Ver­liebt in einen Straf­ver­tei­di­ger – und ver­setzt zu einer Zivil­kam­mer

Gemäß § 21e Abs. 3 GVG kann die Geschäfts­ver­tei­lung im Lau­fe des Geschäfts­jah­res u.a. wegen dau­ern­der Ver­hin­de­rung ein­zel­ner Rich­ter geän­dert wer­den 1.

Ver­liebt in einen Straf­ver­tei­di­ger – und ver­setzt zu einer Zivil­kam­mer

Da jede Umver­tei­lung von Geschäfts­auf­ga­ben wäh­rend des lau­fen­den Geschäfts­jah­res mit Gefah­ren für das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot der Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters ver­bun­den ist 2, ist es gebo­ten, die Grün­de, die eine der­ar­ti­ge Umver­tei­lung erfor­dern, zu doku­men­tie­ren.

Um dem Anschein einer will­kür­li­chen Zustän­dig­keits­ver­schie­bung ent­ge­gen­zu­wir­ken 3, muss die­se Doku­men­ta­ti­on umfas­send und nach­voll­zieh­bar sein 4.

Hin­zu kommt, dass die revi­si­ons­ge­richt­li­che Kon­trol­le nicht auf eine rei­ne Will­kür­prü­fung beschränkt ist, son­dern sich auf die Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit der Ände­rung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans erstreckt 5. Auch des­halb muss die Doku­men­ta­ti­on der Grün­de für die Ände­rung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans so detail­liert aus­ge­stal­tet sein, dass dem Revi­si­ons­ge­richt eine Prü­fung der Recht­mä­ßig­keit mög­lich ist 6. Die Doku­men­ta­ti­on muss im erfor­der­li­chen Umfang grund­sätz­lich schon im Zeit­punkt der Prä­si­di­ums­ent­schei­dung, spä­tes­tens aber in dem Zeit­punkt vor­han­den sein, in dem über einen Beset­zungs­ein­wand nach § 222b Abs. 2 StPO zu ent­schei­den ist 7.

Die­sen Doku­men­ta­ti­ons­an­for­de­run­gen genüg­te der Beschluss des Prä­si­di­ums des Land­ge­richts im vor­lie­gen­den Fall nicht. Zur Begrün­dung der Beset­zungs­än­de­rung in der 10. Straf­kam­mer wird dort ledig­lich aus­ge­führt, dass Mit­glie­der der Kanz­lei Dr. R. und Part­ner "sehr häu­fig" vor dem Land­ge­richt Bie­le­feld in Straf­sa­chen auf­tre­ten und daher durch den Ver­bleib von Rich­te­rin am Land­ge­richt in der 10. Straf­kam­mer ein effi­zi­en­tes Arbei­ten der Kam­mer nicht mehr gewähr­leis­tet sei, da mit Ableh­nungs­ge­su­chen zu rech­nen sei.

Anhand die­ser Begrün­dung des Prä­si­di­ums­be­schlus­ses kann das Revi­si­ons­ge­richt nicht über­prü­fen, ob tat­säch­lich die Effi­zi­enz der Arbeits­wei­se in der 10. Straf­kam­mer im lau­fen­den Geschäfts­jahr durch eine mög­li­che Ver­hin­de­rung der Rich­te­rin infol­ge – nach Ein­schät­zung des Prä­si­di­ums – begrün­de­ter Ableh­nungs­an­trä­ge in einer Wei­se in Fra­ge gestellt sein konn­te, dass eine – nur unter den engen Vor­aus­set­zun­gen des § 21e Abs. 3 GVG zuläs­si­ge – unter­jäh­ri­ge Ände­rung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans gerecht­fer­tigt war. Es fehlt bereits an einer Dar­le­gung der Anzahl der Ver­fah­ren, in denen auf­grund einer Betei­li­gung der Kanz­lei Dr. R. und Part­ner Befan­gen­heits­an­trä­ge dro­hen konn­ten. Dar­über hin­aus fehlt – was für die Ein­schät­zung der Begründ­etheit mög­li­cher Befan­gen­heits­ge­su­che von Bedeu­tung gewe­sen wäre – jeg­li­che Mit­tei­lung dazu, ob der Rechts­an­walt, zu dem die aus der Straf­kam­mer aus­ge­schie­de­ne Rich­te­rin eine Bezie­hung unter­hielt, im Zeit­punkt der Ände­rung der Geschäfts­ver­tei­lung selbst in einem vor der Schwur­ge­richts­kam­mer anhän­gi­gen Ver­fah­ren als Ver­tei­di­ger oder Neben­klä­ger­ver­tre­ter tätig war. Die Begrün­dung ist auch nicht durch das Prä­si­di­um des Land­ge­richts bis zur Ent­schei­dung über den Beset­zungs­ein­wand nach § 222b StPO nach­ge­holt wor­den 8.

BGh, Urteil vom 21. Mai 2015 – 4 StR 577/​14

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.06.1977 – 5 StR 224/​77, BGHSt 27, 209, 210; vom 08.04.1981 – 3 StR 88/​81, NStZ 1981, 489; Löwe/​Rosenberg/​Breidling, StPO, 26. Aufl., § 21e GVG, Rn. 44[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.04.2009 – 3 StR 376/​08, BGHSt 53, 268, 273[]
  3. vgl. BVerfG, NJW 2009, 1734, 1735[]
  4. BGH, aaO; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.03.2015 – 5 StR 70/​15; SK-StPO/­Vel­ten, 4. Aufl., § 21e GVG, Rn. 42[]
  5. BVerfG, NJW 2005, 2689, 2690; BGH, aaO, BGHSt 53, 268, 275 f.[]
  6. BVerfG, aaO[]
  7. BGH, aaO, BGHSt 53, 268, 276 f.[]
  8. vgl. BVerfG, NJW 2009, 1734, 1735; BGH, aaO, BGHSt 53, 268, 277 f.[]