren suchen.

Der Schutz sol­cher Äuße­run­gen durch die Mei­nungs­frei­heit besagt damit nicht, dass die­se als inhalt­lich akzep­ta­bel mit Gleich­gül­tig­keit in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on auf­zu­neh­men sind. Die frei­heit­li­che Ord­nung des Grund­ge­set­zes setzt viel­mehr dar­auf, dass sol­chen Äuße­run­gen, die für eine demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit schwer erträg­lich sein kön­nen, grund­sätz­lich nicht durch Ver­bo­te, son­dern in der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ent­ge­gen­ge­tre­ten wird. Die Mei­nungs­frei­heit fin­det erst dann ihre Gren­zen im Straf­recht, wenn die Äuße­run­gen in einen unfried­li­chen Cha­rak­ter umschla­gen. Hier­für ent­hal­ten die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen jedoch kei­ne Fest­stel­lun­gen.

Anwen­dung im vor­lie­gen­den Fall[↑]

Da das Ober­lan­des­ge­richt die Revi­si­on des Beschwer­de­füh­rers ohne nähe­re Begrün­dung als unbe­grün­det ver­wor­fen hat, lei­det sei­ne Ent­schei­dung an den­sel­ben Män­geln wie das ange­grif­fe­ne Urteil des Land­ge­richts.

Das Urteil des Land­ge­richts und sei­ne Bestä­ti­gung durch den Ver­wer­fungs­be­schluss des Ober­lan­des­ge­richts beru­hen auf der Ver­ken­nung der Bedeu­tung und Trag­wei­te des Grund­rechts auf Mei­nungs­frei­heit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Gerich­te bei Berück­sich­ti­gung der grund­recht­li­chen Anfor­de­run­gen zu einem ande­ren Ergeb­nis gekom­men wären.

Das Urteil des Land­ge­richts und der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts sind dem­nach gemäß § 93c Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 95 Abs. 2 BVerfGG auf­zu­he­ben und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Land­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Juni 2018 – 1 BvR 2083 – /​15

  1. LG Pader­born, Urteil vom 12.03.2015 – 03 Ns-40 Js 81/​13−178÷14 []
  2. OLG Hamm, Beschluss vom 21.07.2015 – III-4 RVs 76/​15 []
  3. vgl. BVerfGE 7, 198, 210; 61, 1, 8; 90, 241, 247 []
  4. vgl. BVerfGE 90, 241, 247; 124, 300, 320 []
  5. vgl. BVerfGE 61, 1, 8; 90, 241, 247 []
  6. vgl. BVerfGE 61, 1, 8; 90, 241, 247 []
  7. vgl. BVerfGE 124, 300, 328 ff. []
  8. BVerfGE 124, 300, 330 []
  9. vgl. BVerfGE 124, 300, 335 []
  10. vgl. BVerfGE 7, 198, 208 f.; 124, 300, 332, 342 []
  11. vgl. BVerfGE 124, 300, 339 ff. []
  12. vgl. BVerfGE 124, 300, 332 f. []
  13. BVerfGE 124, 300, 334 []
  14. vgl. BVerfGE 124, 300, 336 []
  15. vgl. BVerfGE 124, 300, 335 []
  16. vgl. BVerfGE 124, 300, 333 []