Ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chung per Durch­su­chungs­be­schluss

Nach der Vor­schrift des § 78c Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB wird die Ver­jäh­rung durch jede rich­ter­li­che Beschlag­nah­me- oder Durch­su­chungs­an­ord­nung unter­bro­chen, auch wenn die­se gegen einen Drit­ten ergeht 1.

Ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chung per Durch­su­chungs­be­schluss

Die recht­li­che Feh­ler­haf­tig­keit einer rich­ter­li­chen Anord­nung lässt die die­ser Anord­nung zukom­men­de Unter­bre­chungs­wir­kung unbe­rührt, solan­ge die Män­gel nicht so schwer wie­gen, dass sie die Unwirk­sam­keit der Anord­nung zur Fol­ge haben 2.

Von einer sol­chen eine Ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chung aus­schlie­ßen­den Unwirk­sam­keit der Anord­nung geht die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bei rich­ter­li­chen Durch­su­chungs- und Beschlag­nah­me­an­ord­nun­gen aus, die den ver­fas­sungs­recht­li­chen Min­dest­an­for­de­run­gen an die Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­vor­wurfs nicht genü­gen 3.

Ange­sichts der Schwe­re des mit einer Durch­su­chung ver­bun­de­nen Ein­griffs in das Grund­recht aus Art. 13 Abs. 1 GG ist der Rich­ter zur Wah­rung der ihm durch den Rich­ter­vor­be­halt des Art. 13 Abs. 2 GG zuge­wie­se­nen Kon­troll­funk­ti­on ver­pflich­tet, durch eine geeig­ne­te For­mu­lie­rung des Durch­su­chungs­be­schlus­ses im Rah­men des Mög­li­chen und Zumut­ba­ren sicher­zu­stel­len, dass der Ein­griff in die Grund­rech­te mess­bar und kon­trol­lier­bar bleibt.

Der Durch­su­chungs­be­schluss muss ins­be­son­de­re den Tat­vor­wurf so umschrei­ben, dass der äuße­re Rah­men abge­deckt wird, inner­halb des­sen die Zwangs­maß­nah­me durch­zu­füh­ren ist. Dies ver­setzt den Betrof­fe­nen zugleich in den Stand, die Durch­su­chung sei­ner­seits zu kon­trol­lie­ren und etwai­gen Aus­ufe­run­gen im Rah­men sei­ner recht­li­chen Mög­lich­kei­ten von vorn­her­ein ent­ge­gen­zu­tre­ten 4.

Um die Durch­su­chung rechts­staat­lich zu begren­zen, muss der Rich­ter die auf­zu­klä­ren­de Tat, wenn auch kurz, doch so genau umschrei­ben, wie es nach den Umstän­den des Ein­zel­falls mög­lich ist. Hier­für sind jeden­falls knap­pe, aber aus­sa­ge­kräf­ti­ge Tat­sa­chen­an­ga­ben erfor­der­lich, wel­che die wesent­li­chen Merk­ma­le des gesetz­li­chen Tat­be­stands berück­sich­ti­gen, die die Straf­bar­keit des zu sub­su­mie­ren­den Ver­hal­tens kenn­zeich­nen 5. Män­gel in der Beschrei­bung der auf­zu­klä­ren­den Tat kön­nen durch die Bezeich­nung der zu suchen­den Beweis­mit­tel aus­ge­gli­chen wer­den, sofern die­se Rück­schlüs­se auf den kon­kre­ten Tat­vor­wurf zulas­sen 6.

Für das Maß der erfor­der­li­chen Tat­kon­kre­ti­sie­rung kön­nen schließ­lich auch außer­halb des Durch­su­chungs­be­schlus­ses lie­gen­de Umstän­de, wie etwa die Kennt­nis des Betrof­fe­nen vom Tat­vor­wurf, Bedeu­tung erlan­gen 7.

Ein Durch­su­chungs­be­fehl, der kei­ner­lei tat­säch­li­che Anga­ben über den Inhalt des Tat­vor­wurfs ent­hält und der zudem den Inhalt der kon­kret gesuch­ten Beweis­mit­tel nicht erken­nen lässt, wird rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen jeden­falls dann nicht gerecht, wenn sol­che Kenn­zeich­nun­gen nach dem bis­he­ri­gen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen ohne wei­te­res mög­lich und den Zwe­cken der Straf­ver­fol­gung nicht abträg­lich sind 8.

Sind meh­re­re selbst­stän­di­ge Straf­ta­ten im Sin­ne des § 264 StPO Gegen­stand eines Ermitt­lungs­ver­fah­rens, erstre­cken sich ver­jäh­rungs­un­ter­bre­chen­de Unter­su­chungs­hand­lun­gen grund­sätz­lich auf alle die­se Taten, sofern nicht der Ver­fol­gungs­wil­le der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den erkenn­bar auf eine oder meh­re­re Taten beschränkt ist.

Ent­schei­den­des Kri­te­ri­um für die sach­li­che Reich­wei­te der Unter­bre­chungs­wir­kung ist daher der Ver­fol­gungs­wil­le der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den. Für des­sen Bestim­mung ist der Zweck der jewei­li­gen Unter­su­chungs­hand­lung maß­geb­lich, der anhand des Wort­lauts der Maß­nah­me und des sich aus dem sons­ti­gen Akten­in­halt erge­ben­den Sach- und Ver­fah­rens­zu­sam­men­hangs zu ermit­teln ist 9.

Denn eine mög­li­che Ver­let­zung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ge­bots durch die amts­ge­richt­li­chen Durch­su­chungs­be­schlüs­se führt jeden­falls in der Regel ledig­lich zur ver­fah­rens­recht­li­chen Feh­ler­haf­tig­keit des Beschlus­ses, ohne des­sen Wirk­sam­keit zu berüh­ren, und ist daher für die Unter­bre­chung der Ver­jäh­rung ohne Bedeu­tung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Novem­ber 2016 – 4 StR 86/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.08.2006 – 1 StR 547/​05, Rn. 15, inso­weit in NStZ 2007, 213 nicht abge­druckt; Beschluss vom 01.08.1995 – 1 StR 275/​95, BGHR StGB § 78c Abs. 4 Bezug 1[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.10.1980 – StB 2931/​80, BGHSt 29, 351, 357 f.; Urteil vom 09.04.1997 – 3 StR 584/​96, BGHR StGB § 78c Abs. 1 Nr. 7 Eröff­nung 1; Beschluss vom 19.06.2008 – 3 StR 545/​07, NStZ 2009, 205, 206; Schmid in LK-StGB, 12. Aufl., § 78c Rn. 9 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.04.2000 – 5 StR 226/​99, BGHR StGB § 78c Abs. 1 Nr. 4 Durch­su­chung 1; vom 27.05.2003 – 4 StR 142/​03, NStZ 2004, 275; Urteil vom 22.08.2006 – 1 StR 547/​05, NStZ 2007, 213; Beschluss vom 25.04.2006 – 5 StR 42/​06, wis­tra 2006, 306[]
  4. vgl. BVerfGE 42, 212, 219 ff.; 44, 353, 371 f.; 103, 142, 151 f.[]
  5. vgl. BVerfG, NStZ 2002, 212; NJW 2006, 2974; Stra­Fo 2006, 450[]
  6. vgl. BVerfG, NJW 2002, 1941, 1942; Stra­Fo 2004, 413; NStZ-RR 2005, 203, 204; BVerfGK 14, 90[]
  7. vgl. BVerfGE 20, 163, 227; 42, 212, 222; 44, 353, 372; BVerfG, Beschluss vom 16.10.2002 – 2 BvR 1306/​02[]
  8. vgl. BVerfGE 42, 212, 220; 44, 353, 371; BVerfG, wis­tra 2009, 227 mwN[]
  9. st. Rspr.; BGH, Beschluss vom 19.06.2008 – 3 StR 545/​07, NStZ 2009, 205, 206; Urtei­le vom 22.08.2006 – 1 StR 547/​05, NStZ 2007, 213, 214; vom 14.06.2000 – 3 StR 94/​00, NStZ 2001, 191; vom 12.12 1995 – 1 StR 491/​95, BGHR StGB § 78c Abs. 1 Hand­lung 4; Schmid in LK-StGB, 12. Aufl., § 78c Rn. 8 mwN[]